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Peter Kampits


Freud-Manifest (PDF) Homepage von Peter Kampits Institut für Philosophieder Fakultät für Philosophie und Bildungswissenschaften
Manifest zum Freud-Jahr
Wissenschaft, 150. Geburtstag Freuds
Gastbeitrag von Peter Kampits am  4. April 2006

"Gerade das 21. Jahrhundert könnte viel von Freud lernen", versichert der Wiener Philosoph Peter Kampits, der für das unter dem Motto "Die Enthüllung des 21. Jahrhunderts" laufende Freud-Jahr 2006 ein Manifest verfasst hat. Es soll zum 150. Geburtstag Sigmund Freuds am 6. Mai und einen Tag zuvor an allen österreichischen Kulturforen weltweit plakatiert werden.

"WO ES WAR SOLL ICH WERDEN." DIE SPRACHE DES UNBEWUSSTEN BLEIBT ZU ENTZIFFERN. DASS DAS ICH, DAS BEWUSSTSEIN, NICHT HERR IM EIGENEN HAUS IST, SONDERN STÄNDIG BEDRÄNGT WIRD - VON UNSEREN TRIEBEN, DER AUßENWELT UND DEM ÜBER-ICH MIT SEINEN NORMEN UND ANFORDERUNGEN, DASS KULTURBILDUNG DURCH TRIEBVERZICHT ENTSTEHT, SOLLTEN IM 21. JAHRHUNDERT KEINE KRÄNKUNGEN DES SELBSTGEWISSEN ICH-SUBJEKTES UND KEIN GRUND FÜR EINE GESELLSCHAFT MIT ANGST VOR IDENTITÄTSVERLUST MEHR SEIN.

SIGMUND FREUD FORDERT UNS AUF, KEINE ANGST VOR DER VERNUNFT, SONDERN VOR DER VERDRÄNGUNG VON ANGST ZU HABEN: WIR WERDEN AUS DER AGGRESSIVITÄT DER LETZTEN BALKANKRIEGE, DEM TERRORISMUS UNSERER TAGE, DEM STREIT DER WERTE ZWISCHEN DEM WESTEN UND DEM ISLAM, DER UNMENSCHLICHKEIT DER ARMUT IN DER DRITTEN WELT NICHT LERNEN KÖNNEN, WENN WIR VERDRÄNGEN, WAS UNS DARAN ANGST MACHT. WIR SIND NICHT SCHON UND SCHLECHTHIN VERNÜNFTIG, WIR WERDEN ES ERST SEIN KÖNNEN.

"DIE STIMME DES INTELLEKTS IST LEISE, ABER SIE RUHT NICHT, EHE SIE SICH GEHÖR VERSCHAFFT HAT." ABER DIE VERNUNFT BRINGT AUCH STETS DAS ANDRE IHRER SELBST HERVOR. DARAUF ZU HÖREN SIND WIR WENIG VORBEREITET. EROS UND THANATOS, LUST- UND REALITÄTSPRINZIP STEHEN MITEINANDER IN STÄNDIGEM WIDERSTREIT. ES, ICH UND ÜBER-ICH RINGEN MITEINANDER, TRIEBVERZICHT UND ABWEHRMECHANISMEN BRINGEN STÄNDIG NEUE KONFLIKTE HERVOR, DIE UNS KRANKMACHEN KÖNNEN, ALS INDIVIDUEN UND ALS GESELLSCHAFT.

FREUD HAT UNS VON ILLUSIONEN BEFREIT, ABER AUCH ANDERE WACHGERUFEN UND SICHTBAR GEMACHT. DIE WEGE ZUR SELBSTEINSICHT HAT ER - NAHEZU UNS IM SPIEGEL EIN ANDERES WIDERSPIEGELND - GEWIESEN. SIE SOLLEN UNS ZUR FREIHEIT UND AUTHENTIZITÄT FÜHREN, SO WIE ER AUCH DIE PSYCHOLOGIE AUS IHRER ENGFÜHRUNG AN PHYSIOLOGISCHE FAKTEN BEFREITE UND DAS WEITE FELD DER PSYCHOSOMATIK ERÖFFNETE.

MIT FREUD HABEN WIR ALTE DENKMUSTER VERLASSEN UND SIND AUS DER MODERNE AUSGETRETEN - WIR HABEN GELERNT, AUTONOMIE, BEWUSSTSEIN, ICH UND RATIONALITÄT ANDERS ZU LESEN, AUCH ALS ILLUSIONEN UND TRÄUME, FREUD HAT UNS SKEPSIS GEGENÜBER IDEOLOGIEN, UTOPIEN UND HEILSLEHREN GELEHRT, EINE SKEPSIS, DIE DAS 21. JAHRHUNDERT, DIE GLOBALISIERUNGS- UND WISSENSGESELLSCHAFT DRINGEND BENÖTIGT. WIR MÜSSEN DAS PRINZIP DER SKEPSIS ERNST NEHMEN, WEIL NUR DAS OPTIMISMUS RECHTFERTIGT.

GESELLSCHAFT, POLITIK UND WIRTSCHAFT SIND AUFGEFORDERT, DIE BOTSCHAFT FREUDS IM 21. JAHRHUNDERT UMZUSETZEN: DIE KREATIVITÄT UND ORIGINALITÄT JEDES INDIVIDUUMS IN EINER ANONYMER WERDENDEN WELT ZU BEACHTEN, INNERHALB DER DEMOKRATIE FREUDS BEITRAG ZUR WERTSCHÄTZUNG DES EINZELNEN HOCHZUHALTEN, ANGESICHTS DER INDUSTRIELLEN ZERSTÖRUNGEN, DER ANFECHTUNGEN GEGEN DEN SOZIALSTAAT, DER DESINTEGRATION DER SINNSYSTEME UND DER KRISE DER DEMOKRATIE.

DIE POLITIK MUSS SICH FREUDS EINSICHT STELLEN, DASS NATIONALISMUS UND FREMDENHASS AUF ARCHAISCHE WÜNSCHE, UNBEWUSSTE PHANTASIEN UND VERDRÄNGUNGEN DES EIGENEN ZURÜCKGEHEN, EBENSO WIE DEM BEGEHREN, DEM GEWINNSTREBEN DER ÖKONOMIE GRENZEN GESETZT WERDEN MÜSSEN.

DAS 21. JAHRHUNDERT MUSS DAVON AUSGEHEN, DASS VERDRÄNGEN UND VERSCHIEBEN VON KONFLIKTEN NUR NEUE KONFLIKTE NACH SICH ZIEHT. GERADE WAS NICHT SEIN SOLL, MUSS ERKANNT UND NICHT VERDRÄNGT WERDEN. DAS MANIFEST FORDERT AUF, FREUDS EINSICHTEN ENDLICH ERNST ZU NEHMEN.


Peter Kampits ist Professor am Institut für Philosophie und Dekan der Fakultät für Philosophie und Bildungswissenschaft der Universität Wien.

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