Im Rahmen der Veranstaltungsreihe "10 Jahre Campus" findet am Sonntag, 13. Juli 2008 das erste KulturWissenschaftsPicknick statt, bei dem sich alles um Afrika dreht. BesucherInnen sind zu einem Kurzurlaub auf unseren Nachbarkontinent eingeladen, Vorträge, Filmprogramm, Sprachkurse und Picknick inklusive. Die Afrikanistin Birgit Englert wird die Jugendkultur Tanzanias vorstellen. |
Bongo Flava ist die mit Abstand populärste Musikkultur der Jugendlichen in Tanzania, die sich aus dem Hip-Hop entwickelt hat. "Ich habe eher zufällig begonnen, mich mit Bongo Flava zu beschäftigen", erzählt Mag. Dr. Birgit Englert vom Institut für Afrikawissenschaften. "Ich war 2002 in Tanzania, um Feldforschung für meine Dissertation über Landrechte zu betreiben. Einer meiner Forschungsassistenten war nebenbei auch Bongo-Flava-Künstler, und so bin ich mit der Szene in Kontakt gekommen." Nach Abschluss ihrer Dissertation hat sich Englert verstärkt der Auseinandersetzung mit tanzanischer Jugendkultur zugewandt. In den Jahren 2006 und 2007 waren ihre Feldforschungsaufenthalte ganz Bongo Flava gewidmet.
Underground
"Ich sehe diese Musik als Beispiel für die tanzanische Jugendkultur. Die großen Stars, die kommerziellen Erfolg haben, interessieren mich weniger. Ich untersuche in meinem Forschungsprojekt die 'Undergrounds' oder 'Maandagraundi', wie sie sich auf Swahili auch selbst bezeichnen: Jugendliche, die Bongo Flava als Ausdrucksform praktizieren, jedoch nur in ihrem Wohnviertel oder gar nicht bekannt sind und kaum über Möglichkeiten verfügen, ihre Songs aufzunehmen", erklärt Englert. Der Begriff "underground" darf aber nicht mit "alternative" in der hiesigen Musikszene verwechselt werden. "Ich bekomme dadurch Einblicke in die Perspektiven und Identitäten von 'durchschnittlichen' tanzanischen Jugendlichen, männlich wie weiblich", sagt Englert zu ihrer Forschungsmotivation.
Sound of Dar es Salaam
Doch wie kam Hip-Hop nach Ostafrika? Zunächst brachten in den 1990er Jahren die Jugendlichen der Oberschicht in der Metropole Dar es Salaam den US-Hip-Hop von ihren Auslandsaufenthalten mit. Dementsprechend haben sich die ersten Acts in der tanzanischen Landessprache Swahili noch stark an diesen Stil angelehnt. Nach wie vor werden US-Rapper wie Tupac Shakur als Vorbilder hochgehalten. Mittlerweile enthält Bongo Flava oft Elemente aus verschiedenen afrikanischen und arabischen Musikstilen und erfreut sich als eigenständiger Musikstil auch in Tanzanias Nachbarländern Kenia und Uganda großer Beliebtheit. Der Name leitet sich übrigens von der Slangbezeichnung für Dar es Salaam "Bongo" und dem Swahiliwort für Klang "Flava" ab.
Bei den Songtexten sowohl der Stars als auch der Undergrounds steht das Thema Liebe im Vordergrund, wie wohl bei jeder Populärmusik weltweit. Politische Songs gibt es zwar auch, aber sie sind klar in der Minderzahl, da sich diese aus Sicht der jungen KünstlerInnen nicht unbedingt eignen, um Karriere zu machen und das zu offene Äußern von politischer Meinung unangenehme Folgen mit sich bringen kann. Sehr wohl aber ist es ihnen ein zentrales Anliegen, mit ihren Liedern einen Beitrag zur "Bildung der Gesellschaft" zu leisten, wie sie sagen, und so zählen beispielsweise Themen wie HIV/AIDS und Kritik an Geschlechterverhältnissen zu Inhalten vieler Bongo Flava Songs.
Literatur und Raum
Mit ihrer Forschung beteiligt sich Birgit Englert auch am heuer gestarteten interdisziplinären Forschungsprojekt "Dimensions de l'objet Swahili: texts et terrains" an der Université Michel de Montaigne in Bordeaux. Es befasst sich u.a. mit Swahili-Literatur und deren Verhältnis zum geografischen Raum. Englerts Aufgabe ist nun, die oft nur mündlich existierenden, auf Swahili verfassten Lied-Texte zu verschriftlichen und ins Englische zu übersetzen. Die Songs werden dann vor dem Hintergrund der Biographien der KünstlerInnen interpretiert.
Kostproben?
Wer neugierig geworden ist und hören will, wie Bongo Flava klingt, hat dazu bei Birgit Englerts Vortrag im Rahmen des KulturWissenschaftsPicknicks Afrika Gelegenheit, denn an Musik wird dabei nicht gespart werden. Außerdem werden noch sechs weitere Afrika-ForscherInnen ihre Interessensgebiete vorstellen.
Neben der geistigen Nahrung stehen für die BesucherInnen die gut gefüllten Picknicktaschen mit Speisen und Getränken bereit. (tam)
Mag. Dr. Birgit Englert vom Institut für Afrikawissenschaften befasst sich seit 2002 mit afrikanischer Jugendkultur, speziell mit Bongo-Flava-Musik. Derzeit arbeitet sie an ihrem Forschungsprojekt zu politischer Identität von Jugendlichen in Tanzania, in dem ein Teilbereich der Auseinandersetzung mit Bongo-Flava-Texten gewidmet ist.
10 Jahre Campus - Wissenschaftssommer 2008 KulturWissenschaftsPicknick Afrika Sonntag, 13. Juli 2008, 10 bis 15 Uhr Campus der Universität Wien, Hof 2 1090 Wien, Spitalgasse 2
Programm Afrika: 11 Uhr: Anna Gottschligg-Ogidan, LiteraturnobelpreisträgerInnen aus Afrika 11.30 Uhr: Norbert Cyffer, "Deutsch ist auch primitiv" 12 Uhr: Julia Ahamer/Franz Ahamer, Feldforschungsvideos: Handwerk in Niger, Westafrika 12.30 Uhr: Birgit Englert, Bongo Flava. Jugendkultur aus Tanzania 13 Uhr: Georg Ziegelmeyer, Die Sprachen Westafrikas 13.30 Uhr: Gabriele Slezak, Die Herausforderung beim Einsatz afrikanischer Sprachen in Asyl- und Strafverfahren in Österreich 14 Uhr: Habiboulah Bakhoum, Wolof. Eine Verkehrssprache in Westafrika Weiters: - Kinderprogramm - Filmprogramm im Hörsaalzentrum: "L'extraordinaire destin de Madam Brouette" (Das außerordentliche Schicksal von Madame Brouette) Senegal, 120 Min., deutsch
Programm aller KulturWissenschaftsPicknicks (PDF) |