Amaar Rashid hat seine Karriere als Rechtsanwalt in der Kanzlei seines Vaters in Toronto an den Nagel gehängt und beschließt - zum Schrecken seiner Verwandtschaft -, der neue Imam einer kleinen Moscheegemeinde in der (fiktiven) kanadischen Provinzstadt "Mercy" zu werden. Am Flughafen telefoniert er mit seiner Familie. Als die Worte "Wenn Papa glaubt, dass das Selbstmord ist, dann soll er das eben glauben" gefolgt von "Das ist aber das, was Allah für mich vorgesehen hat" fallen, passiert genau das, worauf der Zuschauer schon schmunzelnd wartet: Amaar Rashid wird verhaftet.
Mit Klischees spielen
Was auf amerikanischen Flughäfen durchaus auch im "echten Leben" passiert, wird in der kanadischen Sitcom "Little Mosque on the Prairie", die im Titel ironisch auf den TV-Klassiker "Little House on the Prairie" ("Unsere kleine Farm") anspielt, satirisch und humorvoll aufs Korn genommen. Inhaltlich stehen aber nicht politische Themen im Vordergrund der erfolgreichen Comedy-Serie, sondern ganz normale, zwischenmenschliche Beziehungen.
"Breschen in den Wald der Stereotype schlagen"
Denn "Little Mosque on the Prairie" arbeitet mit den klassischen Stilmitteln des US-amerikanischen Sitcom-Formats - "mit dem einen, allerdings bahnbrechenden Unterschied, dass eine muslimische Gemeinde im Zentrum steht", sagt Univ.-Prof. Mag. Dr. Rüdiger Lohlker vom Institut für Orientalistik: "Deshalb ist das Bild, das hier vom Islam gezeichnet wird, auch ein ungewohntes - gleichzeitig exotisch und vertraut. Die Serie stellt unsere Sehgewohnheiten gehörig auf den Kopf."
Konflikte vorprogrammiert
Als klassische Sitcom bedient die Serie nicht nur muslimische Stereotype, sondern auch altbekannte amerikanische Klischees. So hat Mercy nicht nur einen Imam, sondern auch einen hilfsbereiten Reverend, dessen Nächstenliebe ihn nicht selten mit seiner eigenen Gemeinde in Konflikt bringt. Ebenso wenig fehlt der geldgierige Bauunternehmer, der das Geschäft schon mal vor die Religion stellt, das ultra-konservative, ständig kritisierende Gemeindemitglied oder die alleinerziehende Mutter - in diesem Fall eine strenggläubige Nigerianerin -, die ein Diner betreibt und mit den typisch-kanadischen Teenagerproblemen ihrer Tochter zu kämpfen hat: Konflikte vorprogrammiert.
Humor als Waffe gegen Vorurteile
Und während sich die misstrauische einheimische Bevölkerung Mercys und die Mitglieder der Moscheegemeinde zusammenraufen, sich verlieben, streiten und wieder trennen, kommen unter dem Deckmantel banaler Alltagsprobleme immer wieder auch kontroverse Themen aufs Tapet: Dürfen auch muslimische Kinder an Halloween verkleidet von Haus zu Haus ziehen, um ebenso wie ihre MitschülerInnen nach "Süßem oder Saurem" zu fragen? Gilt das Gebot, vor Männern sein Haar zu bedecken, auch vor dem bekennend homosexuellen Schwimmlehrer? Kann man sich wirklich in eine völlig verschleierte Frau verlieben?
International erfolgreich
Bisher waren die Reaktionen auf die mutige Sitcom mit wenigen Ausnahmen seitens der muslimischen Communities hauptsächlich positiv - die Serie läuft mittlerweile in der dritten Staffel, soll in den USA nachgedreht werden, und der Sender verhandelt bereits mit Frankreich, Finnland, Israel, den Vereinigten Arabischen Emiraten und einigen frankophonen afrikanischen Ländern. Ob sie auch im deutschsprachigen Raum ausgestrahlt werden wird? "Ich glaube zwar eher nicht, dass unsere Sender den Mut dazu aufbringen werden", sagt Lohlker, "aber ich hoffe es sehr."
Moderne Islamwissenschaft
In seinem Vortrag am 20. Juli um 11.30 Uhr will der Professor jedoch nicht nur den Islam, sondern auch die Islamwissenschaft in einem neuen Licht darstellen: "Wir IslamwissenschafterInnen beschäftigen uns nicht nur mit alten, staubigen Schriftrollen. Wer sinnvolle Aussagen über den modernen Islam machen will, muss die Repräsentation und Reflektion islamischer Inhalte in den elektronischen Medien in die Forschung mit einbeziehen." Zurzeit entwickeln Lohlker und seine KollegInnen einen neuen Film- und Medienschwerpunkt am Institut für Orientalistik - auf dem Gebiet der Islamwissenschaften europaweit der erste seiner Art. Geplant ist überdies ein Forschungsprojekt unter dem Arbeitstitel "Beyond the Digital Divide", das die Konstruktion einer Gegenöffentlichkeit durch Web-Blogs im außereuropäischen Raum untersucht.
Von Sitcom bis Harry Potter
Auf einen ersten Einblick in die moderne Islamwissenschaft darf man also gespannt sein. Daneben bietet das zweite KulturWissenschaftsPicknick unter dem Titel "Global English - Global Latin" aber noch eine ganze Reihe weiterer kultureller, wissenschaftlicher und kulinarischer Highlights für Jung und Alt. (br)
10 Jahre Campus - Wissenschaftssommer 2008 KulturWissenschaftsPicknick Global English - Global Latin Sonntag, 20. Juli 2008, 10 bis 15 Uhr Campus der Universität Wien, Hof 2 1090 Wien, Spitalgasse 2
Programm Global English - Global Latin 11.30 Uhr: Rüdiger Lohlker: Die kleine Moschee in der Prärie. Das Bild einer muslimischen Moscheegemeinde in einer kanadischen Sitcom 12 Uhr: Sonja Schreiner: Sprachkurs Latein 12.30 Uhr: Kurt Smolak: Was ist ein Römer? 13 Uhr: Sprachenzentrum: Sprachkurs Englisch 13.30 Uhr: Sonja Schreiner: Global English and/or Global Latin. Zauberkunst und Kunstlatein in Harry Potter Weiters: - Ausstellung Pick a Poem - Kinderprogramm
Programm aller KulturWissenschaftsPicknicks (PDF) |