Maria Seissl: Organisatorin, Wissensmanagerin und Abenteurerin |
| Köpfe & Karriere, DLE-LeiterInnen |
| Simone Kremsberger (Redaktion) am 14. Dezember 2004 |
Beim Versuch, den Kilimandscharo zu besteigen, hat sie auf 5000 Meter umgedreht: "Die Höhe machte mir zu schaffen." Ansonsten ist sie keine, die kehrtmacht. Im Jahr 2000 startete Mag. Maria Seissl ihre Karriere an der Universitätsbibliothek Wien. Und die ging steil bergauf ? seit November 2004 ist die Tirolerin Leiterin der DLE Bibliotheks- und Archivwesen. |
Nach einem Jahr provisorischer Leitung steht Maria Seissl offiziell der DLE Bibliotheks- und Archivwesen der Universität Wien vor ? und ist verantwortlich für 56 bibliothekarische Standorte, 270 MitarbeiterInnen und natürlich die Bücher, ganze sechs Millionen Bände. Angesichts dieser beeindruckenden Zahlen bleibt Maria Seissl gelassen: "Ich lasse mich nicht leicht aus der Ruhe bringen." Die Herausforderung ihrer neuen Aufgabe macht ihr Spaß. "Man muss einen guten Überblick über das Gesamtgefüge der Universität und der DLE haben ? dabei hat mir geholfen, dass ich ab 2001 als Stellvertreterin der früheren Bibliotheksdirektorin, Dr. Ilse Dosoudil, für den Dezentralen Bereich verantwortlich war." Die 45-jährige Tirolerin charakterisiert sich als teamfähig, geschickt in Verhandlungen und im Erkennen und Lösen von Problemen, die natürlich auch vor der UB nicht Halt machen. Die Organisatorin: Entlehnabteilung und digitale Bibliothek als nächste Projekte "Ein großes Problem ist das enge räumliche Korsett", so Seissl. "Bibliotheken wachsen, und um gute Serviceleistungen zu erbringen, braucht man einfach Platz." In einem ersten Schritt will man sich 2005 der Raumsituation im Entlehnbereich der Hauptbibliothek widmen. Die Abteilung wird umgebaut, die BenutzerInnen sollen bestellte Bücher selbst aus den Regalen nehmen und an Entlehnstationen verbuchen können. Ein weiteres Vorhaben ist die Weiterentwicklung der digitalen Bibliothek: Auch die Bestände, die bisher nur in Kartenkatalogen oder eingescannten Katalogen verzeichnet sind, sollen erschlossen werden. Bis Ende 2006 sollen alle Bestände an der Hauptbibliothek von 1932 bis 1989 erfasst werden. In einem zweiten Schritt will man das digitale Angebot über eine Portalsoftware zugänglich machen, mit einer Suchanfrage sollen alle Datenbanken durchsucht werden können. Der Servicegedanke ihres Berufes ist Maria Seissl wichtig: "Bibliothekare sind Hüter eines großen Schatzes, nämlich von Wissen. Wir bringen Ordnung in die Informationsflut und vermitteln Informationskompetenz." Und das auch über die Universitätsgrenzen hinaus: "Wir wählen Literatur und Medien, die die Lehrenden, Forschenden und Studierenden der Universität brauchen, aber wir sind auch für die wissenschaftlich interessierte Öffentlichkeit da." Die Wissensmanagerin: "Aus- und Weiterbildung ist mir wichtig!" Um effiziente Hilfestellung bei der Informationssuche geben zu können und rund 1,3 Millionen Entlehnfälle im Jahr zu bewältigen, sind gut geschulte MitarbeiterInnen vonnöten. Auf deren Aus- und Weiterbildung legt die UB-Chefin großen Wert: "Mit 'Forum Infodienst' haben wir ein gut koordiniertes internes Fortbildungsprogramm, innerhalb dessen MitarbeiterInnen ihre KollegInnen schulen und über Neuerungen informieren. Im Wintersemester 2004/05 haben wir den Universitätslehrgang 'Master of Science Library and Information Studies' eingeführt, um die Bibliotheksausbildung auf ein international anerkanntes Niveau zu stellen." Seissl, organisatorische Leiterin des Lehrgangs, wird selbst im Sommersemester 2005 Fachenglisch unterrichten. Damit erfüllt sich die studierte Anglistin zumindest teilweise ihren ursprünglichen Berufswunsch: Lehrerin. Als Fremdsprachenassistentin in London, Lektorin für Deutsch als Fremdsprache an der University of Leeds und Lehrbeauftragte am Institut für Anglistik der Universität Innsbruck hat sie Unterrichtspraxis gesammelt. Der Wechsel ins Bibliothekswesen kam per Zufall: "Einen Monat nach meinem Studienabschluss wurde eine Fachreferentin für Anglistik an der UB Innsbruck gesucht. Ich habe mich beworben, die Stelle bekommen und bin im Bibliothekswesen gelandet." Aus dem Zufall entwickelte sich Freude am Beruf ? und eine lineare Karriere. Die Abenteurerin: Krimis und wilde Tiere Wenn Maria Seissl nicht arbeitet, liest sie gern ("Obwohl ich das als Bibliothekarin kaum zugeben kann, denn Lesen reicht nicht, um gut im Beruf zu sein."), und zwar Krimis zeitgenössischer englischer Autorinnen. Zu ihrer Krimileidenschaft hat sie eine eigene Theorie entwickelt: "Ich kenne sehr viele KollegInnen, die auch gerne Krimis lesen, und glaube, dass das mit dem Beruf zusammenhängt. In Krimis geht es darum, aus verwirrenden Informationen einen Fall zu lösen ? und auch Bibliothekare versuchen stets, eine Lösung, eine Information zu finden." In der Literatur sind Bibliotheken ein beliebtes Motiv: "Es gibt viele literarische Darstellungen des Bibliothekarsberufs, oft diese traditionelle Darstellung der Bibliothekarin als strenger Blaustrumpf, aber ebenso positive, wenn etwa die Detektivin im Krimi Archivrecherchen betreibt. Auch eine Episode von 'Kommissar Rex' spielte in einer Bibliothek: Im Laufe der Folge wurde jemand in der Kompaktregalanlage der Nationalbibliothek zerquetscht." In der Realität könne das nicht passieren, gibt Seissl Entwarnung: "Die meisten dieser Regalanlagen haben einen Stoppmechanismus, man muss sich nur dagegen lehnen." Einmal im Jahr versucht Seissl, sich ein paar Wochen frei zu nehmen und ihr "Lieblingsreiseland" Afrika zu besuchen. In einer kleinen Gruppe hat sie im abenteuerlichen Campingurlaub bereits Botswana, Namibia und Tansania bereist: "Ich habe vorher nicht gewusst, dass mir wilde Tiere so gut gefallen würden", lächelt Seissl. Und wenn sie die Spitze des Kilimandscharo erklommen hätte, würde man ihr's auch glauben. (sk) |

