"Wenn behauptet wird, China setze sich nicht mit den Gräueltaten der Vergangenheit auseinander, dann weil es von der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh) nie eine Stellungnahme zur Kulturrevolution gab, mit der sich die chinesische Bevölkerung sowie das Ausland hätte identifizieren können", sagt Univ.-Prof. Mag. Dr. Susanne Weigelin-Schwiedrzik vom Institut für Ostasienwissenschaften/Sinologie. Erstaunlicherweise gilt unter vielen ChinesInnen die 'deutsche' Aufarbeitung der NS-Zeit als Vorbild: Im Jahr 1985 hielt der ehemalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker vor dem deutschen Bundestag eine Rede, die heute als die offizielle Stellungnahme Deutschlands zu den Verbrechen des Nationalsozialismus angesehen wird. Diese Rede wurde international als Zeichen der aktiven Auseinandersetzung Deutschlands mit dem Holocaust gedeutet.
Vor einem Jahr veröffentlichte Weigelin-Schwiedrzik einen Artikel auf Chinesisch, in dem sie China nach der Kulturrevolution mit der Situation in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg vergleicht. In dieser Arbeit kommt die deutsche Sinologin zu dem Schluss, dass von Weizsäckers Rede in China deshalb so gut ankommt, weil er zu der Frage von Schuld und Verantwortung Stellung nimmt: "Und zwar auf eine Art und Weise, mit der sich die deutsche Bevölkerung identifizieren kann", so Weigelin-Schwiedrzik: " Auch die Kulturrevolution wurde in China immer wieder thematisiert und interpretiert. Nur wurde dort die Schuldfrage im Gegensatz zu Deutschland bisher noch nicht geklärt."
Sind alle Chinesen Opfer ...
Über die Kulturrevolution zu sprechen, war nämlich nicht immer ein Tabu. Direkt nach ihrem Ende 1976 wurde die öffentliche Diskussion sogar "von oben" angeregt: Die neue politische Spitze nutzte die Kritik an der Kulturrevolution nach dem Tode Mao Zedongs und dem Sturz der Viererbande zur Festigung ihrer Machtposition. Der allgemeine Tenor dieser erlaubten Auseinandersetzung mit den Schrecken der vergangenen zehn Jahre war eine "Selbstviktimisierung" der chinesischen Bevölkerung: "Egal auf welcher Seite sie gestanden hatten - auf einmal erklärten sich alle zu Opfern der Kulturrevolution, die 'schicksalshaft' über sie hereingebrochen war", sagt Weigelin-Schwiedrzik. "Das ist ein Prozess, den man auch in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg beobachten kann."
... oder Komplizen der Kulturrevolution?
Die Kommunisitsche Partei ihrerseits veröffentlichte 1981 eine offizielle Interpretation der gesamten chinesischen Geschichte von 1949 bis 1976. Darin wurde auch zur Frage der Kulturrevolution Stellung bezogen. Allerdings bestätigete die KPCh in diesem Dokument den Opferstatus der chinesischen Bevölkerung nicht, sondern erklärte alle ChinesInnen zu KomplizInnen der Kulturrevolution. "Die Partei hatte Angst, dass sich die Kritik an der Kulturrevolution zu einer Kritik an Mao Zedong und damit am gesamten sozialistischen System auswächst", sagt Weigelin-Schwiedrzik: "Deshalb kam sie zu dem Schluss, dass der beste Weg aus ihrem Dilemma darin bestehe, den BürgerInnen auf diktatorische Weise nahezubringen, dass sie selbst an dem ganzen Schlamassel Schuld seien." Diese kollektive Schuldzuweisung sollte die öffentliche Diskussion über die Kulturrevolution ein für allemal beenden.
