Mit dem Wintersemester 2009/10 startet auch das neue Initiativkolleg "European Historical Dictatorship and Transformation Research" an der Historisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät und der Fakultät für Sozialwissenschaften. Zwölf DoktorandInnen widmen sich in den nächsten drei Jahren den autoritären Regimen des 20. Jahrhunderts in den baltischen Staaten, Polen, Ungarn, Österreich, Rumänien, Bulgarien, Griechenland und Spanien. |
"Benennen Sie spontan zwei Diktaturen im 20. Jahrhundert!" Die meisten Menschen würden dieser Aufforderung wohl mit der Antwort "Drittes Reich" und "Kommunistische Diktaturen" nachkommen. Doch was ist mit anderen europäischen autoritären Regimen, wie sind sie entstanden bzw. wie haben sie geendet? Welchen Einfluss haben sie auf die heutige Zeit? Diesen Fragen geht ab Oktober 2009 das Initiativkolleg (IK) "European Historical Dictatorship and Transformation Research" nach. Unter der Betreuung von Oliver Rathkolb vom Institut für Zeitgeschichte, Karin Liebhart vom Institut für Politikwissenschaft, Oliver Jens Schmitt vom Institut für Osteuropäische Geschichte und Maria A. Stassinopoulou vom Institut für Byzantinistik und Neogräzistik forschen zwölf DissertantInnen drei Jahre lang zum Thema autoritäre Regime bzw. gesellschaftliche Transformationsprozesse während und nach den europäischen Diktaturen. Im Mittelpunkt stehen regionale Fallstudien zu Estland, Lettland und Litauen, Polen, Ungarn, Österreich, Rumänien, Bulgarien und Griechenland.
Inhaltliche Interdisziplinarität …
"Für das Kolleg besonders wichtig ist der Zeitraum zwischen 1918 und 1939", erklärt IK-Sprecher Oliver Rathkolb: "Mit der Zwischenkriegszeit haben wir eine Thematik ins Zentrum gestellt, die sowohl von der wissenschaftlichen Forschung als auch von der historischen Erinnerung her bisher weniger als die Nachkriegszeit bzw. die Zeit nach 1989 beachtet wurde und dennoch aktueller denn je ist. Durch das Ende des Kalten Kriegs, den Zerfall des kommunistischen Blocks und die Erweiterung der Europäischen Union wird die Zeit zwischen den Weltkriegen in den einzelnen Nationalstaaten unter neuen Voraussetzungen diskutiert, nationale Mythen kehren zurück und werden instrumentalisiert."
Regionale Schwerpunkte und gleichzeitige räumliche Vergleiche zwischen den Ländern bilden die Ausgangsbasis der jeweiligen Dissertationsprojekte. Im Forschungsinteresse stehen insbesondere die verschiedenen ideologischen, soziokulturellen und politischen Transfers. "Hier kommen mitunter auch die 'großen Diktaturen' wieder ins Spiel - beispielsweise bei der Frage nach ihrem Einfluss auf die untersuchten Länder", erläutert Oliver Rathkolb. Neben der Analyse der damaligen Situation steht dabei auch die kritische Auseinandersetzung mit aktuellen geschichtspolitischen Debatten im Vordergrund.
… bei gleichzeitiger Methodenstringenz
Die Interdisziplinarität des Kollegs spiegelt sich in der Methodik wider: "Unser Ziel ist es, eine offene interdisziplinäre Zusammenarbeit bei gleichzeitiger Methodenstringenz zu schaffen. Bei den DissertantInnen soll möglichst früh das Interesse für vergleichende Studien und Transferstudien geweckt werden. Es ist uns ein Anliegen, dass die KollegiatInnen weit über ihr Kernthema hinausgehen."
Die interne Zusammenarbeit spielt dabei eine wichtige Rolle: "Für mich liegt der Sinn eines Doktoratsprogramms darin, dass die jungen WissenschafterInnen möglichst früh die Arbeit in einem Team kennenlernen. Teamfähigkeit ist ein wichtiger Faktor für die zukünftige Karriere", so Rathkolb. Neben dem stetigen Austausch durch regelmäßige Treffen ist deshalb unter anderem die Erstellung einer Datenbank, die gemeinsame Vorbereitung auf Tagungsteilnahmen bzw. die Organisation von Workshops geplant.
Europäische DissertantInnengruppe
Mit dem neuen IK sprengen Oliver Rathkolb und seine KollegInnen die üblichen räumlich definierten innereuropäischen Forschungsschwerpunkte sowohl durch die Themenauswahl als auch durch die internationale Zusammensetzung der Kollegiatinnen. Aber auch der Blick auf Europa von aussen ist wichtig: "Vergleichende europäisch-historische Forschung konzentriert sich häufig nur auf den eigenen Kontinent. Der Blick von außen auf die europäischen Diktaturen ist jedoch sehr wichtig - auch aus zum Beispiel den USA, Afrika, Asien etc."Vorgesehen ist, dass internationale WissenschaftlerInnen nach Wien eingeladen werden:"Aus welchen Ländern diese speziell kommen werden, hängt letztendlich natürlich von den DoktorandInnen und ihrem Thema ab." Die Kollegiatinnen selbst werden ab dem zweiten Jahr in die von ihnen erforschten Länder reisen. (mw)
Das dreijährige IK "European Historical Dictatorship and Transformation Research" startet am 1. Oktober 2009 und ist eine Zusammenarbeit der Historisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät und der Fakultät für Sozialwissenschaften. Die zwölf DoktorandInnen werden von Univ.-Prof. Mag. DDr. Oliver Rathkolb vom Institut für Zeitgeschichte Dozentin Mag. Dr. Karin Liebhart vom Institut für Politikwissenschaft, Univ.-Prof. Dr. Oliver Jens Schmitt vom Instituts für Osteuropäische Geschichte und Univ.-Prof. Dr. Maria A. Stassinopoulou vom Institut für Byzantinistik und Neogräzistik betreut. |