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Natural born killer: Insekten verdauende Pflanzen |
| Botanischer Garten |
| Daniela Schuster (Redaktion) am 16. März 2004 |
Insekten verdauende Pflanzen haben seit jeher die Phantasie der Menschen angeregt und ihre Liebhaber gefunden. Trotzdem oder gerade deswegen gehören sie zu den vom Aussterben bedrohten Arten. Im Botanischen Garten der Universität Wien werden einige dieser Nahrungsspezialisten kultiviert. |
Jemand, der ständig auf Diät gesetzt ist, bekommt Appetit auf ein Schnitzel. Jedenfalls geht es einigen Pflanzen so, die auf extrem nährstoffarmen Böden zu Hause sind. Um ihren Speiseplan mit Phosphor und Stickstoff ein wenig aufzubessern und ihr eigenes Gedeihen sicherzustellen, greifen sie zur Zusatznahrung: Insekten. "Theoretisch könnten diese Pflanzen auch als Vegetarier durchkommen, nur gedeihen sie mit etwas ,Fleisch‘ einfach besser. Um an ihr ,Schnitzel‘ zu gelangen, bedienen sich Pflanzen unterschiedlicher Tricks. Bei den Insekten verdauenden Pflanzen kennen wir solche mit Leimruten, Kannen und Trichtern, Klapp- oder Saugfallen", erläutert Ass.-Prof. Dr. Michael Kiehn vom Institut für Botanik der Universität Wien. Auf den Leim gegangen Pflanzen, die sich der Leimruten-Technik bedienen, muss man nicht lange suchen und vor allem nicht weit weg. Pinguicula, das Fettkraut, ist in unseren Alpen beheimatet. An seinen klebrigen Blattoberflächen bleiben Insekten haften und werden dort verdaut. Beim Sonnentau (Drosera) hingegen ist nicht das gesamte Blatt die Falle. "Auf den Blättern gibt es langgestreckte Drüsen mit einer klebrigen Substanz am Ende. Diese Tröpfchen imitieren Tau - Insekten, die daran lecken wollen, bleiben kleben. Manche Arten des Sonnentaus rollen zur Verdauung ihrer Beute dann das Blatt ein", erklärt Kiehn. Volle Kanne Nepenthes, Sarracenia oder Cephalotus, die aufgrund ihrer umgeformten Blätter und Blattteile auch Kannenpflanzen genannt werden, erzeugen im Inneren ihrer Kannen eine zersetzende Flüssigkeit. Um Insekten auch dorthin zu locken beziehungsweise gegen ihren Willen dorthin zu befördern, wo sie verdaut werden können, kennen die Arten dieser Gattungen einige Tricks. "Sie strömen einen intensiven Aas- oder Frucht-Geruch aus, der die Opfer anzieht", erzählt der Institutsvorstand. "Die am Kannentrichter landenden Insekten haben keine Chance. Er ist glatt wie Schmierseife, sie rutschen ab. Besonders ,bösartige‘ Exemplare besitzen zudem einen Deckel über der Kanne, der das Herausfliegen verhindert." Ab Anfang Mai sind die Kannenpflanzen des Botanischen Gartens und ihre Methoden der Nahrungsbeschaffung in öffentlich zugänglichen Vitrinen zu bewundern. Eingefangen oder magisch angezogen Einer besonders ausgeklügelten Form der Nahrungsbeschaffung bedienen sie jene Pflanzen, die mit Klapp- oder Saugfallen ausgestattet sind. Sie sind für Insekten besonders schwer als Gefahr zu identifizieren. Zu ihnen gehört zum Beispiel die bekannte Venusfliegenfalle (Dionaea muscipula). Ihre Blätter besitzen einen Klappmechanismus: Landet ein Insekt auf dem Blatt und berührt dabei auf der Blattoberfläche befindliche Haare, so klappt das Blatt in der Mitte zusammen, das Insekt ist im Inneren der Falle gefangen und wird dort verdaut. Der Wasserschlauch (Utricularia) ist am Rand von Gewässern angesiedelt und ragt mit seinen Wurzeln ins Wasser hinein. "An den Wurzeln befinden sich kleine, Luft gefüllte Bläschen mit Dornfortsatz. Wird dieser etwa von einem vorbei kommenden Wasserfloh gestreift, wird sofort Wasser in die Blase eingesaugt und der Wasserfloh in der Blase verdaut", beschreibt der Wiener Botaniker. Die Guten ins Töpfchen ... Insekten verdauende Pflanzen verdauen aber nicht gleich alles, was ihnen zu nahe kommt. "Viele von ihnen blühen sehr schön. Um die Bestäubung zu garantieren, strecken sie ihre Blüten weit über den Gefährdungsbereich hinaus", erklärt Kiehn. Das oft attraktive Aussehen und ihre spezielle Ernährungsweise mit den ausgeklügelten Fallen haben viele Insekten verdauende Pflanzen zu einem Objekt der Liebhaberbegierde werden lassen. "Einige Arten sind durch dieses Interesse stark gefährdet, daher muss der Handel mit diesen Pflanzen durch das Washingtoner Artenschutzübereinkommen (CITES) streng kontrolliert werden", betont Kiehn. Vom Vegetarier zum Fleischfresser Wie sich die Strategien der Insekten verdauenden Pflanzen entwickelt haben, ist noch nicht zur Gänze erforscht. Eine Vorstufe, so genannte Protokarnevorie, findet sich zum Beispiel bei Zisternenbromelien. "Sie haben im Zentrum ihrer Blattzisternen stehendes Wasser, um Trockenperioden überstehen zu können", erklärt Kiehn. In diesen Kleinbiotopen wird gelebt, gestorben und sich aufgelöst. Die Bromelien wiederum besitzen an ihrer Blattbasis Schuppen, um die im Wasser gelösten Nährstoffe aufzunehmen. "Einige von ihnen können das Wasser in ihren Blatttrichtern zudem ansäuern. Sie sind zwar noch nicht fähig, Insekten direkt zu verdauen, gleichen aber durch die beschriebene Nahrungsaufnahme bereits ihren Nährstoffhaushalt aus", erläutert der Wissenschafter. Die entsprechenden Arten, die zum Beispiel auf den Tafelbergen Venezuelas beheimatet sind, werden auch im Botanischen Garten gepflegt. Da sie jedoch schwer zu kultivieren sind, ist die Bromeliensammlung der Öffentlichkeit leider nicht zugänglich. "Was uns bei der Erforschung der Insektenverdauung durch Pflanzen noch fehlt, ist die Zwischenstufe zwischen Pflanzen wie diesen Bromelien und den tatsächlich Insekten verdauenden Arten. Bislang ist sie noch unentdeckt", so Kiehn. (dan) Botanischer Garten der Universität Wien Institut für Botanik Washingtoner Artenschutzübereinkommen (CITES) |
