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Moderne Biomedizin und christliche Werte |
| Ethik und Biomedizin |
| Gastkommentar von Johannes Huber am 24. Januar 2003 |
Die moderne Medizin verändert unsere Gesellschaft grundlegend. Mehr denn je bedarf es deshalb Gruppen, die Wertvorstellungen entwickeln und nach außen tragen. Das Christentum kann sie unterstützen. |
Diskussionen über Ethik und Wertvorstellungen in der Medizin sind von großer Bedeutung, gerade weil die Medizin eine völlig neue Wissenschaft geworden ist und sich anschickt, unsere Gesellschaft grundlegend zu verändern. Drei Dinge sind es, die aus der Biomedizin eine ganz neue Wissenschaft machen: Zum einen die Koalition der Medizin mit der Datenverarbeitung. Die Medizin beginnt, ihren Job so zu versehen wie zum Beispiel BMW Autos baut - mit höchster Präzision und nicht mehr nur durch bloße Beobachtung. Zum anderen leben wir seit Jahrzehnten in einer Zeit des Friedens und des Wohlstands. Der wissenschaftliche Fortschritt ist garantiert und wird nicht permanent interrupiert. Der dritte Grund sind die neuen Kommunikationsmittel und die extreme Geschwindigkeit, mit der Wissen ausgetauscht werden kann. Auf dem Weg zum gläsernen Menschen Diese drei Punkte machen die Medizin wahrscheinlich zur Leitdisziplin unserer Gesellschaft. Und wenn man sich die Erfolge und Resultate in den letzten Jahren ansieht, so geschieht dies mit atemberaubender Geschwindigkeit. 1998 ist das Genom des Fadenwurms dechiffriert worden, ein Jahr später das der Hausfliege und ein weiteres Jahr später jenes des Homo sapiens - getragen von der Datenverarbeitung. Der gläserne Mensch wird Wirklichkeit - insofern, als man die Polymorphismen im Körper und in der Zelle entdeckt und damit weiß, dass jemand zum Beispiel anfällig ist für ein Prostata-Carcinom. Momentan schlummert das noch mehr oder weniger in der Büchse der Pandora, aber grosso modo hat die Wissenschaft die Potenz schon bei der Empfängnis: "Das wird ein Mensch mit einer Prostatahyperplasie." Das erscheint mir momentan als die größte Gefahr, weil solche Analytik relativ kurzfristig realisiert und in unsere Gesellschaft implementiert wird. Der Vorteil liegt bis zu einem gewissen Grad auf der Hand: Man kann präventiv aktiv werden. Dadurch werden aber andererseits unterschiedliche Gesundheitsklassen installiert: Wiewohl man natürlich in dieser Detektion eines sieht, nämlich: Behindert sind wir alle! Es sind Insuffizienzen, die sich in inneren Organen, im Stoffwechsel oder auch im Nervensystem zeigen und an denen wir alle leiden. Dieses Leiden kommt aber erst ab einem gewissen Alter zum Vorschein. Wahrscheinlich sehr gefährlich und damit den gläsernen Menschen wirklich zur Realität machend, ist auch die Möglichkeit, dass durch diese genetischen Detektionen Verhaltensmuster zugeordnet werden können. Nicht nur die Neigung z.B. zum Prostata-Carcinom ist ablesbar, sondern auch, ob jemand mit dieser Genkonstellation aggressiv ist. Ethische Herausforderungen der Regenerationsmedizin Der gläserne Mensch wird Realität - hier ethische Leitlinien zu entwickeln, halte ich für die größte Herausforderung der nächsten Jahre. Größer sogar als die Stammzelldiskussion, weil man in der Wissenschaft sieht, dass die embryonalen Stammzellen offensichtlich doch nicht so wichtig sind wie früher angenommen. Dass sich, im Gegenteil, in unserem Körper etwas ereignet, was