Nordkorea ist, wenn man der Definition von Janos Kornai (Anm.: ungarischer Wirtschaftswissenschaftler) folgt, ein sozialistisches Land mit einer eindeutig nachweisbaren "klassischen" Phase, wie sie typischerweise nach dem Abklingen der postrevolutionären Euphorie einsetzt. Dies ist ein wichtiger Unterschied zu China, wo die klassische Phase immer wieder durch Versuche der Verstetigung der Revolution wie Großer Sprung oder Kulturrevolution verhindert oder abgebrochen wurde. In Nordkorea herrscht das Machtmonopol der Kommunistischen Partei mit einer dominanten Ideologie, die Wirtschaft befindet sich im staatlichen Eigentum und die Gesellschaft wird bürokratisch koordiniert; damit sind die Definitionskriterien erfüllt.
Reformimpulse und flexible Ideologie
Doch die Entwicklung steht auch in Nordkorea nicht still, wenngleich dies wegen der Nuklearproblematik oft in den Hintergrund tritt. Zu endogenen Reformimpulsen aufgrund der sich verschärfenden chronischen Mangelwirtschaft kommen auch externe Einflussfaktoren, die vom Zusammenbruch der ehemaligen Verbündeten und dem entsprechenden Verlust politisch motivierter ökonomischer Vorzugsbehandlung bis hin zum Vorbild des sich graduell wandelnden China und der daraus entstehenden Erwartungshaltung reichen. Die ohnehin eher flexible und unspezifische Chuch'e-Ideologie wird weiter an die sogenannten "neuen Bedingungen" angepasst; die Person eines Führers ermöglicht ein solches Vorgehen ohne jenen fatalen Legitimitätsverlust, den eine solche Handlung in den orthodoxen Systemen Osteuropas zur Folge gehabt hätte. Im Rahmen der "Sòngun-Ideologie" wird betont, dass die Arbeiterklasse ihre führende Rolle in der Gesellschaft an das Militär abgegeben hätte, was neben einer Reihe von anderen Implikationen vor allem das faktische Ende des klassischen Sozialismus bedeutet und den Weg für substanzielle praktische Veränderungen öffnet.
Reale Veränderungen
Dazu gehört die Annäherung an Südkorea. Fünfzig Jahre nach Ausbruch des Bürgerkrieges fand im Jahr 2000 das erste, höchst symbolhafte Gipfeltreffen der Staatsoberhäupter beider Koreas statt. Tourismusprojekte verändern das Bild des Südens zumindest in der Führungsschicht und bringen Geld nach Nordkorea, welches zu nachhaltigen Veränderungen in der gesamten Gesellschaft führt. Die Sonderwirtschaftszone bei Kaesòng nahe der Demarkationslinie erinnert bei allen Unterschieden an China, wo ähnliche Projekte wichtige Reformimpulse lieferten und als Experimentierlabors der Beijinger Wirtschaftspolitiker dienten. Eine Preis- und Währungsreform im Jahre 2002 sollte helfen, die nordkoreanische Wirtschaft zu monetarisieren und die Transaktionen innerhalb der Planwirtschaft auf eine realistischere Basis zu stellen. Letzteres Ziel wurde verfehlt. Allerdings haben sich seither massive Verschiebungen im sozialen Gefüge ergeben, die bis hin zur Herausbildung einer wohlhabenden Mittelschicht und dem Entstehen alternativer, nicht direkt an den Staat gebundener Wege des sozialen Aufstieges geführt haben.
Die Führung bemüht sich um Kontrolle
Die nordkoreanische Führung reagiert auf typische Weise und versucht, die Lage wieder unter Kontrolle zu bekommen. Allerdings ist es in der Regel leichter, den Menschen etwas vorzuenthalten, als es ihnen wieder wegzunehmen - diese Erfahrung macht man auch in Nordkorea. Hinzu kommt, dass viele Funktionäre mittlerweile ein Interesse an der Fortsetzung der Reformen haben, was Korruption und Veruntreuung in einem anderen Licht erscheinen lässt.
Entwicklung in der Industrie braucht internationale Kooperation
Als Industrieland wird es Nordkorea nicht genügen, nach dem Vorbild Chinas und Vietnams vorsichtige Reformschritte in der Landwirtschaft zu unternehmen und die Industrie zunächst zu verschonen. Die Führung in Pyongyang hat verstanden, dass sie kurzfristig mit externer Hilfe überleben kann, langfristig aber eine exportorientierte Wirtschaftsstruktur aufbauen muss, um Importe selbst finanzieren zu können. Daher sieht man den Status als Atommacht auch als Verhandlungsargument, um jenen Zugang zu internationalen Märkten, Kapital und Technologie zu bekommen, der seit Jahrzehnten an massiven Sanktionen gescheitert ist. Eine nachhaltige Lösung der Menschenrechtsfrage hängt eng mit einer ökonomischen Normalisierung Nordkoreas zusammen.
Kein zweites China, aber gradueller Wandel möglich
Ein zweites China im engeren Sinne kann Nordkorea nicht werden; dafür sind die inneren wie äußeren Voraussetzungen zu unterschiedlich. Es gibt aber sowohl theoretisch begründbare Wege als auch tatsächliche Handlungsschritte, die einen graduellen Wandel möglich erscheinen lassen. In jedem Fall ist Nordkorea aus wissenschaftlicher Sicht als Fallbeispiel kulturspezifischer sozialistischer Transformation ebenso interessant wie als Brennpunkt der internationalen Beziehungen, des globalen Verhältnisses USA - China und ostasiatischer Regionalisierungstendenzen. Die praktische Relevanz ist dabei unübersehbar. Für Europa ist es wichtig, die entsprechenden Prozesse zu verstehen, um im eigenen, aber auch im Interesse der betroffenen Menschen gezielt handeln zu können.
V.-Univ.-Prof. Mag. Dr. Rüdiger Frank ist seit August 2007 Universitätsprofessor für Wirtschaft und Gesellschaft Ostasiens. Am Mittwoch, 12. Dezember hielt er seine Antrittsvorlesung im Kleinen Festsaal. |