Der "Matilda-Effekt" tritt in Kraft, wenn die Arbeit von Wissenschafterinnen ihren männlichen Kollegen zugerechnet wird. Im Joint-Degree-Programm "Matilda" soll er nur in der Theorie vorkommen. Seit Oktober 2006 koordinieren Christa Ehrmann-Hämmerle und Carola Sachse die Entwicklung eines europäischen Masterprogramms in Women's and Gender History, das 2008 starten soll. Neben der Universität Wien sind vier Partneruniversitäten in Ungarn, Bulgarien, Frankreich und Großbritannien an dem EU-geförderten Lehrentwicklungsprojekt beteiligt. |
"Die Frauen- und Geschlechtergeschichte ist an der Universität Wien mittlerweile stark vertreten", freut sich Ao. Univ.-Prof. Mag. Dr. Christa Ehrmann-Hämmerle vom Institut für Geschichte. Mit einem neuen Joint-Degree-Studium soll die Position des Faches weiter gestärkt werden - und zwar im europäischen Kontext.
European Master in Women's and Gender History
"Matilda: European Master in Women's and Gender History" ist der Titel des neuen europäischen Masterprogramms, das Ehrmann-Hämmerle gemeinsam mit Univ.-Prof. Dr. Carola Sachse vom Institut für Zeitgeschichte koordiniert. "Matilda" richtet sich an Studierende, die sich sowohl mit Frauen- und Geschlechtergeschichte als auch mit europäischer Geschichte im interkulturellen Vergleich auseinandersetzen wollen. Als Namensgeberin des Programms fungiert Matilda Gage, eine der bedeutendsten Theoretikerinnen und Aktivistinnen der amerikanischen Frauenrechtsbewegung des 19. Jahrhunderts.
Matthew und Matilda
Nach ihr ist der so genannte "Matilda-Effekt" benannt - analog zum "Matthew-Effekt", der sich auf ein Bibelzitat bezieht: "Denn wer hat, dem wird gegeben, und er wird im Überfluss haben; wer aber nicht hat, dem wird auch noch weggenommen, was er hat", heißt es im Matthäusevangelium. "In der Wissenschaftsgeschichte bedeutet der von Robert Merton so benannte 'Matthew-Effekt', dass renommierten Wissenschaftern die Anerkennung zuwächst, die ihren weniger bekannten Kollegen oder Schülern gebühren würde", erklärt Carola Sachse. Ein Effekt, der für Forscherinnen noch häufiger zutrifft. Deshalb hat die Wissenschaftshistorikerin Margaret W. Rossiter 1993 den "Matilda-Effekt" postuliert: die Verdrängung des Beitrags von Wissenschafterinnen in der Forschung, deren Arbeit häufig männlichen Kollegen zugerechnet wird.
Ein Curriculum für fünf Universitäten
Nach längeren Vorbereitungen durch eine Gruppe von Lehrenden mehrerer historischer Institute wird seit Oktober 2006 für eine Laufzeit von drei Jahren am Curriculum zu "Matilda" gearbeitet. Fünf Universitäten sind an dem EU-geförderten Joint-Degree-Programm beteiligt: die Universität Wien als Trägeruniversität sowie als Partner die University of Nottingham, die Université Lumière Lyon 2, die Central European University (CEU) in Budapest und die Sofia University St. Kliment Ohridski. Die TeilnehmerInnen werden an mindestens zwei Standorten nach einem vereinbarten Curriculum studieren und ihr Diplom - den European Master - von allen fünf beteiligten Universitäten erhalten.
Inhaltliche Schwerpunkte
Die Hauptthemen des Curriculums fokussieren auf die Geschichte von Politik, Gesellschaft, Wissenschaft und Kultur aus frauen- und geschlechtergeschichtlicher Perspektive. Jede der Universitäten steuert verschiedene inhaltliche Schwerpunkte bei - im Fall der Universität Wien sind das "History of Nationalism and Post-/Colonialism", "History of Masculinities", "History of Gender and War", "History of Migration", "Social Relations", "History of Gender and the Sciences" und "Comparative History of Women's Movements". Weiters werden Ansätze und Methoden der Frauen- und Geschlechtergeschichte vermittelt.
Komparatistisch arbeiten
Ziel des Programms ist eine komparatistische Arbeitsweise, wie Ehrmann-Hämmerle betont: "Die TeilnehmerInnen sollen die Frauen- und Geschlechtergeschichte ihrer Länder im europäischen Kontext bearbeiten." Ihre Kollegin Carola Sachse ergänzt: "Es geht darum, verschiedene Zugänge und Methoden zu vergleichen."
Netzwerk von NachwuchshistorikerInnen
Voraussetzungen für die Bewerbung werden voraussichtlich ein Bachelor in Geschichte, Sprachkompetenzen in den Unterrichtssprachen Englisch, Französisch und Deutsch sowie spezielles Interesse und Qualifikationen sein. Etwa 25 bis 30 Studierende pro Studienjahr werden dann die Chance bekommen, an "Matilda" teilzunehmen und, wie Prof. Sachse hofft, "ein europäisches Netzwerk von NachwuchshistorikerInnen in diesem Bereich bilden".
Kick-off-Meeting in Wien
2009 soll ein "Probelauf" stattfinden, für 2010 ist der reguläre Start des Programms geplant. Davor geht es darum, einen genauen Lehrplan inklusive eines Intensivprogramms zu entwerfen, die Mobilität von Studierenden und Lehrenden zu organisieren und für die rechtliche Anerkennung des Masters in den beteiligten Ländern so sorgen. Das Kick-off-Meeting gemeinsam mit dem internationalen Konsortium findet von 8. bis 10. Dezember 2006 an der Universität Wien statt. (sk) |