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Der "Regenwald der Österreicher" im Piedras-Blancas-Nationalpark zählt zu den artenreichsten tropischen Tieflandregenwälder der Erde. Fotos: Georg Grabherr


Gruppenfoto unter einem riesigen Kapokbaum (Ceiba pentandra-Bombacaceae). Im Hintergrund ist ein Teil der mächtigen Brettwurzeln sichtbar.


Georg Grabherr mit Studenten bei der Datenaufnahme und Diskussion über die terrestrischen "litter traping plants" (TLT).


Die Pflanze Pentagonia wendlandii aus der Familie der Rubiaceae sammelt herabfallendes organisches Material in ihren Blattbasen und gelangt so zu zusätzlichen Nährstoffen.


Georg Grabherr, Anton Weissenhofer, Martin Prinz und Michael Gottfried (v.l.n.r.) betreuen die Studenten bei ihren Feldarbeiten.


Tropenstation La Gamba Department für Naturschutzbiologie, Vegetations- und Landschaftsökologieder Fakultät für Lebenswissenschaften    
La Gamba – Ausbildungs- und Forschungszentrum für die Universität Wien
Tropen, Wissenschaft
Gastbeitrag von Georg Grabherr am 26. Februar 2008

Ökologie, die Lehre der Organismen in Beziehung zu ihrer Umwelt, muss heute global orientiert sein. ÖkologInnen, seien es ForscherInnen oder LehrerInnen, können heute über die großen Umweltprobleme, mit denen die Welt im Zeitalter des globalen Wandels konfrontiert ist, weder überzeugend forschen noch lehren, wenn sie nicht ihre eigene Erfahrung mit optimalen Ökosystemen der Erde machen. Und diese Systeme sind nun einmal die tropischen Regenwälder.

So muss es als Glückfalls betrachtet werden, dass durch die vertraglich festgelegte Kooperation der Universität Wien und des Vereins der Freunde der Tropenstation La Gamba der Universität eine geradezu ideale Ausbildungsstätte für die Fachvertiefung Ökologie des Bakkalaureatsstudium Biologie zur Verfügung steht, ebenso eine facettenreiche Forschungsarena für Magisterarbeiten aus Ökologie, Naturschutz und Biodiversitätsmanagement, für DoktorandInnen der diversen biologischen Disziplinen und - last but not least - für professionelle Forschungstätigkeit.

Langfristiges Schutzkonzept

La Gamba ist ein kleines, abgelegenes, ehemaliges Holzfällerdorf im Südwesten Costa Ricas nahe der Pazifikküste, umgeben von einem der artenreichsten Regenwälder Mittelamerikas. Als zu Beginn der 1980er Jahre auch hier großräumige Schlägerungen einsetzten, war es der Musiker Prof. Michael Schnitzler aus Wien, dem es mit Unterstützung vieler ÖsterreicherInnen gelang, große Teile des so genannten "Regenwalds der Österreicher" zu kaufen und in ein langfristiges Schutzkonzept auf Basis der Costa Ricanischen Gesetzeslage einzubinden. Neben den Schutzbestrebungen im engeren Sinne baute Michael Schnitzler eine florierende "Öko-Lodge" und legte den Anstoß für eine Forschungsstation. Diese wurde durch den unerschütterlichen Einsatz von Mag. Dr. Anton Weissenhofer und Mag. Dr. Werner Huber auf- und ausgebaut.

Formal-rechtlich ist die Station im Besitz des Vereins der Freunde der Tropenstation La Gamba mit Tochterverein in Costa Rica. Die Fakultät für Lebenswissenschaften der Universität Wien mietet Arbeits- und Studienplätze an bzw. finanziert Teile der Einrichtung. Faktisch ist La Gamba der Brückenkopf in die Tropen der Universität Wien, speziell in Bezug auf die Ausbildung  junger ÖkologInnen.

