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Die neue Professorin Sigrid Schmitz lotet Potenziale und Grenzen der modernen Neurokultur aus einer Genderperspektive aus.


Zu Beginn der Antrittsvorlesung am 19. Mai 2010 begrüßten Vizerektorin Christa Schnabl ...


... und Rudolf Richter, Dekan der Fakultät für Sozialwissenschaften, die zahlreichen Gäste.


Elisabeth Holzleithner, stellvertretende Sprecherin des Initiativkollegs "Gender, Violence and Agency in the Era of Globalization (GIK)", hob in ihren einleitenden Worten die Kompetenz von Sigrid Schmitz und die Relevanz ihres Forschungsgebietes hervor.


Danach sprach Schmitz über die Rolle des Geschlecht in der modernen Neurokultur.


Bei reichaltigem Buffet bot sich abschließend Gelegenheit über den Zusammenhang von Geschlechtszugehörigkeit und kognitiver Veranlagung zu diskutieren.


CV von Sigrid Schmitz Institut für Kultur- und Sozialanthropologie der Fakultät für Sozialwissenschaften

Lesen Sie auch: Porträt: "Sigrid Schmitz: Hirnforschung genderkritisch"    
Neurokultur aus der Genderperspektive
Antrittsvorlesungen, Professuren
Gastbeitrag von Sigrid Schmitz am 25. Mai 2010

Die Biologin Sigrid Schmitz beschäftigt sich mit dem Spannungsfeld des biologisch determinierten und des durch Erfahrung veränderbaren Gehirns und lotet aus der Genderperspektive Potenziale und Grenzen der modernen Neurokultur aus. Am Mittwoch, 19. Mai 2010, hielt die Genderforscherin ihre Antrittsvorlesung zum Thema "Neuro-Gender: eine Auseinandersetzung mit Geschlecht in der modernen Neurokultur". In einem Gastbeitrag hat sie ihre Antrittsvorlesung zusammengefasst.

Mit den Verfahren des Neuroimaging werden Geschlechterunterschiede bezüglich kognitiver Leistungen im Gehirn lokalisiert. Unter einer deterministischen Perspektive werden diese evolutionär in der Biologie verankert. Die Genderforschung zeigt widersprüchliche Befunde, methodische Variationen, unzulässige Generalisierungen und den "publication bias" einer solchen Geschlechterdifferenzforschung auf. Brain Imaging liefert keine direkten Abbilder aus dem Gehirn, sondern Bildkonstruktionen als Ergebnis informationstechnischer und computergraphischer Verfahren.

Laborstudien haben begleitende Entscheidungen aufgezeigt, was im Bild hervorgehoben wird oder in den Hintergrund tritt. Die Hirnplastizität kann die Vielfalt von Gehirnen als durch individuelle Erfahrungen bedingt erklären. Im hirnplastischen Netzwerk brechen dichotome Kategorisierungen an Frau und Mann ebenso auf wie Grenzziehungen zwischen Natur und Kultur. Publikationen der Genderforschung in führenden neurowissenschaftlichen Fachzeitschriften tragen inzwischen zur Diskussion bei.

Neurotechnologien und das zerebrale Subjekt

Die Definition des modernen Menschen als "zerebrales Subjekt" wird heute durch einen neurobiologischen Determinismus bestimmt, der aus der Biologie des Gehirns in seiner jeweils aktuellen Ausgestaltung (angeboren oder erlernt) Verhalten, Identität und Entscheidungsfindung erklärt. Die Hirnforschung wird zum Bezugspunkt vieler Disziplinen wie der Neuropädagogik, der Neuroökonomie, der Neurotheologie, etc.

In der Medizin werden Brain-Computer-Interfaces (BCI) zur Minderung von Kommunikations- und Bewegungseinschränkungen bei PatientInnen entwickelt (Enabeling). Signalmuster aus dem Gehirn (EEG, Aktivierungsmuster im motorischen Kortex) werden in Kommandos zur Steuerung eines Computercursors oder einer Neuroprothese umgesetzt.

Voraussetzung für eine effektive Gehirn-Maschine-Kommunikation ist der "closed loop": Der Mensch lernt über die Rückmeldung einer erfolgten Aktion. Ebenso "erlernt" der Computer adaptive Algorithmen zur Signalverarbeitung. Umgekehrt werden Neurotechnologien (z. B. transkraniale Magnetstimulation, TMS) zur Regulation des Parkinsontremors oder zur Minderung epileptischer Anfälle eingesetzt. Neurotechnologien vernetzen also nicht nur Technologie und Biologie, sie verändern sich auch gegenseitig nachhaltig.

Ein kleiner Exkurs in feministische Epistemologien

Donna Haraway zeigte auf, dass für die Entwicklung des Herrschaftsverhältnisses der westlich-zivilisierten Gesellschaft über die Natur deren Dichotomisierung gegenüber Kultur und Technik notwendige Voraussetzung war. Diese Polarisierung ist vielfach verwoben mit geschlechtlichen Konnotationen von Natur und Weiblichkeit, Emotionalität, Reproduktion, und Objektstatus gegenüber Kultur-Technik und Männlichkeit, Rationalität, Erkenntnis, und Subjektstatus.

Mit unseren technologisch aufgerüsteten Gehirnen werden wir zu Cyborgs, zu Hybriden zwischen Natur, Kultur und Technik. Bergen diese Cyborgs das Potenzial, Geschlechterzuschreibungen zu überwinden? Auch Karen Barad versucht mit ihrem Konzept des agential realism zu analysieren, wie sich ein Phänomen erst in den Wechselwirkungen (Intra-Aktionen) zwischen Materialisierungen, Technisierungen und sozio-kulturellen Bedeutungszuschreibungen konstituiert.

Lesen Sie weiter über das zerebrale Subjekt auf dem neoliberalen Markt, Genderstereotype in der Neurokultur sowie fragwürdige Geschlechterzuschreibungen in der TMS-Forschung und im Neuromarketing in der Gesamtversion des Gastbeitrags von Sigrid Schmitz: "Neuro-Gender: eine Auseinandersetzung mit Geschlecht in der modernen Neurokultur" (PDF).

Univ.-Prof. Dr. Sigrid Schmitz hat seit März 2010 die Professur für Gender Studies (befristet auf 2 Jahre) an der Fakultät für Sozialwissenschaften inne.



Lesetipps:
Kaiser, Anelis; Halle, Sven; Sigrid Schmitz; Cordula Nitsch (2009): On sex/gender related similarities and differences in fMRI language research. Brain Research Reviews 61, 49-59.

Schmitz, Sigrid (forthcoming): Entscheidungsraum Gehirn: eine Auseinandersetzung mit der modernen Neurokultur. In: Lettow, Susanne (Hg.): Bioökonomien.

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