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Käthe-Leichter-Gastprofessorin im Sommersemester 2005: Barbara Schaff


Institut für Europäische und Vergleichende Sprach- und Literaturwissenschaft
Liebe, unbekannter Code
Liebe
Redaktion am 19. Mai 2005

"We can't measure love. When it comes to love we're all in the dark", heißt es im aktuellen Film über den Sexualforscher Alfred Kinsey. Dass Liebe zwar nicht mess- und entschlüsselbar, aber dennoch Gegenstand der Wissenschaft sein kann, zeigt die gender-theoretisch orientierte Literaturwissenschafterin und Anglistin Barbara Schaff, die im Sommersemester die Käthe-Leichter-Gastprofessur innehat.

"Liebe ist kein Gefühl, sondern ein symbolisch generalisiertes Kommunikationsmedium, mit dem intime Beziehungen vermittelt und geregelt werden", stellt Dr. Barbara Schaff den Systemtheoretiker Niklas Luhmann zitierend fest. Ernüchterung! Zuerst müsse ein Code entwickelt werden, eine Liebessemantik. Dann erst könne ? darauf aufbauend ? das Gefühl Liebe entwickelt werden: "Luhmann dreht es also um: Normalerweise denkt man, man liebt und spricht die Liebe aus. Aber Luhmann sagt, solange der Code nicht existiert, gibt es auch keine Liebe." Liebe ist ? Barbara Schaff, diessemestrige Käthe Leichter-Gastprofessorin am Institut für Europäische und Vergleichende Sprach- und Literaturwissenschaft, will "die Liebe aus einem lebensweltlichen Kontext herausnehmen", und sie in ihrem Seminar "Liebe und Begehren in der Literatur" aus der Perspektive unterschiedlicher theoretischer Ansätze behandeln. Basierend auf Niklas Luhmanns Werk "Liebe als Passion" zeichnet sie die historische Veränderung des Codes Liebe anhand der europäischen Literatur nach: "Liebe ist ? wie auch der Tod ? ein Grundthema der Menschheit. Und es lohnt, sich dem Phänomen Liebe einmal kulturtheoretisch anzunähern, mit Foucaults Diskursanalyse ebenso wie mit Freuds Abhandlung 'Die kulturelle Sexualmoral und die moderne Nervosität'." ? als Forderung uneinlösbar Schaffs Seminar setzt um 1800 ein, mit Jane Austens Klassiker "Sense and Sensibility". Denn an der Wende zum 19. Jahrhundert tritt mit dem Beginn des bürgerlichen Zeitalters ein entscheidender Wandel in der Liebe ein: "Ehe und leidenschaftliche Liebe waren historisch bislang getrennte Modelle mit getrennten Codes, werden aber um 1800 zusammengebracht. Und das erzeugt dann die modernen Probleme, weil nun gefordert wird, dass die Leidenschaft in der Ehe dauerhaft erhalten bleibt." Im Laufe des 19. Jahrhunderts offenbart sich schließlich die Uneinlösbarkeit dieser Forderung: "Deswegen ist dieses Jahrhundert auch voll von jenen wunderbaren, großen Ehebruchsromanen wie 'Anna Karenina', 'Madame Bovary' oder 'Effi Briest'." Daraufhin entwickelt sich im 20. Jahrhundert das Modell der seriellen Monogamie: "Der Anspruch einer exklusiven Leidenschaft in der Beziehung bleibt bestehen, ist aber nicht bis zum Tod an nur eine Person gebunden", erläutert Schaff das Konzept der LebensabschnittspartnerInnen und verweist auf Alain de Bottons Buch "On love". Schreibende Paare Neben der Dechiffrierung der Liebessemantik ist Autorschaft eines der Hauptinteressen von Schaff. Die ehemalige Postdoktorandin des Münchner Graduiertenkollegs "Geschlechterdifferenz und Literatur" setzte sich mit schreibenden Paaren auseinander und erörterte Liebe auch als Metaebene der Literatur. In dem von ihr mitherausgegebenen Band "Bi-Textualität: Inszenierungen des Paares" wird das Phänomen einer doppelten, auf ein Gegenüber bezogenen Autorschaft als Dialog, Synthese, Symbiose, Rivalität, Korrespondenz und Spiegelbild untersucht: "Zuweilen wird aus dem gemeinsamen Schreiben ein Konkurrenzverhältnis, in dem die Frau vereinnahmt, die weibliche Autorschaft getilgt und das Buch nur unter dem Namen des Mannes herausgebracht wird." Diese Gedanken zu Geschlechterverhältnis und Autorschaft behandelt Schaff auch in ihrer Vorlesung "Von Frauenstudien zu Gender Studies", in der sie klassische Texte von Virginia Woolf, Simone de Beauvoir, Kate Millett und anderen liest. Gender und Macht Die Gender Studies untersuchen die kulturellen Bedeutungszuschreibungen der Unterscheidungen zwischen Mann und Frau und zeigen Repräsentationen von Weiblichkeit nicht selten unter dem Aspekt der Machtverhältnisse. Schaff greift dies in der Vorlesung "Orientalische Phantasien" auf, indem sie eine kritische Lektüre von Edward Saids Buch "Orientalism" vornimmt: "Said beschreibt den Orient als imaginäres Konstrukt des Westens zu dessen Beherrschung und Strukturierung. Dieser Machtanspruch kommt besonders in den Weiblichkeitsbildern des Orients zum Tragen, die von Montesquieus 'Lettres persanes' über die Odaliskendarstellungen bis zur gegenwärtigen Angst des Westens vor dem Orient reichen, wie man sie in der Literatur zum Beispiel durch den Roman 'Nicht ohne meine Tochter' kennt." Doch auch das Männlichkeitsbild ist angstbesetzt und schwankt zwischen zwei Bedrohungsszenarien: "Einerseits haben wir das Bild vom Krieger, vom brutalen Orientalen, andererseits jenes vom verweichlichten Pascha in den Seidenkissen, das die Angst des Westens vor Infiltration durch Homosexualität offen legt." Schaff streicht die aktuelle politische Bedeutung dieser Auseinandersetzung mit dem Orient heraus und regt an, sich auch zum Beispiel beim so genannten Kopftuchstreit mit zugrunde liegenden Bildern und Machtkonstellationen zu beschäftigen. (te) PD Dr. Barbara Schaff war vor Antritt ihrer Käthe-Leichter-Gastprofessur am Institut für Europäische und Vergleichende Sprach- und Literaturwissenschaft der Universität Wien (Sommersemester 2005) als Dozentin an den Universitäten Tübingen und München tätig. Sie studierte Anglistik und Slawistik in München, Edinburgh und Passau, promovierte mit einer Arbeit über das zeitgenössische britische Künstlerdrama und habilitierte sich zum Thema "Krieg, Geschlecht und Gedächtnis. Der Erste Weltkrieg in der Britischen Kultur". Im Wintersemester 2005/06 wird sie eine Vertretungsprofessur für Cultural Studies in Bochum übernehmen. Buchtipps: Ina Schabert und Barbara Schaff (Hg.): Autorschaft. Genus und Genie um 1800. Berlin 1994 Annegret Heitmann, Sigrid Nieberle, Barbara Schaff und Sabine Schülting (Hg.): Bi-Textualität. Inszenierungen des Paares. Berlin 2000

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