viel faszinierender ist: Wir regenerieren uns während des Lebens permanent aus unseren eigenen Stammzellen. Ein Beispiel: Im Knochenmark sind die sogenannten CD 34+- Zellen, die normalerweise Blut bilden. Doch diese Knochenmarkzellen können auch etwas Anderes: Wenn z.B. die Leber in Gefahr gerät, dann werden Stammzellen aus dem Knochenmark in die Leber geschickt mit dem Befehl: "Werdet nicht eine Blutzelle, sondern beginnt die Leber zu regenerieren!" Das geschieht in unserem Körper Tag für Tag bis zu einem gewissen Alter - Mechanismen, die die Medizin erst vor kurzem entdeckt hat. Die Medizin beobachtet diese Mechanismen der Selbstregeneration und versucht, diese selbstregenerativen Fähigkeiten des Körpers zu analysieren und auch letzten Endes noch einmal abzurufen. Das was dabei herauskommt, ist für den Gynäkologen so faszinierend: Es sind die Gesetze der Schwangerschaft, die nach der Schwangerschaft in diesen Stammzellen noch erhalten bleiben und den Stammzellen die Kompetenz geben, den Organismus permanent zu erneuern. Ein Beispiel: In der 8. Woche der Schwangerschaft beginnt sich im Fötus die Leber zu bilden, folgt einer Genkaskade. Diese Genkaskade kennt man in der Zwischenzeit und man kann sie auch beim erwachsenen Menschen noch einmal abrufen - mit 50, mit 60, mit 70 Jahren. Eine Resurrectio, eine Auferstehung quasi in partieller Weise, eine Wiedergeburt mit Hilfe der Geheimnisse der Schwangerschaft. Was das für unseren Kosmos und für unsere Gesellschaft bedeutet, klingt wie eine Utopie: Im Juli hat "Science" der wissenschaftlichen Welt verkündet, man habe jene Genkaskade entdeckt, die für die Ausbildung des menschlichen Großhirns verantwortlich ist. Britische Wissenschafter haben diese Kaskade Mausembryonen appliziert. Mit dem Erfolg, dass die Mäuse tatsächlich auch ein Großhirn bildeten. Allerdings wurden sie unmittelbar vor der Geburt getötet. Da bahnen sich also Dinge an, die offensichtlich schon so kompliziert sind, dass sie nicht mehr realisiert werden können. Das war es letzten Endes, warum der Bundeskanzler die Ethikkommission zunächst nicht als oberste ethische Behörde der Republik gesehen hat, sondern als Vorwarnsystem, das Politik, Kirche, Gesellschaft informieren soll über das, was auf uns zukommt und was nicht mehr von der Bevölkerung, aber auch nicht mehr von der Politik wahrgenommen wird. Die Vorgänge führen zu einer völlig neuen Medizin. Man kann sich vorstellen, was das für unsere mondiale Gesellschaft bedeuten kann. Wobei das massive Älterwerden der Bevölkerung ja nicht nur wirtschaftliche, sondern auch soziologische, psychologische und v.a. ethische Probleme heranwachsen lässt: Eine immer größere Bevölkerungspopulation, die nicht mehr arbeitet, steht einer immer kleineren berufstätigen Schicht gegenüber. Das führt möglicherweise zum Verlust des Solidaritätspaktes der Generationen, und das wäre natürlich für unsere Gesellschaft zweifellos letal. Mondiale Börse der Wertvorstellungen Ich persönlich glaube, dass die Medizin offenbar zu gut geworden ist. Sie ist zu gut geworden, um zu überleben. Allerdings: Wir können sie nicht verhindern. Es gibt in der Welt Gesellschaften, die dem Christentum nicht verbunden sind. Die z.B. mit dem Klonen überhaupt keine Probleme haben und die das natürlich grosso modo auch tun. Die auch mit transgenen Tieren keine Probleme und Berührungsängste haben, weil für sie Tiere ja genauso