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Fans stürmen das Fußballfeld, um den heurigen Meister Rapid zu feiern. Foto: I. Friedrich


Institut für Sportwissenschaft, Zentrum für Sportwissenschaft und Universitätssport Institut für Soziologie, Fakultät für Sozialwissenschaften Lesen Sie hier (PDF) den Artikel in voller Länge.
Massenphänomen Fußball
EURO 2008
Gastbeitrag von Gilbert Norden und Otmar Weiß am 30. Mai 2008

Der Soziologe Gilbert Norden und der Sportwissenschafter Otmar Weiß fragen nach den Motiven der unglaublichen Breitenwirkung und der Faszination des Fußballsports. Sie sehen die Gründe unter anderem in der Dynamik, Vielgestaltigkeit und Ästhetik des Spiels, aber auch in dem hohen identitätsstiftenden Faktor von Fußball.

Obwohl Fußball bislang in einigen großen Ländern wie USA, Australien und Indien, wenig Verbreitung gefunden hat, zählt er zu den populärsten Mannschaftssportarten der Welt. Seine Entwicklung geht auf Ballspiele zurück, die schon in grauer Vorzeit in den verschiedensten Winkeln der Erde betrieben wurden. Der Ursprung des Fußballspiels dürfte in China liegen. Wichtige Spuren können im Altertum und im Mittelalter bis zur Neuzeit verfolgt werden. Fußball heutiger Prägung hat im 19. Jahrhundert von England aus seinen Ausgang genommen und sich von dort aus verbreitet.

Gegenwärtig beläuft sich die geschätzte Zahl an FußballspielerInnen weltweit auf eine Viertel Milliarde. Pro Jahr werden auf der ganzen Welt über 40 Millionen Fußbälle verkauft. Der seit 1904 bestehenden Fédération Internationale de Football Association (FIFA) gehören sechs Kontinentalverbände - Europa, Südamerika, Nord-/Mittelamerika/Karibik, Afrika, Asien und Ozeanien - und 208 nationale Verbände als Mitglieder an. Damit sind mehr Länder Mitglied des Weltfußballverbandes als Mitglied der UNO.

Die Beliebtheit des Fußballs lässt sich nicht nur an der Größe der entsprechenden Verbände und der Zahl der SpielerInnen und verkauften Bälle ablesen, sondern mehr noch an den Zuschauerzahlen. In Europa ist Fußball die mit Abstand beliebteste Sportart im Fernsehen. Die Fußball-WM in Deutschland 2006 wurde von rund 5,3 Milliarden Menschen in Europa und etwa 26,3 Milliarden Menschen weltweit im Fernsehen gesehen. Die Spiele der Fußball-Europameisterschaft 2008 werden hochgerechnet zehn Milliarden Menschen weltweit vor dem Fernsehschirm verfolgen.

Erklärungsversuche der Attraktivität des Fußballsports

Fußball kann unter minimalen Voraussetzungen gespielt werden
Fußball ist relativ leicht zu erlernen. "Im Prinzip" kann jeder mitspielen. Da auch nur wenig Ausrüstung benötigt wird, ist Fußball relativ kostengünstig zu spielen.

Fußball ist offen gegenüber Aktiven und Zuschauern
Eine allfällige physische Überlegenheit des einzelnen Spielers kann durch technische Fertigkeiten kompensiert werden. Egal wie groß oder wie sprunggewaltig oder wie kräftig und robust jemand ist: Jeder hat eine Chance sich durchzusetzen. Es gibt in diesem Sinne "keine" oder nur eine relativ geringe "biologische Determinierung im Fußballsport".

Dynamik, Vielgestaltigkeit und Ästhetik des Spiels
Kaum ein anderes Sportspiel birgt einen solchen Variantenreichtum wie das Fußballspiel. Und in zahlreichen Fällen ist Fußball einfach schön: Die Eleganz der Bewegungen und die Ballfertigkeit der Spieler, die Konstruktion der Kombinationen usw.

