Wenn Jürgen Herler etwas Nelkenöl ins seichte Küstengewässer am ägyptischen Roten Meer träufelt, dann nicht etwa, um die Fische in Weihnachtsstimmung zu bringen: Die winzigen Meergrundeln, die sich sonst blitzschnell zwischen fein verästelten Korallenzweigen verstecken, werden vom schweren Duft betäubt und lassen sich nur dann fotografieren und sammeln. In einem FWF-Projekt testet der Fischbiologe u.a. ein eigens entwickeltes Mikrokamera-Funksystem, das eine Rund-um-die-Uhr-Beobachtung des wenig erforschten Zusammenlebens von Fisch und Koralle ermöglicht. |
Die Korallengrundel aus der Familie der Meergrundeln (Gobiidae) lebt monogam. Sie sucht sich einen Partnerfisch und dann einen passenden Korallenstock zur Unterkunft. Manchmal findet der Rifffisch die perfekte Koralle schon vor dem perfekten Partner - in diesem Fall richtet er sich schon mal alleine häuslich ein und wartet darauf, dass die große Liebe vorbeigeschwommen kommt. Ob das dann Männchen oder Weibchen ist, scheint weniger wichtig als die ideale Bleibe: Wenn notwendig, wechselt einer der beiden einfach das Geschlecht.
Partner oder Tischgenossen?
In seinem FWF-Projekt interessiert sich Jürgen Herler vom Department für Theoretische Biologie v.a. für die Kriterien, nach denen sich verschiedene Grundelarten und andere korallenassoziierte Fische ihr künftiges Zuhause aussuchen - und ob auch die "Koralle der Wahl" von dieser Wohngemeinschaft profitiert. Allem voran soll das dreijährige Forschungsvorhaben klären, ob sich aus dem Zusammenleben von Fisch und Nesseltier Vorteile für beide Seiten ergeben (Mutualismus), ob nur die Grundeln etwas davon haben (Kommensalismus) oder ob dem Korallenwirt im Gegenteil sogar geschadet wird (Parasitismus).
Dass die nur wenige Zentimeter großen Fische sich im Korallengeäst vor Fressfeinden verstecken, ist bekannt. "Es gibt aber auch Hinweise dafür, dass korallenfressende Arten wie der Falterfisch bewohnte Korallen meiden", so Herler: "Grundeln haben eine giftige Haut, vielleicht wird dadurch auch die Koralle ungenießbar." Oder mögen es die Tiere ganz einfach nicht, wenn an ihrem Häuschen geknuspert wird, und greifen die Falterfische aktiv an? "Beobachtet wurde das noch nie. Allerdings haben Grundeln einige erstaunlich große Zähne - bis heute weiß niemand, wozu."
Jeder Koralle ihren Fisch
Interessant ist auch, dass Grundeln tote Korallen völlig meiden und in beschädigten nur selten anzutreffen sind. "Die Frage nach dem Grund dafür inkludiert die Annahme, dass die Koralle länger lebt oder zumindest schneller wächst, wenn sie 'einen Fisch hat'", so der Meeresfisch-Biologe. Wenn das stimmt, dann könnten die Meergrundeln als Indikatoren für die Gesundheit und Stabilität von Riffsystemen dienen: "Das ist besonders spannend, da die Riffökologie in Zeiten des Klimawandels weltweit an Aktualität gewinnt."
Koevolution?
Die Frage nach den "Wohnvorlieben" der Grundeln ist aber auch für die Untersuchung der Evolutionsgeschichte der Korallen-Fisch-Beziehung relevant. Korallen sind morphologisch vielfältig: Einige sind fingerförmig, andere fein verzweigt wie Bäumchen. Ebenso variieren die Körperformen der Fische: Manche sind hoch und schmal und passen haargenau in die Astzwischenräume "ihrer" Korallenart. Zufall? "Das ist die große Projektfrage: Haben wir es hier mit einer Koevolution zu tun, also mit der Entwicklung von artspezifischen, wechselseitigen Anpassungen und Abhängigkeiten? Oder ist es nur eine Anpassung der Fische an die Korallenhabitate?" Im Projekt sollen Wachstum und Formveränderung der Fische an markierten Exemplaren über längere Zeiträume hinweg verfolgt werden.
Freilandarbeiten am Sinai
Für die Freilandarbeiten fährt Herler, der eng mit der ägyptischen Suez Canal University sowie Universitäten in Australien und Deutschland zusammenarbeitet, ans Rote Meer. "Das ist quasi unser 'Hausmeer' - etwa vier Stunden Flugzeit, und die Reise kostet keine Welt", erzählt er: "Wir haben am Sinai gemeinsam mit ägyptischen und deutschen KollegInnen am Aufbau der Forschungsstation 'Dahab Marine Research Center (DMRC)' mitgewirkt." Da hauptsächlich in Nationalparks gearbeitet wird, muss auch die Politik mitspielen: "Wir brauchen für jeden Handgriff eine Genehmigung."
In Testphase: Kamera-Funksystem
Aber es gibt noch andere praktische Herausforderungen: "Wir arbeiten im Flachwasser, und da am Roten Meer häufig starker Wind herrscht, sind die Wellen oft sehr hoch." Deshalb versucht man, so viel Forschungsarbeit wie möglich ins Labor zu verlagern und dort Experimente durchzuführen.
Zurzeit testet Herler ein neues Mikrokamera-Funksystem, das er gemeinsam mit österreichischen und deutschen Technikern entwickelt hat. Es hat mehrere Vorteile: "Wir sind weniger vom Wetter abhängig, es gibt keinen störenden Beobachter im Riff, wir sparen Zeit, die wir für parallel laufende Experimente nutzen können, und die gespeicherten Videos können jederzeit und überall analysiert werden." Wenn in der Testphase alles klappt, werden die scheuen, im Freiland nahezu unbeobachtbaren Grundeln bald rund um die Uhr gefilmt. (br)
Das dreijährige FWF-Projekt "Anpassungen und Mutualismen zwischen Korallen und Fischen" unter der Leitung von Mag. Dr. Juergen Herler vom Department für Theoretische Biologie startete am 1. Oktober 2009. |