Tropische Feldforschung

Ein Beispiel: Vom 15. Februar bis 2. März 2008 beherbergte die Station eine StudentInnengruppe unter Leitung von O. Univ.-Prof. Mag. Dr. Georg Grabherr (unterstützt von Mag. Dr. Michael Gottfried, Anton Weissenhofer, Mag. Martin Prinz), Department für Naturschutzbiologie, Vegetations- und Landschaftsökologie der Fakultät für Lebenswissenschaften. Ziel der Projektstudie war einerseits, den StudentInnen die Kenntnis tropischer Ökosysteme (Tieflandregenwald, Nebelwald, Paramo) zu vermitteln, andererseits tropische Feldforschung von der Hypothesengenerierung, über methodologische Festlegungen, bis zur Datenanalyse und -interpretation erlebbar zu machen.

Zufall oder nicht?

Theoretischer Ansatzpunkt war die Vielfalt an Gehölzen und Epiphyten ("Aufsitzerpflanzen") des tropischen Regenwaldes, nach Studien von Anton Weissenhofer und Werner Huber fast 300 unterschiedliche Arten pro Hektar im Wald um La Gamba. Diese Vielfalt, nicht nur die taxonomische, sondern auch jene ökofunktionaler Typen, fordert ÖkologInnen seit Beginn wissenschaftlicher Forschung im Regenwald heraus. Einerseits ist die Frage nach dem "ökologischen Sinn" einer Struktur oftmals nicht beantwortbar und man wird letztlich vieles als nicht selektioniert im Darwinschen Sinne betrachten müssen, andererseits ist damit auch die Frage verbunden, ob die Arten im Raum zufällig verteilt sind oder nicht. Zufallsverteilung würde Nichtselektion unterstützen. Letztlich sollten die Studenten einen Beitrag zur ökologischen Theorie in diesem Sinne liefern.

Nährstoffkreislauf

Unter den ökofunktionalen Syndromen im Regenwald, wie Brettwurzeln oder Träufelspitzen, findet sich auch das "litter trapping" (Streu fangen). Kleingehölze unterschiedlicher Verwandtschaftskreise (z.B. Palmen) sammeln in rosettenartig ausgebreiteten Verzweigungen Laubstreu an, das vor Ort zersetzt wird. Sollte es sich hier um eine konvergente Bildung handeln, wäre anzunehmen, dass durch diese Abkürzung des Nährstoffkreislaufes die Kleingehölze durch die Laubzersetzung direkt profitieren.

Durch das methodische Konzept der Musteranalyse, das ist die Aufnahme von Individuen in genormten Flächen hatten die StudentInnen festzustellen, ob die verschiedenen litter trapper des La Gamba-Gebiets über einen Unterhang-Oberhang-Gradienten (entspricht einem Feuchtegradient und Feuchte fördert Zersetzung) zufällig verteilt sind oder nicht. Zufällige Verteilung hieße ökologische Irrelevanz des "trapping-Syndroms".

Stechende und saugende Insekten

In drei Tagen konnten die relevanten Daten erhoben werden. Die statistische Auswertung und Diskussion der Ergebnisse wird Aufgabe der Nachbereitung in Wien sein. In einer ersten Reflektion wurden die prinzipiellen Eindrücke allerdings bereits vor Ort, in La Gamba, besprochen. Für die Studierenden, aber auch die Betreuer waren die drei Forschungstage eine Vertiefung in die Natur des Regenwaldes, wie sie eine traditionelle Exkursion nicht bieten kann. Die Arbeit im Wald unter bis zu 30 Grad Celsius Hitze und über 90 Prozent Luftfeuchte unter Zuwendung stechender und saugender Insekten, die Gegenwart von Lanzenottern und andern Reptilien, dürften einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen haben. Für die Betreuer war der Totaleinsatz der StudentInnen Bestätigung, dass lebendige Ökologie nur vor Ort vermittelt werden kann. Dass La Gamba dazu die Möglichkeit bietet, gehört sicher zu den Highlights universitärer Ausbildung in Österreich und wohl auch darüber hinaus.


O. Univ.-Prof. Mag. Dr. Georg Grabherr ist der Leiter des Departments für Naturschutzbiologie, Vegetations- und Landschaftsökologie an der Fakultät für Lebenswissenschaften, der er als Vizedekan vorsteht.

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