Die Unwägbarkeit des Spielausgangs Fußball bietet Raum für Überraschungen und Sensationen. Zwar setzen sich über die Dauer einer Saison die leistungsstärksten Mannschaften durch, aber der Ausgang jedes einzelnen Spiels ist immer ungewiss.

Fußball bietet Möglichkeiten zur Identifikation Selten sagt ein Fußballzuschauer: "Heute spielt meine Mannschaft". Vielmehr sagt er: "Heute spielen wir". Dies nicht nur dann, wenn es sich bei der betreffenden Mannschaft um das Nationalteam handelt, sondern genauso, wenn das bevorzugte Vereinsteam das Spiel bestreitet.

Fußball bietet einen Freiraum für exzessiven Gefühlsausdruck
Im Stadion können die Zuschauer ihre Emotionen verbal oder sogar körperlich ausdrücken, und das, ohne Maßregeln befürchten zu müssen. Die Zuschauer dürfen sich umarmen, in die Luft springen, singen, schreien, brüllen, aber auch pfeifen, Buh rufen, schimpfen, fluchen, usw., wobei sie in die besondere Situation zwischen Kameradschaft und Anonymität einer Masse eingebunden sind.

Fußballsport ist telegen Fußball eignet sich fürs Fernsehen. Der Ablauf des Spiels lässt sich - im Unterschied zu vielen anderen Sportarten - linear abbilden, womit die Fernsehübertragung der Dramatik des Spiels auch ohne technische Eingriffe folgen kann.

Tor oder Gegentor


Fragt man nach der Faszination des Fußballsports und nach der Begeisterung dafür, so fragt man auch nach den gegenwärtigen Verhältnissen der Gesellschaft und nach den psychischen und sozialen Bedürfnissen ihrer Mitglieder. Ein Kennzeichen unserer Zeit ist der rasante soziale Wandel und die damit einhergehende Vereinzelung von immer mehr Menschen. Das gefühlsmäßige Erleben einer sozialen Einheit kann immer seltener realisiert werden, da das Säurebad der Konkurrenz, in das viele soziale Beziehungen getaucht werden, Gemeinsamkeiten auflöst und große Unsicherheit entstehen lässt.

Daher verstärkt sich der Wunsch nach Klarheit, Überschaubarkeit und Einfachheit in der Gesellschaft und entsprechende Angebote stehen hoch im Kurs. Ein solches Angebot ist der Fußballsport. In ihm kann man sich an solch einfachen Kategorien wie Tor oder Gegentor, Sieg oder Niederlage, Freund oder Feind orientieren. Zudem bietet der Fußball Möglichkeiten sozialer Integration und der Identitätsbildung, sowie Möglichkeiten, Spannungen zu erleben und Emotionen auszuleben, wie es in Situationen außerhalb des Sports nicht oder nicht im selben Maß der Fall ist. Weiters mag der Fußball symbolische Bedeutungen haben, die den Spielern und Zuschauern nicht bewusst sind. Für Fans kann er auch den Charakter einer Ersatzreligion annehmen.


Ass.-Prof. Mag. Dr. Gilbert Norden ist am Institut für Soziologie tätig, Univ.-Prof. Mag. Dr. Otmar Weiß ist der stellvertretende Vorstand des Instituts für Sportwissenschaft.

Lesen Sie hier (PDF) den Artikel in voller Länge.

Literaturtipps

Spitaler, Georg, 2005: Authentischer Sport - inszenierte Politik? Zum Verhältnis von Mediensport, Symbolischer Politik und Populismus in Österreich. Frankfurt/M.: Peter Lang.

Weiß, Otmar, 1999: Einführung in die Sportsoziologie. Wien: UTB + WUV-Universitätsverlag.

Weiß, Otmar, 2004: Fußball und mehr - Aspekte eines Massenphänomens. In: Jütting, Dieter H. (Hg.), Die lokale-globale  Fußballkultur - wissenschaftlich beobachtet. Münster: Waxmann, 221-236.

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