Verliebt, verlobt, verheiratet, hieß das Ideal der 1950er und 60er Jahre. Verliebt, verlobt, verheiratet, geschieden, heißt die Realität vielfach heutzutage. Wie auch immer, das Verliebtsein sollte jedoch zu Beginn einer ehelichen Beziehung stehen - eine Vorstellung, die erst rund 200 Jahre alt ist. |
Nicht Romeo und Julia, sondern Julius und Lucinde scheinen das Liebespaar schlechthin. Immerhin waren es diese beiden ProtagonistInnen, anhand derer Friedrich Schlegel in seinem Roman "Lucinde" (1799) das Ideal der romantischen Liebe in die Ehe einführte und dafür plädierte, nicht bloß aus Pflicht, sondern aus Zuneigung zusammenzuleben.
Liebe erst nach der Eheschließung
Um 1800 etwas gänzlich Neues und Revolutionäres: Eheliche Liebe war bisher ein Verhaltensgebot aufgrund der Eheschließung und wurde nicht als Fortsetzung einer innigen Zuneigung gesehen. Der Zweck einer Ehe bestand in der wechselseitigen Unterstützung, Arbeitsteilung sowie Erzeugung und Erziehung von Kindern. Sinnlichkeit, Erotik oder Leidenschaft hatten in einer so genannten Vernunftehe nichts verloren, im Gegenteil, es herrschte die Auffassung, dass Liebe Unglück in die Ehe bringen würde.
Obwohl die Liebesheirat zu einer "Ideologie und Norm" wurde, war es für den Großteil der Menschen noch lange bedeutungslos, welche neuen Leitvorstellungen Schlegel und andere Romantiker für eine kleine elitäre Minderheit predigten und über Romane verbreiteten. Bis weit ins 19. Jahrhundert bestimmten sachliche Kriterien, also Vermögen, Bildung, Alter, Status, Arbeitskraft, Prestige und Macht neben körperlichen Vorzügen den Heiratsmarkt.
Finanzielle Absicherung vor der Heirat
Und der Heiratsmarkt gehorchte strengen Regeln: Nach oben zu heiraten war nicht einfach, nach unten heiraten sollte möglichst vermieden werden ? das hätte ein Mehr an Hunger, Not, Unsicherheit etc. bedeutet. Daher konnte auch nicht jede/r heiraten: In den meisten deutschsprachigen Ländern wurde im Laufe des 18. Jahrhunderts aus Furcht vor dem raschen Anwachsen materiell ungesicherter sozialer Bevölkerungsschichten der "politische Ehekonsens" eingeführt, eine obrigkeitliche Zwangsmaßnahme, die die Heirat Unselbständiger an die Zustimmung der politischen Behörden band und u.a. von einem ausreichenden Vermögen abhängig machte. Heutzutage gibt es kaum noch Liebes-Hindernisse, beschreibt Univ.-Prof. Dr. Edith Saurer vom Institut für Geschichte, die sich seit Jahren u.a. mit der Geschichte der Liebe beschäftigt: "Möglicherweise ist der Rückzug des Staates aus der rechtlichen Formulierung von Liebesverboten auch eine Folge der Ehe- und Liebesverbote des Nationalsozialismus."
Vernunft- versus Liebesheirat
Auch wenn im 19. Jahrhundert die finanzielle Basis einer Ehe äußerst wichtig und Vernunftehen weiter sehr verbreitet waren, setzte sich die von den "bürgerlichen Meisterdenkern" propagierte Auffassung von Ehe, Liebe und Familie allmählich durch: Als wichtigstes Ziel im Leben einer Frau wurde die Verehelichung angesehen - jeder "schwankende Efeu" sollte seine starke "Ulme" zum Emporranken haben. Allerdings musste der materielle Bereich stimmen, ehe innerhalb dieses "Freiraumes" nach Liebe gesucht werden konnte.
Zunehmend wurde die "Versorgungsehe" jedoch kritisiert: Die bürgerliche Frauenbewegung betrachtete sie gegen Ende des 19. Jahrhunderts als unsittlich, wovor sich Frauen durch Ergreifen eines Berufes schützen sollten - und konnten. Denn mit den neuen Berufsmöglichkeiten konnte der Kompromiss einer Geldheirat als unwürdig abgelehnt werden, die Alternative der Berufsausübung stellte das einzig gültige Lebensmodell für bürgerliche Frauen (Ehe und Familie) in Frage.
Feministische Theoretikerinnen über Liebe
"Die Gleichsetzung von Liebe und Frauen, ihre Festlegung auf die Funktion der Liebenden, sind also ein Topos des philosophischen und literarischen Diskurses des späten 18. und 19. Jahrhunderts", erklärt Prof. Saurer. Feministinnen haben sich in den letzten Jahrzehnten immer wieder daran gemacht, das Phänomen Liebe zu analysieren und gleichzeitig Kritik an der Ehe als Ort patriarchaler Gewalt artikuliert. Denn Liebe als Gefühl sei nie nicht nur dem privaten Leben zuzurechnen, sondern immer auch in der Sphäre der Macht verortet, betont Saurer. Und hier wird auch der Zusammenhang von Norm und Praxis deutlich: "Was die Feministinnen analysierten, waren Verhaltensformen von Frauen, die sie beobachteten, keine 'Papiertiger'."
Simone de Beauvoir beispielsweise hat in "Das andere Geschlecht" (1949) "das Netz von Abhängigkeiten transparent gemacht, in das sich Frauen freiwillig begeben und das durch Warten, Dienen und ein Leben für den Anderen charakterisiert ist", so Saurer, und erinnert auch an den Aufsatz "Arbeit aus Liebe - Liebe als Arbeit" ihrer deutschen Kolleginnen Gisela Bock und Barbara Duden (1979), die analysierten, wie Hausarbeit zum Liebesdienst erklärt wurde. Weitere Themen der Zweiten Frauenbewegung der 1970er Jahre waren auch die ökonomische Abhängigkeit von Frauen und Gewalt in Partnerschaften.
Liebe unterdrückt Frauen?
Die Amerikanerin Shulamit Firestone ging 1970 noch einen Schritt weiter, indem sie die These aufstellt, dass die kulturellen Leistungen der Männer nur durch die (liebevolle) Unterstützung der Frauen und auf deren Kosten realisierbar gewesen seien. Liebe sei daher das zentrale Instrumentarium zur Unterdrückung der Frauen, fasst Edith Saurer Firestones Position zustammen. Sie gestand der Liebe zwar eine positive Kraft zu - doch nur zwischen zwei Gleichen könnte sie bereichernd wirken, während die ungleichen Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern deren Destruktivität bewirke. Kein Wunder, dass Feministinnen forderten, die Liebe zwischen Frauen zu beschreiben und sich mit der "Freundinnenforschung" ein neuer Forschungszweig auftat.
Innerhalb der Geschichtswissenschaft fand die Liebe - neben der Sexualität - erst Mitte der 1970er Jahre ihren Platz. Edith Saurer plädiert dafür, die Geschichte der heterosexuellen Liebe als Teil einer Geschichte der Geschlechtergeschichte zu begreifen. (mh)
Dr. Edith Saurer ist Professorin für neuere Geschichte am Institut für Geschichte der Universität Wien. |