"Ich muß ihnen aufrichtig gestehen, daß |: obwohl ich hier alle mögliche höflichkeiten und Ehren genüsse, und Prag in der That ein sehr schöner und angenehmer ort ist, :| ich mich doch recht sehr wieder nach Wienn sehne; und glauben sie mir, der hauptgegenstand davon ist gewis ihr Haus."
So schreibt Mozart am 15. Januar 1787 aus Prag an Gottfried von Jacquin. Nachdem er über den triumphalen Erfolg seines "Figaro" in Prag berichtet hat, nimmt er sich ausführlich Zeit, um die ganze Familie Jacquin freundschaftlich und humorvoll anzusprechen. Welches Haus war es, in dem sich Mozart so wohl fühlte?
Die Familie Jacquin
Nikolaus Joseph Freiherr von Jacquin (1727–817) stammte aus Leiden und hatte in Wien seit 1769 die Professur für Chemie und Botanik an der Universität inne; seine wichtigste Leistung ist der Aufbau des Botanischen Gartens am Rennweg. Er und seine Familie wohnten standesgemäß im Direktionshaus beim Botanischen Garten. Sein jüngerer Sohn Joseph Franz (1766–839) war ein 'naturhistorisches Wunderkind' und folgte dem Vater als Botanik-Professor und Leiter des Botanischen Gartens; ihm schrieb Mozart einen kunstvollen Doppelkanon KV 228 (515b) mit englischer Widmung ins Stammbuch.
Nikolaus Joseph hatte aber noch zwei weitere Kinder: Franziska (1769–853), später verh. Lagusius, war eine begabte Pianistin und Klavierschülerin Mozarts, der für sie das "Kegelstatt-Trio" KV 498 und die vierhändige Klaviersonate KV 521 schrieb. Die engste Beziehung unterhielt Mozart aber zu Gottfried von Jacquin (1763–792), dem ältesten Sohn von Nikolaus Joseph. Gottfried war musikalisch begabt, ein passabler Sänger in Basslage und Komponist galanter Liebeslieder, die er offenbar den Frauen, für die er gerade am meisten schwärmte, widmete. Mozart komponierte für ihn eine ganze Reihe von Werken, beispielsweise die Bassarie "Mentre ti lascio, o figlia" KV 513. Ein besonderes Faszinosum bilden aber Werke, bei denen nicht von vornherein klar ist, ob sie von Mozart oder von Gottfried von Jacquin stammen.
Umstrittene Werke
Die lange umstrittenen Notturni KV 436-439a für zwei Soprane, Bass, Klarinetten und Bassetthörner gelten mittlerweile als Werke Mozarts; bei der Bassarie "Io ti lascio, o cara, addio" KV 621a = Anh. 245 ist die Autorschaft bis heute nicht ganz geklärt. "Als Luise die Briefe ihres ungetreuen Liebhabers verbrannte" KV 520 ist zweifellos von Mozart, wie das Autograph belegt; das Lied wurde aber noch zu Lebzeiten Mozarts und Gottfrieds (der nur wenige Wochen nach Mozart starb) unter dem Namen des letzteren veröffentlicht. Mozart dürfte dies nicht gestört haben; er hatte das Lied ja seinem Freund überlassen. Auch das "Traumbild" KV 530 wurde 1803 aus Gottfrieds Nachlass als dessen Werk gedruckt, obwohl die Autorschaft Mozarts belegbar ist; die Übergabe der 'Urheberschaft' formuliert Mozart in einem Brief aus Prag (1787), dem das Autograph beigelegen haben muss, so:
"wenn es noth hat Sie durch das lied en question meiner freundschaft zu versichern, so haben sie weiter keine Ursache daran zu zweifeln; - hier ist es: ich hoffe aber daß sie auch ohne diesem liede meiner wahren freundschaft überzeugt sind, [?]"
Für unsere Vorstellungen von Urheberrecht ist derartiges musikalisches "Ghostwriting" schwer verständlich, aber es entsprach durchaus dem Rechtsverständnis gegen Ende des 18. Jahrhunderts - man denke an Mozarts Requiem, das der Auftraggeber Graf Franz von Walsegg als eigenes Werk deklarieren wollte.
Scheiden tut weh - bei Männern anders als bei Frauen?
Durch das Überlassen der erwähnten "Luise" an Gottfried von Jacquin wurden zwei Lieder Mozarts getrennt, die im Abstand von drei Tagen komponiert wurden: die erwähnte "Luise" KV 520 (Text: Gabriele von Baumberg) und das "Lied der Trennung" KV 519 (Text: Klamer Eberhard Karl Schmidt). In letzterem rafft sich ein Mann, der von seiner Geliebten namens Luisa verlassen worden ist, erst nach vielen Strophen selbstmitleidigen Lamentos zu einer Drohgebärde gegenüber der untreuen Freundin auf; dem entspricht die weit gehend strophische Vertonung Mozarts. Ganz anders "Als Luise die Briefe ihres ungetreuen Liebhabers verbrannte", wo eine Frau ihren Emotionen freien Lauf lässt, allerdings nicht schablonenhaft (wie in einer spätbarocken Oper), sondern individuell, als 'moderne Frau'. Daraus macht Mozart kein Lied, sondern ein Accompagnato-Rezitativ mit Arie in Miniatur-Ausführung.
"Das Bandel"
Im "Bandel-Terzett" KV 441 schließlich tritt Gottfried von Jacquin nicht als Co-Autor oder Widmungsträger, sondern als dramatis persona auf: Die Besetzungsangabe in der Partitur nennt statt der Stimmlagen "Sopran", "Tenor" und "Bass" die Namen "Constanze", "Mozart" und "Jacquin". Diese komische häusliche Szene hat Mozart auf einen eigenen Text im Wiener Dialekt komponiert.
Dr. Rainer J. Schwob lehrt und forscht am Institut für Musikwissenschaft der Universität Wien und ist Mitarbeiter bei dem FWF-Projekt "W. A. Mozart im Spiegel des Musikjournalismus" unter der Leitung von o. Univ.-Prof. Dr. Gernot Gruber. Dieser Beitrag ist die gekürzte Version des Vortrags, den er am 18. Jänner 2006 im Rahmen der Eröffnung der UB-Ausstellung "Bruder Mozart - Musik der Freundschaft. Beziehung zur Freimaurerei und zur Familie Jacquin" gehalten hat. |