wie Menschen beseelte Lebewesen sind, und daher haben sie nichts dagegen, dass menschliche Embryos in Tieren ausgetragen werden oder DNA vom Tier ins menschliche Genom impliziert werden soll - das entspricht ihrer Philosophie und Weltanschauung. Es bildet sich - mondial gesehen - eine Börse, und auf dieser Börse präsentieren unterschiedliche ethische Gruppen der Welt ihre Vorstellungen. Schon in Europa merkt man einen großen Unterschied in der Weltanschauung. Die Angelsachsen definieren Ethik so, dass sie dem größtmöglichen Anteil in der Bevölkerung den höchstmöglichen Grad an Plaisir vermittelt. Über ethische Fragen lassen sie das Raster der Demokratie fahren. Für uns Mitteleuropäer ist es dagegen selbstverständlich, dass ethische Fragen nicht demokratisch entschieden werden können. Denn wenn fünf Leute in einem Boot sitzen und vier den Entschluss fassen, den Fünften über Bord zu werfen, so ist das zweifellos ein demokratisches Votum, allerdings unethisch. In Mitteleuropa, und hier sind zweifellos Kant, Hegel usw. Vorreiter gewesen, hat die christliche Botschaft hellenistisch geprägt Fuß gefasst. Dies hat große Konsequenzen, denn das war letzten Endes auch der Hintergrund der restriktiven Haltung in der Stammzellforschung und im Embryonenverbrauch gegenüber den Angelsachsen. Denn für uns ist die Individualethik, das Individuum, aufgrund dieses hellenistischen Satzes von hohem Wert. Christliche Werte Ich persönlich glaube, dass wir als Christen in der Lage wären, einen Obulus in die Diskussion zu geben und dass das auch bis zu einem gewissen Grad konfliktlösend ist: Wer die linke Wange beschädigt bekommt, hält auch die rechte hin. Nur: Wir müssen unsere Werte auch leben. Man kann sich nicht zum Advokaten von Blastomeren machen, wenn man auf der anderen Seite einen Menschen, der vor einem steht, beleidigt, ihm Unterstellungen anzuhängen versucht und ihn kränkt. Das passt nicht zusammen. Ich glaube, dass eine Ethikdiskussion und eine Diskussion um bestimmte Themen auch eine Selbstoffenbarung implementieren sollte, welche ethischen Prinzipien man selbst als verbindend ansieht. Nur dann wird erklärbar, dass man das Eine ablehnt und das Andere akzeptiert. Wir würden es in der Diskussion um Ethik leichter haben, wenn sich jeder identifiziert und outet: Was sind die eigenen ethischen Quellen, aus denen man die Wertvorstellungen schöpft. Es wäre gut und es wäre sicher zielführend, wenn man in der jetzigen Diskussion mit der Unterstützung des Christentums in einer modernen Form rechnen dürfte. Denn unsere Zeit hat heute mehr denn je Gruppen nötig, die Wertvorstellungen haben. Univ.-Prof. DDr. Johannes Huber studierte Medizin und Theologie an der Universität Wien. Seit 1992 ist er Leiter der Abteilung für Gynäkologische Endokrinologie und Sterilitätsbehandlung an der Univ.-Klinik für Frauenheilkunde, seit 1993 auch Interimistischer Vorstand der Univ.-Klinik für Frauenheilkunde am Wiener AKH. Das Originalreferat von Prof. Huber im Rahmen der Marizeller Gespräche im Oktober 2002 kann hier nachgelesen werden (pdf). Alle Referate der Mariazeller Gespräche im Original: Univ.-Prof. Dr. Gerhard Luf (Universität Wien) Univ.-Prof. Dr. Günther Pöltner (Universität Wien) Prof. Dr. Jan P. Beckmann (FernUniversität Hagen) Univ.-Prof. Dr. Leopold Neuhold (Universität Graz) Dr. Klaus Huemer (LKH Mariazell) Diözesanbischof Dr. Egon Kapellari (Graz-Seckau) |
