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Legasthenie: Lernen mit Schwierigkeiten |
| Behinderung/Integration |
| Roland Dreger (Redaktion) am 11. April 2003 |
Lese- und Rechtschreibschwächen (LRS), auch allgemein als Legasthenie bezeichnet, findet man in der gesamten Bevölkerung, auch unter AkademikerInnen. Wie viele aber davon betroffen sind und wo die genauen Ursachen liegen, ist unklar. DieUniversitaet.at hat sich bei Fachleuten der Universität Wien nach dieser Lernstörung erkundigt. |
Seit etwas mehr als 100 Jahren weiß man um die unterschiedlichen Fähigkeiten von Kindern beim Erlernen des Lesens und Rechtschreibens. Heutige Schätzungen gehen davon aus, dass zwischen fünf und zwanzig Prozent aller deutschsprachigen Kinder von Legasthenie betroffen sind. Anfangs führte man diese Lernschwierigkeiten auf eine niedrigere Intelligenz des betroffenen Kindes zurück, und auch heute noch wird Menschen mit LRS von ihrer Umwelt allzu oft eine geringe Intelligenz bescheinigt.
Diese Ansicht teilt Univ.-Prof. DDr. Christian Klicpera vom Institut für Psychologie der Universität Wien und Verfasser mehrerer Bücher zu diesem Thema jedoch nicht: "Es gibt sehr intelligente Leute, die trotzdem beim Lesen oder Rechtschreiben Probleme haben. Man sollte die Intelligenz daher nicht unbedingt als Kriterium für eine Diagnose heranziehen." Da der Erwerb von Wissen jedoch unweigerlich mit diesen Fertigkeiten verknüpft ist, besteht ohne spezielle Förderung die Gefahr, dass diese Kinder dann als Konsequenz ihrer Defizite sowohl in ihrer schulischen als auch in ihrer sozialen Entwicklung beeinträchtigt werden können.
Aktuelle Forschung
"Das Bild, das wir heute von LRS haben, ist, dass es sich um eine Störung handelt, die eng mit der Sprachentwicklung verknüpft ist", erläutert Klicpera, "welche in der Schule bei vielen Kindern zu Lese- und Rechtschreibschwierigkeiten führen kann." Wobei allerdings nicht jede Sprachstörung zwangsläufig zu LRS führen muss. Eine zentrale Bedeutung kommt dabei der Lautverarbeitung zu. Den betroffenen Kindern fällt es schwer, die exakte Lautstruktur von Sprechwörtern schnell und automatisch zu erfassen. Diese ist sowohl für das Lesen als auch für eine effiziente Speicherung der spezifischen Schreibung von Wörtern von Bedeutung.
Eine weitere Erkenntnis der aktuellen Forschung ist, dass diese Störung zum einen eine multikausale ist, zum anderen sehr stark von genetischen Gegebenheiten abhängt. Klicpera: "Wenn Eltern Probleme im Schriftspracherwerb haben, dann ist die Chance sehr groß, an die 50 Prozent, dass auch ihre Kinder Probleme damit haben." Für eine vollständige Klärung der Ursachen von LRS müssen jedoch noch eine Vielzahl von Einflussfaktoren und deren gegenseitigen Wechselwirkungen analysiert werden.
Therapieansätze
Speziell Computerprogramme wurden in letzter Zeit vermehrt als Therapie für Kinder und auch Erwachsene mit LRS angeboten. "Das Feld ist aber schon derart umfangreich, dass es selbst für Experten ungemein schwierig ist, da Empfehlungen abzugeben", bemerkt Mag. Dr. Christina Schenz vom Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Wien, die zur Entwicklung, Ursachen und Förderung lese- und schreibschwacher Kinder und Jugendlicher forscht. Zudem fehlt für viele dieser Therapieverfahren noch jegliche wissenschaftliche Bestätigung hinsichtlich ihres Nutzens. Vorrangig ist jedoch, dass LRS nie nur als ein Defizit am Kind betrachtet werden sollte, konstatiert Schenz, sondern in einem System gemeinsam mit Schule und Elterhaus: "Es ist nicht damit getan einem Kind irgendeine Lese/Rechtschreibtherapie zukommen zu lassen, sondern es muss das gesamte Lernumfeld und die Situation dazu passen, um das Kind auch emotional zu stützen."
Mit zunehmendem Alter lernen Menschen mit LRS meist, ihre Defizite zu kompensieren oder zu verbergen. Schon Kinder in der Volksschule zeigen ein derartiges Verhalten, so Schenz: "Die Kinder erfinden oft die besten Ausreden, um etwa ein Buch nicht zu lesen oder sie werden plötzlich krank, wenn es darum geht, eine Schularbeit in Deutsch zu schreiben." Bei Erwachsenen ist die Ausprägung dieser Kompensations- oder Umgehungsmechanismen zum Teil nur noch subtiler. Diese Mechanismen erfordern allerdings einen enormen geistigen Mehraufwand sowie starke Konzentration. Dies erklärt, warum es Menschen mit LRS beispielweise enorme Anstrengungen abverlangt, länger Texte zu lesen. Darum herrscht Einigkeit, dass möglichst früh mit einer individuellen Förderung begonnen werden sollte, am besten noch in der Vorschule, um eine Verfestigung dieser Mechanismen zu verhindern.
Fehlendes Bewusstsein für LRS
Christina Schenz bemerkt jedoch überhaupt ein fehlendes Bewusstsein in Österreich für Menschen mit derartigen Schwierigkeiten: "Es wird schlichtweg tabuisiert." Mittlerweile existiert zwar an österreichischen Schulen ein Erlass, der eine Berücksichtigung dieser Schwierigkeiten vorsieht, etwa in dem diesen SchülerInnen bei Prüfungen mehr Zeit gegeben wird oder eine geringere Gewichtung der schriftlichen Leistungen vorgesehen ist. Noch immer wird aber vielerorts nur ein traditioneller Förderunterricht in heterogenen Gruppen angeboten, welcher - Untersuchungen des Instituts für Psychologie der Universität Wien zufolge - bei Kindern mit LRS nicht zielführend erscheint.
Unklar ist die Situation im universitären Bereich. Prof. Klicpera schätzt, dass mindestens ein Prozent der österreichischen StudentInnen von LRS betroffen sein könnte. Genaue Zahlen gibt es dazu jedoch keine und daher auch keine Unterstützung. Klicpera: "Man weiß auch nichts über das Ausmaß der Schwierigkeiten, mit denen sie konfrontiert sind, oder wie sie zurechtkommen. Die Frage ist, ob man nicht wenigstens eine Beratungsstelle für solche Studenten anbieten sollte." (ro)
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