Kognitive Dissonanz
Die Idee der "Over All Complicity" traf jedoch vor allem im Lager der selbsterklärten Opfer auf sehr konkrete Erfahrungen von Ohnmacht und Gewalt. So entstand eine kognitive Dissonanz, die erklärt, warum sich die Geschichtsversion der KPCh nicht durchsetzen konnte. Zunächst war die Lobby der Opfer sehr stark - die Schere zwischen offizieller und inoffizieller Geschichte wurde immer größer, die Kulturrevolution immer schärfer kritisiert.
1996 kam es zu einem Umschwung in der Diskussion: "Plötzlich meldeten sich die Täter mit einer positiven Einschätzung der Kulturrrevolution zu Wort", so Weigelin-Schwiedrzik. Hauptsächlich im Ausland lebende ehemalige Rotgardisten rechtfertigten ihre aktive Teilnahme an der Kulturrevolution mit der damaligen Notwendigkeit, das vollkommen verkrustete und bürokratisierte sozialistische System aufzubrechen. Sie führen das "Scheitern" und "Ausarten" der Kulturrevolution auf Mao Zedong selbst zurück. Weigelin-Schwiedrzik: "Während die Opfer durch unmenschliche Gewalt traumatisiert und entwürdigt wurden, besteht das Trauma der Anhänger Zedongs in der Erfahrung, von ihrem Anführer selbst betrogen worden zu sein."
Die Opfer schweigen
In der allgemeinen Diskussion über die Zeit von 1966 bis 1976 sind die Stimmen aus dem Lager der "Täter", die für eine positive Sicht der Kulturrevolution plädieren, inzwischen viel lauter als jene aus dem Lager der "Opfer". Das hat damit zu tun, dass die Kulturrevolution, als Mao Zedong die Kontrolle darüber vorlor, zu einem Bürgerkrieg ausartete. Unterschiedlichste Fraktionen bekämpften und ermordeten sich gegenseitig - über Recht und Unrecht in dieser blutigen Zeit wurde auch in der Resolution von 1981 kein Urteil gefällt. Und heute sitzen die Täter von damals in wichtigen Positionen und haben kein Interesse an einer Aufklärung ihrer Verbrechen. Die Opfer schweigen - sie können sich die Schrecken des Bürgerkrieges nicht erklären und befürchten ein Wiederaufleben. Denn die Fraktionen von damals stehen sich auch heute noch hasserfüllt gegenüber.
Noch nicht bereit für die Demokratie
Die Deutschen haben mit der Rede Weizsäckers den Prozess der kollektiven Traumaverarbeitung abgeschlossen und die Zeit des Nationalsozialismus sinnstiftend in ihre kollektive Identität integriert. In China hingegen hat jeder seine eigene Version der Kulturrevolution. Es gibt keine Interpretation der Geschichte, die eine gemeinsame Aufarbeitung des Traumas erlaubt.
Darüber hinaus geht der Bürgerkrieg in China weiter - es gibt viele Formen von latenter Gewalt und Ressourcenkämpfen, die auf das Problem des Fraktionalismus zurückzuführen sind. "Bevor man dafür keine Erklärung findet, mit der die Mehrheit der ChinesInnen leben kann, ist die chinesische Gesellschaft nicht bereit für eine Demokratie", erklärt Weigelin-Schwiedrzik: "Weil die Menschen Angst vor einem Wiederausbruch des Fraktionenkrieg haben, akzeptieren sie eher die autoritäre Regierung der Kommunisten, als sich selbst als Gesellschaft in die Politik einzubringen." (br)
Lesen Sie mehr über die offizielle und inoffizielle Geschichtsschreibung über die Kulturrevolution in Teil 1: "Wie viele Seiten hat eine Medaille? Geschichtsschreibung in China".
In den Forschungsprojekten "Coping with the Trauma: Official and Unofficial Histories of the Cultural Revolution" und "Historical Revisionism and Conservatism in Chinese Marxist Historiography" untersucht Univ.-Prof. Mag. Dr. Susanne Weigelin-Schwiedrzik vom Institut für Ostasienwissenschaften/Sinologie anhand von schriftlichen Quellen unterschiedliche Formen der Geschichtsschreibung im China des 20. Jahrhunderts. |