Die Universität Wien ist Österreichs einzige Hochschule, an der ein eigener Studiengang für Rumänisch angeboten wird. Und auch in Deutschland gibt es mit der Universität Jena nur eine universitäre Einrichtung mit einer "Gesamt-Rumänistik". Heinrich Stiehler, der am Institut für Romanistik rumänische und französische Literatur- und Medienwissenschaft lehrt, sieht Rumänisch jedoch nicht als Orchideenfach: "Es gibt gar nicht so wenig Interesse an der Rumänistik, das zeigen uns die steigenden Inskriptionszahlen. Nur ausreichende Institutionen gibt es dafür nicht."
Wien als Schnittstelle zwischen Ost und West
Stiehler sieht das Rumänistik-Monopol der Universität Wien kritisch, betont aber, dass Wien geographisch gesehen ein ausgesprochen guter Standort für die Rumänistik sei. "Außerdem", so Stiehler weiter, "war Wien im mythologischen Denken der Rumänen seit Ende des 18. Jahrhunderts die erste westliche Stadt. Nicht erst im sogenannten Kommunismus galt Wien als Tor zum Westen - das war schon viel früher so und hat auch heute noch Gültigkeit."
Für österreichische Studierende ist Wien ebenfalls ein idealer Ort, um Rumänisch zu studieren, da es sowohl verkehrstechnisch als auch wirtschaftlich gute Verbindungen zwischen Wien und Bukarest gibt. "Seit dem Fall des Eisernen Vorhangs und dem Ende der Ceausescu-Diktatur 1989 ist Rumänien wirtschaftlich wieder attraktiv geworden", erklärt der Romanist: "Am Anfang waren alle meine Studierenden hier RumänInnen. Heute stammt nur mehr etwa die Hälfte aus Rumänien, wenn nicht noch weniger; der Rest kommt aus Österreich. Viele dieser österreichischen Studierenden versuchen, sich in Rumänien eine berufliche Existenz aufzubauen, und dafür müssen sie die Sprache erlernen."
Neue Einführung in die rumänische Literaturgeschichte
"Rumänische Literaturwissenschaft zu unterrichten, bedeutet hier am Institut für Romanistik vor allem, die Studierenden mit einem Überblickswissen über die rumänische Literaturlandschaft auszustatten", erklärt Stiehler. Dafür gibt es aber keine Lehrbücher, weil seit 1967 im deutschen Sprachraum keine Einführung in die Rumänistik mehr geschrieben wurde - bis 2009: Gemeinsam mit Klaus Bochmann von der Universität Leipzig, der den sprachwissenschaftlichen Teil übernahm, verfasste Heinrich Stiehler eine neue Einführung, die Ende 2009 erscheinen wird.
"Das Buch ist aus meinen literaturgeschichtlichen Vorlesungen hervorgegangen. Mein Zugang ist jedoch ein völlig anderer als der meines Kollegen vor vierzig Jahren." Anstatt die rumänische Literatur über das staatliche Territorium Rumäniens zu definieren, konzentriert sich Stiehler auf den "literarischen Raum", da ihm diese Akzentsetzung neben anderem die Einbindung der rumänischen Exilliteratur erlaubt.
"Literarische Mehrsprachigkeit"
Exilliteratur ist für Heinrich Stiehler auch deshalb ein wichtiger Bereich, weil er sich in einem seiner Forschungsschwerpunkte mit "literarischer Mehrsprachigkeit" beschäftigt. "Mich interessiert der Übergang von einer Sprache zu einer anderen, und welche Probleme der Sprachwechsel beim Schreiben verursacht."
In einem seiner letzten Bücher, "Interkulturalität und literarische Mehrsprachigkeit in Südosteuropa: das Beispiel Rumäniens im 20. Jahrhundert" (Ed. Praesens, 2000), arbeitet Stiehler systematisch alle rumänischen AutorInnen des 20. Jahrhunderts auf, die Sprachwechsel betrieben und betreiben, wie z.B. Paul Celan, der in Bukarest zwei Jahre lang auf Rumänisch schrieb, bevor er sich wieder dem Deutschen zuwandte. Und Eugène Ionesco, der Begründer des Absurden Theaters, der vom Rumänischen zum Französischen wechselte.
Heinrich Stiehler glaubt, dass sich die Orientierung der rumänischen Literatur in den kommenden Jahren stark verändern wird. "Es ist zu beobachten, dass sich die historisch gewachsene Beziehung Französisch-Rumänisch beziehungsweise Rumänisch-Französisch eindeutig zum Englischen hin verschiebt. Die Generation nach 1989 wendet sich ab von der Latinitätsidee - vom Gedanken, dass den romanischen Sprachen eine gemeinsame Kultur zugrunde liegt. Sollte es das Phänomen der literarischen Mehrsprachigkeit weiterhin geben, wird es sich zumindest eine Zeit lang in Richtung des Anglo-Amerikanischen entwickeln." (vg)
Ao. Univ.-Prof. Dr. Heinrich Stiehler lehrt rumänische und französische Literatur- und Medienwissenschaft am Institut für Romanistik. Gemeinsam mit Klaus Bochmann von der Universität Leipzig schrieb er die erste Einführung in die Rumänistik seit 1967. Der Titel des Buchs, das Ende 2009 erscheinen wird, lautet "Einführung in die rumänische Sprach- und Literaturgeschichte".
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