"... sie sollen ihre Tücher tief über sich ziehen. Das ist besser, damit sie erkannt und nicht belästigt werden." In der Sure 33 Vers 60 des Korans findet sich dieser Satz, von dem Muslime das Tragen eines Kopftuches ableiten und der im Zusammenhang mit öffentlichen Ämtern und Schulen immer wieder für Kontroversen sorgt. In den Mitgliedstaaten der EU sind die staatlichen Regelungen zur Kopftuchfrage sehr unterschiedlich.
Unterschiedlichste Regelungen auf EU-Ebene
Das traditionell laizistische Frankreich entfachte im Jahr 2003 über die Landesgrenzen hinaus eine Debatte über Regelungen im Zusammenhang mit dem Kopftuch. Für LehrerInnen gilt in Frankreich schon seit 1905 ein Verbot, in öffentlichen Ämtern religiöse Zeichen zu tragen. 2003 erließ das Parlament schließlich ein Gesetz, das es auch den Schülerinnen an öffentlichen Schulen untersagt, das Kopftuch zu tragen. Die Diskussion entbrannte daraufhin auch in Deutschland. Dort ist die Regelung seit September 2003 nun Ländersache. In einigen Bundesländern wie Bayern, Hessen oder Baden-Würtemberg dürfen Lehrerinnen an staatlichen Schulen im Unterricht das Kopftuch nicht mehr tragen.
In Österreich gibt es, wie in Schweden, für öffentliche Ämter oder für Schülerinnen keine Regelungen zu Kopfbedeckungen. "In Österreich wird das Kopftuch sehr stark im religiösen Kontext gesehen", so Sieglinde Rosenberger. Deshalb gebe es bei uns bisher keine große Diskussion darüber, aber: "Wenn sich das ändert, wenn die Kopftuchfrage in einen kulturellen Kontext verlagert und sie beispielsweise zu einer Frage der Integration hochstilisiert wird, dann könnte die Lage bald ganz anders aussehen."
Projekt VEIL erforscht Kopftuch-Debatte
Univ.-Prof. Dr. Birgit Sauer und Univ.-Prof. Dr. Sieglinde Rosenberger (ihre Projektmitarbeiterinnen sind Mag. Leila Hadj-Abdou und Dipl.-Soz. Nora Gresch) vom Institut für Politikwissenschaft leiten seit Anfang März dieses Jahres das EU-Projekt VEIL ("Values, Equality and Differences in Liberal Democracies. Debates about Muslim Headscarves in Europe"). Vorrangiges Ziel ist, in Zusammenarbeit mit wissenschaftlichen KollegInnen aus sieben weiteren EU-Ländern (einschließlich der Türkei) die Unterschiede in der Gesetzgebung, die Gründe für diese Differenzen sowie die Wertbezüge in den politischen Debatten zu erforschen.
Innerhalb der nächsten drei Jahre soll eine umfangreiche Bestandsaufnahme der derzeitigen Regelungen und ihrer jeweiligen länderspezifischen Begründbarkeit entstehen. "Es gibt Eckpunkte, die alle acht Projektteams in ihren jeweiligen Ländern in der ersten Forschungsphase untersuchen. Diese Eckpunkte sind wichtig, damit die erhobenen Daten vergleichbar werden", erklärt Hadj-Abdou. "Es geht um das Verhältnis Staat - Kirche, die Religionszugehörigkeit in der Bevölkerung, die jeweiligen Integrationsstrategien und die historischen Hintergründe", fügt Sauer hinzu.
Wertekluft zwischen ÖVP und CDU?
Die Teams arbeiten unter Berücksichtigung des gemeinsamen Forschungsdesigns selbstständig. Optimale Koordination innerhalb der acht Projektgruppen soll durch regelmäßige Treffen erreicht werden. Gresch: "Alle Teams werden zwei Mal jährlich zusammenkommen. Dort werden die bisherigen Ergebnisse aus allen acht Ländern vorgestellt und besprochen." Interessant für die Forscherinnen ist vor allem, warum innerhalb der EU teilweise gravierende Unterschiede im Umgang mit der Kopftuchfrage herrschen. Sauer nennt ein Beispiel: "Die rechtskonservative ÖVP in Österreich betont, sie wolle das Kopftuch nicht verbieten, das sei ganz einfach nicht im Parteiprogramm. Die CDU in Deutschland, die von der Wertestruktur ohne Zweifel mit der Österreichischen Volkspartei vergleichbar ist, hat sich vehement für ein Kopftuchverbot eingesetzt. Unser Projekt soll zeigen, warum das so ist."
"Strategien der Debatte offen legen"
Zudem wird sich die Projektarbeit auf einen zweiten Aspekt konzentrieren. Nach dem Herausfiltern der länderspezifischen Differenzen steht eine umfangreiche Analyse der Debatten rund um das Kopftuch im Fokus der Forscherinnen. Anhand von Medienanalysen sollen die Strategien der verschiedenen Standpunkte offen gelegt werden, wie Rosenberger erläutert: "Das Kopftuch steht im Schnittpunkt unterschiedlichster Spannungslinien wie Geschlecht, Ethnizität und kulturelle Hintergründe. Uns interessiert, welche Bilder, Prinzipien und Wertvorstellungen in diesen Debatten herangezogen werden. Das Projekt soll aufzeigen, zu welchen Instrumentalisierungen es kommt und dadurch für ein besseres Verständnis der Debatten rund um das Kopftuch sorgen." (pr)
Das Projekt VEIL wird von der EU finanziert. Unter der Projektleitung des Teams vom Institut für Politikwissenschaft (Sieglinde Rosenberger, Birgit Sauer, Nora Gresch und Leila Hadj-Abdou) forschen Projektgruppen aus Dänemark, Frankreich, Deutschland, Griechenland, den Niederlanden, der Türkei und Großbritannien seit März 2006. Nach drei Jahren Projektdauer werden die Arbeiten in einer Publikation vorgestellt. |