![]() Lise Meitner (1877-1968): Führende Wissenschafterin auf dem Gebiet der Kernphysik und erstes weibliches naturwissen- schaftliches Mitglied der ÖAW. Foto: Lotte Meitner-Graf LISE Mag. Helga Stadler Institut für Theoretische Physik |
LISE begeistert Mädchen für Physik |
| Jahr der Physik |
| Roland Dreger (Redaktion) am 27. Januar 2005 |
Lise Meitner gilt als die bedeutendste Physikerin Österreichs. Sie ist Namensgeberin und Galionsfigur der Internetplattform LISE. Seit 1997 informiert die Website zu Themen des geschlechtsspezifischen Unterrichts und soll Schülerinnen für Physik und Technik begeistern. Initiatorin ist Mag. Helga Stadler vom Institut für Theoretische Physik der Universität Wien. |
Physikunterricht: Monika, Sabine, Peter und Max bekommen die Aufgabe, ein Atommodell zu bauen. Die Buben stürzen sich sofort auf das Modell und beginnen zu arbeiten. Monika begnügt sich mit dem Schreiben des Protokolls. Sabine fragt nach: Was ist denn das überhaupt, ein Elektron? Für Helga Stadler ein nur allzu typisches Beispiel aus dem Schulalltag. Die Physikerin befasst sich seit Jahren in ihrer Forschungsarbeit mit Gender-Aspekten im naturwissenschaftlichen Unterricht. Unterschiede in der Sprache Es beginnt schon damit, meint Stadler, dass sich Mädchen und Buben im Physikunterricht einer unterschiedlichen Sprache bedienen: "Mädchen geben im fragend-entwickelnden Physikunterricht Antworten, die häufig den Erwartungen der Lehrkraft zuwiderlaufen. Sie verwenden Metaphern, die eher ungewöhnlich sind, zum Beispiel solche zum eigenen Körper. Hingegen gebrauchen Buben sehr rasch das Fachvokabular, wodurch sie in der Gruppe an Status gewinnen. Sie werden von LehrerInnen ? aber auch von anderen SchülerInnen ? deshalb eher als kompetent betrachtet." Studie zu Interaktionen im Unterricht "Die Folge ist", so Stadler, "dass Mädchen sehr bald das Feld den Buben überlassen, da sie in dieser Interaktion einfach nicht zum Zug kommen." In Zusammenarbeit mit dem Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften der Universität Kiel und der Linguistin Gertraud Benke untersuchte die Physikerin Interaktionen und Sprachverhalten im Unterricht ? etwa den Weg von der Alltagsprache zur Fachsprache. Unter anderem ging es in der Untersuchung aber auch darum, darzustellen, wie Mädchen und Buben Physik verstehen. Unterschiedliches Physikverständnis bei Mädchen und Buben Es zeigte sich, dass Mädchen und Buben einen gänzlich anderen Anspruch an das Verstehen von Zusammenhängen beim Erlernen von Physik stellen. "Buben geben sich eher damit zufrieden, wenn sie innerhalb des physikalischen Denkgebäudes argumentieren", erläutert Helga Stadler, "während Mädchen den Anspruch stellen, die Physik erst dann verstanden zu haben, wenn es Bezüge zu der Welt außerhalb dieses in sich geschlossenen Gebäudes gibt." Einer der Gründe hierfür ist: Für Buben macht es im Hinblick auf die spätere Berufswelt oder den Statusgewinns durchaus Sinn, sich auch langfristig mit der Physik zu beschäftigen, für Mädchen hingegen nicht. Mädchen schließen Berufe in Bereichen von Physik und Technik meist schon vor dem zehnten Lebensjahr aus. Geschlechtsspezifisches Physikwissen Mit Porträts erfolgreicher Physikerinnen setzt man auf der Website LISE deshalb unter anderem auf die Vorbildwirkung. Schülerinnen soll gezeigt werden, dass auch für Frauen eine Karriere in den Naturwissenschaften ein interessanter Weg sein kann. Für Lehrkräfte finden sich auf der Plattform umfangreiche Basisinformationen, Forschungsergebnisse, Unterrichtsmaterialien und Aktionen zum Thema "Mädchen und naturwissenschaftlicher Unterricht". Denn die unterschiedliche Bewertung von Physik bei Buben und Mädchen spiegelt sich nicht zuletzt in signifikanten geschlechtsspezifischen Unterschieden im Physikwissen wieder - und dies zu Ungunsten der Mädchen. So wies etwa die dritte internationale Mathematik- und Naturwissenschaftsstudie TIMSS (Third International Mathematics and Science Study) darauf hin, dass der "gender gap" bei Österreichs MaturantInnen im internationalen Vergleich in den Bereichen Physik und Mathematik außergewöhnlich hoch ist. Kompetenzen entwickeln Einen Lösungsansatz der Problematik ortet Mag. Stadler darin, die Einschätzung der eigenen Kompetenzen der Schülerinnen zu fördern. "Das Gefühl, kompetent zu sein, ist einer der wichtigsten Faktoren für die Genese von Interesse. Durch den fragend-entwickelnden Unterricht, der üblicherweise an den Schulen vorherrscht, wird dies jedoch nicht gefördert, da hierbei vielfach die Buben dominieren und den Mädchen kaum Gelegenheit gegeben wird, Kompetenzen aufzubauen und sich deren bewusst zu werden.? Philosophische Orientierung Weiters sollte nach Stadler den Lernenden vermehrt vermittelt werden, dass das gelehrte Wissen Bedeutung und Alltagsrelevanz besitzt sowie für den zukünftigen Beruf wichtig sein kann. "Und Physikunterricht sollte auch so etwas wie eine philosophische Orientierung ermöglichen. Fragen wie 'Wer bin ich?' oder nach dem Verstehen der Welt sind für Pubertierende wichtig. Solche Faktoren in den Unterricht mit hinein zu nehmen, erhöht die Beteiligung, das Interesse und schafft ein anderes Bild der Physik." (ro) "LISE - Mädchen und naturwissenschaftlicher Unterricht" wird vom Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur gefördert. Literaturtipps: Helga Stadler: Dualismus und Wissenschaft ? Physik als männliche Domäne. In: Genderforschung der Universität Wien (Hg.), Die Kategorie Geschlecht im Streit der Disziplinen. Band 1 der Reihe "Gendered Subjects". Innsbruck-Wien-München-Bozen: Studienverlag 2005 Helga Stadler: Physikunterricht unter dem Gender-Aspekt. Dissertation Universität Wien 2005 Stadler H., Duit R., Benke G.: Do boys and girls hold different notions of understanding in physics? In: Physics Education 35, Nr. 6, November 2000, S 417-422 |

