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Martin Gaenszle hielt am 14. November seine Antrittsvorlesung im Kleinen Festsaal. Fotos: V. Schallhart


Die Begrüßungsworte sprachen Vizerektor Johann Jurenitsch und Dekan Franz Römer.


Martin Gaenszle sprach über Perspektiven einer neuen, inklusiven und modernen Südasienkunde.


Der Kleine Festsaal war gut besucht. Auch Susanne Weigelin-Schwiedrzik (li.), Vizedekanin der Philologisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät, war darunter.


Beim anschließenden Buffett wurde noch geplaudert. Im Bild Martin Gaenszle und Arabist Stephan Procházka im Gespräch.


Institut für Südasien-, Tibet- und Buddhismuskundeder Philologisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät
Mündlichkeit und Moderne - "marginale" Sprachkulturen in Südasien
Antrittsvorlesungen
Gastbeitrag von Martin Gaenszle am 15. November 2007

Die moderne Südasienkunde ist nach wie vor eine junge Wissenschaft, die noch dabei ist, ihren Wissensgegenstand zu bestimmen. Ein Bereich, der hierbei eine wichtige Rolle spielt und erst in jüngerer Zeit wissenschaftlich "entdeckt" wurde, ist die Vielfalt "kleiner" (aus der Sicht der politischen Zentren) "marginaler" Sprachkulturen, die in mannigfachen, meist nicht-verschriftlichten, oralen Traditionen zum Ausdruck kommen.

Gerade in Südasien war und ist die mündliche Form der Überlieferung ein zentraler Bestand¬teil der Kultur, und dieser steht in einem fortdauernden - wenn auch sich wandelndem - Spannungsverhältnis zur schriftlichen Überlieferung. Dieses zu untersuchen ist eine der Aufgaben einer inklusiven Modernen Südasienkunde.

Die Antrittsvorlesung befasst sich mit der Frage, wie sich Mündlichkeit in Südasien in der jüngeren Zeit wandelte und in welcher Weise sie unter den Bedingungen einer globalisierten Moderne weiter bestehen kann. Die Potentiale und Perspektiven eines sprachanthropologischen Zugangs zu dieser Problematik werden an drei Beispielen aufgezeigt: im ersten geht es um Gesänge, im zweiten um historische Erzählungen und im dritten um sprachliche Formen der Populärkultur. Dabei werden Entwicklungen erkennbar, die gängige kulturhistorische Modelle in Frage stellen und zu einer Perspektivenverschiebung führen, die der Historiker Dipesh Chakrabarty mit dem Begriff der "Provinzialisierung Europas" umschrieben hat.

Schamanen im digitalen Zeitalter


Die mündlichen Performanzen der Rai in Ostnepal sind nicht nur nach wie vor lebendig, sie entziehen sich geradezu jeder Transformation in ein fixierendes Medium. Zwar gibt es erste Versuche der Verschriftlichung, nicht zuletzt durch die ethnographische Arbeit, doch haben diese - bislang jedenfalls - keinen Einfluss auf die Tradition selbst: Sie existieren in einer separaten Welt. Weniger fixierend als das Buch ist das Medium von Videoaufzeichnungen und die Dokumentation von mehreren Varianten. Dieser Sprung ins digitale Zeitalter macht es möglich, dass die Vielschichtigkeit der Performanz auch in einer Aufzeichnung erhalten bleibt.

"Erfindung" von Schrift


Untersuchungen zur oralen Geschichte zeigen, wie stark die Kräfte sein können, die in Richtung einer Verschriftlichung, oder Inskription, der Tradition drängen. Die in Legenden beschriebene "Wieder"entdeckung der eigenen Schrift im 18. Jahrhundert war für die Limbu in Sikkim und Nepal eine zivilisatorische Leistung, die sie auf eine Ebene mit den benachbarten Königen stellte. Diese Schrift wurde jedoch de facto relativ wenig verwendet, die mündliche Überlieferung blieb erhalten. Allenfalls für Genealogien und rechtliche Dokumente wurde die Schrift eingesetzt, und so war ihre Bedeutung vor allem eine Symbolische. Die (eigene) Schrift war und ist gerade heute eine Waffe im Kampf um ethnische Selbstbestimmung im Kontext des sich neu konstituierenden modernen Nationalstaates.

Bollywood Filmsongs


Mündlichkeit in der Moderne ist aber nicht notwendigerweise bedroht, sondern kann auch eine Renaissance erfahren. Die Lieder des populären Kinos entstammen der mündlichen Volkskultur, teilweise aber auch schriftlichen Traditionen, werden im modernen Kontext transformiert (säkularisiert, popularisiert, hybridisiert), und erfahren durch die neuen Medien eine immense, globale Verbreitung. Hier wird deutlich, wie wenig sinnvoll es ist, von einer einfachen Entwicklung vom Oralen zum Schriftlichen auszugehen (wie es Jack Goody und andere getan haben). Vielmehr kann die Entwicklung vom Schriftlichen zum Mündlichen sowie auch anders herum verlaufen: die Lieder werden im Film und Radio gehört, aber man kann sie auch im Internet als Texte lesen. Diese ständige Zirkulation in einer expandierten Öffentlichkeit trägt dazu bei, dass die Inhalte sich einer homogenisierenden Moderne widersetzen.

Mündlichkeit und multiple Modernen


Diese oralen Sprachkulturen existieren teils schon seit langer Zeit neben den Schrifttraditionen, mit denen sie oft in einer fruchtbaren Wechselbeziehung standen. Die Schrifttraditionen üben einen gewissen Druck aus, erzeugen ein Spannungsverhältnis und verändern sie oft ganz essentiell, doch wäre es falsch zu behaupten, dass die Mündlichkeit von ihnen völlig verdrängt wird. Vielmehr erweist sich die Oralität in Südasien auch unter den Bedingungen der Moderne als hochgradig vital und resistent, sie existiert nicht nur an den Rändern, sondern auch in den urbanen Zentren der Moderne. Es entstehen dabei nicht nur neue Wege der Übermittlung und neue Märkte, es entstehen auch neue ästhetische Formen und neue soziale Gemeinschaften und Identitäten.

Gerade in der Gegenwart, da Südasien zunehmend als Wirtschaftsmacht einen beschleunigten Prozess der ökonomischen Modernisierung durchläuft, ist es notwendig, zu erkennen, dass die globale Moderne keine universal gleichförmige Erscheinung ist, die überall eine einheitliche Homogenisierung der Kultur mit sich bringt. Vielmehr zeigt sich in Südasien eine distinkte Variante der "multiplen Modernen" (S.N. Eisenstadt).


Martin Gaenszle hat seit Jänner 2007 die Professur Kultur- und Geistesgeschichte des neuzeitlichen Südasien an der Philologisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät inne. Seine Antrittsvorlesung fand am Mittwoch, 14. November 2007, um 17 Uhr im Kleinen Festsaal der Universität Wien statt.

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