| Institut für Praktische Theologie und Religionspsychologie der Evangelisch-Theologischen Fakultät Institut für Judaistik Institut für Orientalistik |
Liebe und Religion (1): Lieben, wie es Gott gefällt |
| Liebe |
| Daniela Schuster (Redaktion) am 30. Mai 2005 |
Die Liebe ? die schönste Nebensache der Welt. Und doch so essentiell, dass ihr die großen Religionen dieser Welt einen hohen Stellenwert in ihren Schriften, Geboten und Verboten einräumen ? mit weit reichenden Folgen für die jeweilige Gesellschaft. |
Schon die Bibel betont in der Schöpfungsgeschichte, dass der Mensch für das Zusammenleben geschaffen wurde. Die sozialen Formen des Zusammenlebens haben sich über die Jahrhunderte freilich immer wieder stark verändert. "Es gibt psychologische Untersuchungen, aus denen hervorgeht, dass Verliebtheit in etwa vergleichbar ist mit einem Rauschzustand", erläutert o. Prof. Dr. Susanne Heine, Vorständin des Instituts für Praktische Theologie und Religionspsychologie. Ein Zustand, der nicht gerade zur Stabilität von Zweierbeziehungen, die heute die Regel sind, beiträgt ? und auch gegen das christliche Profil verstößt, welches auf die Dauerhaftigkeit der Verbindung zwischen Mann und Frau, von Ehe und Familie ausgerichtet ist. "Romantische Liebe und 'bis dass der Tod euch scheidet' sind ein Widerspruch in sich", so die Religionspsychologin. Auf gesellschaftliche Entwicklungen reagieren Die christlichen Kirchen nehmen dieses Spannungsfeld und die gesellschaftlichen Entwicklungen wahr, haben aber unterschiedliche Antworten gefunden: "In allen christlichen Kirchen gilt nach wie vor die Unauflöslichkeit der Ehe, der auch eine geistliche Qualität zukommt. Während aber die römisch-katholische Kirche das Scheitern einer Ehe nicht zur Kenntnis nimmt, daher eine kirchliche Wiederheirat verwehrt und Wiederverheiratete von den Sakramenten ausschließt, akzeptieren die reformatorischen Kirchen Scheidungen", erläutert Heine. Was jedoch nicht bedeutet, dass das Ideal der Dauerhaftigkeit einer Verbindung an Bedeutung verloren hat. "Die Intention macht nach wie vor Sinn, nur der institutionelle Zwang dazu nicht", so die Religionspsychologin. Nach welchen sozialen Regeln das dauerhafte Zusammenleben von Mann und Frau zu gestalten ist, darüber sagt die Bibel, in der es um "die Glaubensdimension" geht, wenig. Zum Thema Sexualität etwa plädiert Paulus im 1. Korintherbrief für Hingabe und den Vollzug eines erotischen Lebens. Auch Martin Luther betont, dass das Leben des Menschen ein leibliches ist; er lehnte daher das zölibatäre Priester- und Ordenswesen ab. Partnerschaft und Ehe sollen nach christlichem Verständnis im Rahmen einer lebendigen Gottesbeziehung gelebt werden. Der Glaube bedarf des Diskurses und der gemeinsamen Praxis. "Im (protestantischen) Christentum geht man davon aus, dass Selbstverwirklichung ohne ein Gegenüber, ohne ein Korrektiv gar nicht möglich ist", erläutert die Wissenschafterin. "Die Überhöhung und Hochpreisung des Singledaseins ist ein neuerer Prozess, eine Folge des Trends zur Individualisierung und Liberalisierung gegenüber Konventionen", so Heine. Die Liebe und das Judentum "Das Judentum ist dem Leben zugewandt und kennt an sich keine Askese. Das Hohelied zeugt von Sinnenfreude, und den Rabbinern war und ist bewusst, welch hohen Stellenwert ein erfülltes Sexualleben für den 'Shalom Bajit', den Hausfrieden, hat", erläutert ao. Univ.