Mit der Entschlüsselung des humanen Genoms ist die Zahl der für die Forschung zugänglichen potenziellen Angriffspunkte von Medikamenten um ein Vielfaches gestiegen. Für die Entwicklung neuer Arzneimittel ist heute ein breites molekular- und zellbiologisches Wissen ebenso unerlässlich wie pharmakologische, mathematische und Informatik-Kenntnisse. Das dreijährige Initiativkolleg "Molekulare Drug Targets" unter der Leitung von Univ.-Prof. Dr. Steffen Hering vom Department für Pharmakologie und Toxikologie führt seit 1. Oktober 2007 zehn junge PharmazeutInnen aus sechs Nationen in moderne Pharmaforschung ein.
Ionenkanäle
Ein Schwerpunkt des Doktoratsprogramms ist - mit fünf der insgesamt zehn Projekte - die Erforschung von Arzneimittelwirkungen an Ionenkanälen. "Ionenkanäle" sind Eiweiße, die in den Membranen der Zellen für den Transport von Calcium-, Kalium- und Chlorid-Ionen zuständig sind. Ihre Störungen sind mit Erbkrankheiten wie der Migräne, Epilepsie, Muskelschwäche, bestimmten Formen der Nachtblindheit, aber auch mit "gewöhnlichen" Herzleiden verbunden.
Membrankanäle in Herz und Nervenzellen
Wichtig für unseren Herzschlag sind Calzium-Ionen, da ihr Einstrom durch spezielle Calziumkanäle in den Herzmuskelzellen die Herzkontraktion auslöst. In Nervenzellen vermitteln Calziumkanäle Schmerzimpulse. Ein Ausstrom von Kalium-Ionen durch die entsprechenden Ionenkanäle sorgt dafür, dass sich die Zelle quasi "elektrisch erholen" kann. Stresshormone, aber auch manche Medikamente können zu Veränderungen an diesen Membrankanälen führen. Die Folge: Die Herzzellen sind elektrisch überlastet, es kann zu Herzrhythmusstörungen oder gar Herzversagen kommen. Ein Projekt des Initiativkollegs wird in den nächsten drei Jahren untersuchen, warum manche Arzneistoffe durch Wechselwirkung mit bestimmten Kaliumkanälen Herzrhythmusstörungen verursachen.
Naturstoffe als Ausgangspunkt für die Medikamentenentwicklung
Einen weiteren Fokus innerhalb des Initiativkollegs bilden Projekte, die sich der Erforschung des GABA(A)-Rezeptors als Angriffspunkt für Medikamente widmen. An diesem Rezeptor wirken nicht nur bekannte Beruhigungsmittel wie Valium oder Barbiturate; auch Inhaltsstoffe aus Pflanzen, wie z.B. aus dem Baldrian, enthalten Wirkstoffe die PharmazeutInnen auf nebenwirkungsärmere Schlafmittel hoffen lassen.
Forschen, managen und verkaufen
Ganz beruhigt über ihre Betreuungssituation können die zehn DoktorandInnen des Initiativkollegs auch ohne Melisse oder Baldrian sein. Zwölf WissenschafterInnen aus der universitären wie der privatwirtschaftlichen Forschung werden ihnen im Rahmen von Laborarbeit, Vorlesungen, Seminaren und Workshops alles beibringen, was junge PharmazeutInnen heute wissen müssen, um international reüssieren zu können: Dazu gehören neben den Techniken der Arzneimittelforschung auch Management und Präsentationsfähigkeiten, das Verfassen von Bewerbungsschreiben und Projektanträgen und das Wissen, wie allfällige neue Erkenntnisse kommerziell verwertet werden können.
Praxisnah und interdisziplinär
Das Initiativkolleg vereint verschiedenen Departments der Fakultät für Lebenswissenschaften und der Max F. Perutz Laboratories und gewährleistet die fächerübergreifende Ausbildung. Die Projekte der DissertantInnen vereinen Pharmakologie, Genetik, Pharmakognosie, pharmazeutische Technologie, Biophysik und theoretischer Chemie. Eine Vorlesungsreihe mit internationalen SpitzenforscherInnen ist Bestandteil der Ausbildung. Die Forschungsarbeit im Initiativkolleg bereitet die PharmakologInnen auf den "freien Markt" vor: Die DissertantInnen werden in risikofreudige Projekte eingebunden, von denen viele auf die Entdeckung neuer Arzneistoffe abzielen. Steffen Hering ist von den integrativen und interdisziplinären Aspekten des Doktoratsprogramms begeistert: "Ich freue mich besonders über ein sichtbares Bekenntnis der Pharmazie zur Molekular- und Zellbiologiebiologie." (hz)
Das dreijährige Initiativkolleg "Molekulare Drug Targets" unter der Leitung von Univ.-Prof. Dr. Steffen Hering startete im Oktober 2007. |