Unlängst hat sich ao. Univ.-Prof. Mag. Dr. Klara Löffler in einem Interview geoutet: Sie ist Besitzerin eines Rosengartens. Die Reaktion ihrer KollegInnen war absehbar: "Ja hast du denn überhaupt die Zeit für so etwas?" Genau das sei bezeichnend für unsere heutige Zeit, meint Löffler, "erstens, dass genau das genüsslich aufgegriffen wurde, und zweites, dass ich überhaupt darauf angesprochen werde, dass ich mir den 'Luxus' eines Gartens leisten könne."
Feldforschung am Wiener Graben
In ihrer Forschungsarbeit beschäftigt sich Löffler seit Beginn mit Aspekten der Freizeit, des Tourismus und auch mit dem Nichtstun. "Es ist erstaunlich", bemerkt sie, "dass viele Menschen eigentlich kaum mehr wirklich nichts tun können, zum Beispiel einfach nur einmal da sitzen und in der Kärntner Straße Leute beobachten." Zu eben diesem Thema betreibt eine ihrer Studentinnen Feldforschung in den Fußgängerzonen der Wiener Innenstadt. Sie befragt unter anderem PassantInnen, warum sie gerade hier und jetzt flanieren. Nicht selten, so erzählt Löffler, kommen dann sehr schnell die Rechtfertigungen: "Ja, eigentlich hätte ich noch so viel Arbeit, aber ..."
"Es braucht ein Pendant der Entspannung"
Besonders befremdend findet es die Kulturwissenschafterin, wenn immer wieder Leute zu ihr sagen, sie mussten sich die Zeit für etwas stehlen. "Es ist dramatisch, wenn sich jemand die Zeit stehlen muss für die schönen Dinge. Der Druck ist ohnehin durch das Arbeitsleben und die wirtschaftliche Situation gegeben, da braucht es ein Pendant der Entspannung."
Gestresste FreizeitaktivistInnen
Von Entspannung aber keine Spur, wie die Freizeitforschung zeigt. Ganz im Gegenteil, die hohen Ansprüche der Arbeitswelt setzen sich allzu oft in der Freizeit fort, die ebenso streng organisiert und voll gepackt wird wie der Arbeitsalltag. Der Alltagsstress geht nahtlos in den Freizeitstress über. Der Trend hin zu Kurzurlauben ist nur die logische Konsequenz: Immer mehr erleben, in möglichst kurzer Zeit, heißt die Doktrin ? je spektakulärer und exotischer, desto besser.
Der Zwang zum Erleben und zum Erzählen
"Man schafft sich dadurch selbst eine gewisse Art von Druck", konstatiert Prof. Löffler, "das hängt auch damit zusammen, dass Reisen natürlich ein Prestigefaktor ist: einerseits sich Reisen leisten zu können, aber andererseits auch über ganz exotische, unbekannte Ziele erzählen zu können." Das Erzählen im Alltag über die Reise, den Urlaub, das Erlebte ist eines der Themen, mit denen sich die Kulturwissenschafterin derzeit beschäftigt: "Es ist ein ganz wichtiger sozialer Moment, an dem man sieht, wie wiederum die Reise in den Alltag hineinspielt."
Schummeln inklusive
Dass bei all diesem sozialen Zwang zum Aktivsein auch kräftig geflunkert und geschummelt wird, versteht sich von selbst. "Wer will schon gerne als Couchpotato gelten", scherzt Löffler. "Deshalb ist Freizeitforschung mithilfe von Interviews auch extrem schwierig, weil ganz viel von dem, was man denkt, was der Forscher hören will ? was sozusagen sozial legitimiert ist ? dann erzählt wird."
Revision der Freizeitforschung
Die wenigsten der Befragten geben zu, sich in ihrer Freizeit einfach vor den Fernseher zu legen. Viele meinen betonen zu müssen, sie würden sowieso sehr lang arbeiten, sie hätten sehr wenig Freizeit und diese würden sie (natürlich) ganz "vernünftig" verbringen. Weshalb die Kulturwissenschafterin auch zu einer "Revision der Methoden der Freizeitforschung" anregt. Vor allem ein kritisches Hinterfragen der Interviews würde Not tun, ist sie überzeugt.
Der Tourismuskritik zum Trotz
Aber trotz allem, ganz sieht Klara Löffler den Niedergang unserer Entspannungskultur noch nicht besiegelt. Denn es gibt sie noch, die einfachen StrandtouristInnen, die aller Tourismuskritik beharrlich trotzen und einfach nur faul in der Sonne liegen. "Gott sei Dank!" (ro) |