-Prof. Mag. Dr. Klaus Davidowicz. Trotzdem kommt das Verständnis und Ideal der Beziehung zwischen Mann und Frau im Judentum der Vorstellung von romantischer Liebe als Inbegriff von Begehren, Leidenschaft und Erotik nur bedingt nahe. " 'Ahava' meint Achtung, Fürsorge, Verantwortung. Man soll den anderen lieben wie sich selbst. Die Komponente des Begehrens wird nicht betont", so Davidowicz. Gebot der Ehe Die jüdische Tradition besteht ? vor allem für den Mann ? auf einer Eheschließung. "Ein Mensch, der keine Frau hat, lebt ohne Freude, ohne Segen und ohne Güte." (Jev. 62b). "Auch für den Rabbiner ist es wichtig, verheiratet zu sein. Als Richter muss er eine Ahnung davon haben, worüber er richtet", so das Verständnis, erläutert Davidowicz. Heirat wird im Judentum als Mittel gegen die Einsamkeit (Gen. 2:18), als rechtlicher Rahmen für die Sexualität (Gen. 2:24) und als Basis für die Gründung einer Familie (Gen. 1:27-28) betrachtet. Im biblischen Text werden diese drei Elemente als gleich wichtig dargestellt. "Darüber hinaus ist die jüdische Religion in ihrer häuslichen Ausübung auf eine Ehe gegründet. Bestimmte Rituale am Sabbat können etwa nur von der Frau bzw. dem Mann vollzogen werden", erklärt der Judaismus-Forscher. Noch heute werden im orthodoxen Judentum viele Ehen arrangiert, oft durch den Schadchen, den Heiratsvermittler. "Die Hochzeit war in der jüdischen Geschichte eine einseitige Zeremonie mit dem Mann als handelndem Partner; doch in liberalen Kreisen beruht sie heute auf Gegenseitigkeit, Mann und Frau haben die gleichen Rechte und Pflichten", so Davidowicz. Historische Veränderungen und besonders die Frauenemanzipation machen es möglich, die (talmudischen) Texte neu zu bewerten. Sich zu trennen und wiederzuverheiraten ist möglich und wird gesellschaftlich nicht geächtet, erklärt Davidowicz. Islam: Von den Düften, den Frauen und dem Gebet Über einhundert verschiedene Wörter kennt das Arabische für die Liebe, ihre Spielarten und Seelenzustände. Für Univ.-Prof. Mag. Dr. Rüdiger Lohlker vom Institut für Orientalistik ist allein das schon Ausdruck für eine Kultur des Islam, die sich der Toleranz verschreibt. ?Der gläubige Moslem muss den Freuden der Liebe keineswegs entsagen. Im Gegenteil. Selbst der Prophet Mohammed betonte, er sei auf Erden drei Dinge zu lieben gelehrt worden: die Düfte, die Frauen und das Gebet", erläutert der Islamwissenschafter. Die Spanne der Liebesvorstellungen in muslimischen Kulturkreisen ist dementsprechend breit und auch offen für die körperliche Komponente. "Der Mystiker und Gelehrte al-Ghazali (1058-1111) schreibt, dass Sexualität nicht allein zur Zeugung da ist, sondern auf jene Wonnen hindeutet, die im Paradies warten." Vollendete Gläubigkeit braucht Ehe Diese Intimität braucht aber einen Rahmen: die Ehe. "Sie gehört auch zur vollendeten Gläubigkeit. Der Prophet soll gesagt haben, zwei Niederwerfungen eines verheirateten Muslim im Gebet gälten mehr als sechzig Niederwerfungen eines Ledigen. Eine Heirat wird daher möglichst früh angestrebt", erklärt Lohlker. Faktisch sei das aber nicht immer gegeben. "Viele Männer leben heute noch bis 40 ledig und zuhause, weil sie die geforderte Rolle als Ernährer und Familienvorstand aus materiellen Gründen nicht erfüllen können." Konfliktpotenzial in Bezug auf westliches Gedankengut und Gesetze sieht Lohlker in der Erlaubnis der Polygamie, dem Züchtigungsrecht des Ehemanns, in Ehrenmorden oder der Beschneidung von Frauen. "Vieles ist normativ nicht zu rechtfertigen. Es gibt daher neuere Bestrebungen, hier Lösungen zu finden." (dan) |


