Vor zwei Jahren hat Dr. Michael Lorenz, Musikwissenschafter und als Cellist auch praktizierender Musiker, die Mozartforschung mit einer besonderen Entdeckung bereichert: Er fand heraus, dass das unter dem Titel "Jeunehomme" bekannte Klavierkonzert von Wolfgang Amadeus Mozart einer gewissen Victoire Jenamy, der Tochter des Mozart-Freundes und berühmten Tänzers Jean-Georges Noverre, gewidmet ist. Seither heißt das 1777 komponierte Werk nicht mehr "Jeunehomme-", sondern "Jenamy-Konzert".
Mozart im Archiv
Im Wiener Stadt- und Landesarchiv konnte Lorenz das Rätsel lösen. Er ist überzeugt, dass noch viele spannende Dokumente in den Archiven lagern: "Wir kennen nicht einmal 50 Prozent von Mozarts Biografie", meint er. Momentan widmet er sich - laut eigener Aussage "in aufwändigen archivalischen Studien" - in einem Forschungsprojekt, das von Univ.-Doz. Dr. Theophil Antonicek vom Institut für Musikwissenschaft geleitet wird, den Biografien einiger von Mozarts Schülerinnen und Schülern.
Künstler und Lehrer ...
Denn Mozart war nicht nur ein genialer Komponist, Mozart war auch Lehrer. "Er hat das Unterrichten gehasst", sagt Michael Lorenz. Doch als Mozart im Jahr 1781 nach Wien kam, musste er sich, wie es heute so schön heißt, als freischaffender Künstler durchschlagen. Geldsorgen und die Notwendigkeit, mit dem Adel Kontakt zu pflegen, brachten ihn zum Unterrichten.
... vieler SchülerInnen
Die Reihen seiner SchülerInnen sind lang - "doch nicht alle sind nachgewiesen", schränkt der Mozart-Forscher ein. "Klavierunterricht war damals etwas anderes als heute. Der Lehrer hat mehr gespielt als der Schüler. Zum Teil haben die Leute nur zugehört und gesagt, 'Ich habe Klavierunterricht bei Mozart genommen'."
Ployer, Auernhammer und Trattner
Nachweislich Theorieunterricht beim Meister genommen hat etwa Barbara Ployer (1765–811). "Sie stammte aus Sarmingstein und kam zu einem Cousin ihres Vaters nach Wien", erzählt Michael Lorenz. "Sie war eine ausgezeichnete Pianistin. Ihr Onkel hat Mozart dafür bezahlt, dass er Klavierkonzerte für sie schreibt, und er hat drei Konzerte für sie komponiert." Eine glanzvolle Karriere erwartete Ployer aber nicht: "Sie heiratete einen ungarischen Adeligen, bekam ein Kind und endete geistig verwirrt, wahrscheinlich durch das Verwandtschaftsheiraten bedingt. Sie ist vermutlich 1811 in Ungarn gestorben." Auch für die Pianistin und Komponistin Josepha Auernhammer (1758–820), eine Kusine der Frau von Antonio Salieri, hat Mozart komponiert. Eine weitere Schülerin war Therese von Trattner (1758–793), die Tochter des Erbauers des Trattnerhofs am Graben, wo Mozart 1784 gewohnt und Abonnementkonzerte gegeben hat.
Der "liebe Gaulimauli"
Nicht nur Schüler, sondern auch ein Freund war Mozarts Landsmann Franz Jakob Freystädtler (1761–841): "Ein faszinierender Mensch", so Lorenz: Hallodri, Komponist ("kein besonderer") und Klavierlehrer. Bereits mit 16 Jahren hatte sich Freystädtler einen schlechten Ruf erworben: Liebesaffären, Schulden und Faulheit wurden ihm vorgeworfen. In Wien war er auf Empfehlung Mozarts 50 Jahre lang als Klavierlehrer tätig. Mozarts Loyalität zu seinem Freund und Schüler hat Michael Lorenz aus verschiedenen Gerichtsakten rekonstruiert: Als Freystädtler als mutmaßlicher Klavierdieb im Gefängnis landete, stellte Mozart die Kaution und schrieb eine Haftungserklärung für ihn. Nach einem langen Gerichtsstreit wurde Freystädtler freigelassen. In einem Kanon Mozarts ist er als "Lieber Freystädtler, lieber Gaulimauli" verewigt.
Vergessener Zeitzeuge
Freystädtler hätte einen wichtigen Zeitzeugen Mozarts abgegeben. "Doch er mied die Öffentlichkeit, da er in wilder Ehe mit einer Wirtstochter lebte", schildert der Musikwissenschafter. Zum 50. Todestag Mozarts im Jahr 1841 erinnerte man sich seiner, der eine Menge Wissen über seinen Freund hätte weitergeben könnte. "Man fragte ihn nur, wo Mozart begraben sei", sagt Lorenz. "Er gab keine Auskunft. Am nächsten Tag war er tot." Und so bleibt nur die Archivarbeit. (sk)
Das Forschungsprojekt "Mozarts Wiener Schüler" unter der Leitung von Univ.-Doz. Dr. Theophil Antonicek und der Mitarbeit von Dr. Michael Lorenz vom Institut für Musikwissenschaft der Universität Wien wird durch den Jubiläumsfonds der Österreichischen Nationalbank gefördert. Das Projekt soll Ende 2006 abgeschlossen sein, 2007 erscheint eine Publikation zum Thema. |