Gewalt ist kein neues Phänomen, nur ihre Erscheinungsbilder haben sich mit der Zeit gewandelt. Eine Gemeinsamkeit scheint jedoch nach wie vor zu gelten: Opfer von Gewalt werden häufig diejenigen, die eine schwächere Position einnehmen und dadurch verletzlicher sind. Besonders betroffen sind - trotz Verbesserung der Rahmenbedingungen wie beispielsweise der Gesetzeslage - Frauen und Kinder. Doch: Was ist Gewalt gegen das weibliche Geschlecht? Tritt sie auf, wenn z. B. ein Verehrer seiner Angebeteten täglich Rosen vor die Tür legt und sie mit Anrufen bombardiert? Oder wenn ein Mann seine Frau terrorisiert, weil sie ihren "ehelichen Pflichten" nicht nachkommt? Oder wenn Frauen im Migrationsprozess zu "Waren" werden?
Das Erforschen des Komplexen
"Es ist nicht einfach, eine einheitliche, immer gültige Definition für Gewalt zu finden. Auch hier gibt es kontroverse Sichtweisen", so Birgit Sauer, Sprecherin des neuen Initiativkollegs "Gender, Violence and Agency in the Era of Globalization". Dennoch erwartet sich die Politikwissenschafterin von den TeilnehmerInnen eine klar ablehnende Haltung gegenüber Gewalt. Die zwölf DoktorandInnen aus verschiedenen Disziplinen (Deutsche Philologie, Geschichte, Kultur- und Sozialanthropologie, Philosophie, Politikwissenschaft, Soziologie, Rechtswissenschaften) erhalten mit der Teilnahme am Initiativkolleg die Möglichkeit, sich wissenschaftlich mit geschlechtsbasierter Gewalt auseinanderzusetzen. "Allen Dissertationsthemen soll die These zugrunde gelegt werden, dass sich sowohl geschlechtsbasierte Gewalt als auch die sogenannte Agency - die Handlungsfähigkeit - der Betroffenen gegen Gewalt in der Ära der Globalisierung stetig gewandelt haben", so Sauer.
Globalisierung und Entgrenzung
"Die OrganisatorInnen und TeilnehmerInnen des Kollegs verstehen Globalisierung als ein Überschreiten von Grenzen. Dadurch werden unter anderem auch Gewaltverhältnisse beeinflusst", erklärt die Wissenschafterin und nennt als Beispiel dafür das Spannungsdreieck zwischen Internationalisierung, sozialen Verhältnissen und Gewalt: "Die Kluft zwischen arm und reich wird immer größer. Wo die Armut steigt, treten auch vermehrt geschlechtsbasierte Abhängigkeitsverhältnisse auf, und Gewalt wird Tür und Tor geöffnet."
Die Vernetzung der Welt führt aber auch zu einer "Entgrenzung der Menschen", zum Beispiel durch Migration."Armutsmigration etwa kann die Geschlechterbeziehungen und damit auch Formen häuslicher Gewalt verändern, weil Migrantinnen im neuen Land oft aufgrund von Aufenthaltsregelungen von ihren Ehemännern abhängig sind. Das macht sie besonders verletzlich", sagt die Sprecherin des Kollegs. Sie führt diese Verletzlichkeit von Frauen nicht zuletzt auf vorherrschende staatliche Strukturen zurück: "Gewalt hat immer etwas zu tun mit Strukturen, die verwundbar machen. Dazu gehören etwa die fremdenrechtlichen Regelungen eines Landes."
Ein Aspekt: Körper und Gewalt
Weitere mögliche Aspekte, die die künftigen IK-TeilnehmerInnen bearbeiten können, sind u.a. Menschenhandel, Aufenthaltsbedingungen von MigrantInnen oder häusliche Gewalt. "Ein Schwerpunkt könnte auch die Forschung zum Thema 'Körper im Konflikt' sein", sagt Sauer. In diesen Bereich fällt beispielsweise die Schönheitschirurgie: "Auch hier gibt es internationale Diskussionen darüber, was als Gewalt definiert werden kann und was nicht", meint die Forscherin und stellt die Frage in den Raum: "Wie unterscheidet sich das Handeln einer erwachsenen Frau, die sich aus so genannten traditionellen Gründen einer Genitaloperation unterzieht, vom Handeln einer Frau, die sich aus ästhetischen Gründen die Schamlippen operieren lässt?"
Aber auch die Reproduktionsmedizin, also künstliche Befruchtung, ist ein Aspekt im Themencluster, den die Sprecherin des Kollegs als interessant erachtet. Sauer: "Generell sind wir offen für und neugierig auf alle interessanten Dissertationsprojekte im Bereich der genderbasierten Gewalt. Denn hier gibt es noch jede Menge Forschungslücken und offene Fragen. Die zwölf StipendiatInnen werden klug ausgewählt, um zu garantieren, dass sie sich in ihrer Arbeit interdisziplinär anregen können." (pp)
Das interdisziplinäre Initiativkolleg "Gender, Violence and Agency in the Era of Globalization (GiK)" der Universität Wien startet im März 2010. Am IK beteiligt sind die Sozialwissenschaftliche, die Rechtswissenschaftliche, die Historisch-Kulturwissenschaftliche und die Philologisch-Kulturwissenschaftliche Fakultät sowie die Fakultät für Philosophie und Bildungswissenschaft.
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