"Von dieser Orchidee hier sagt man, sie stinke wie eine Herde toter Elefanten", schmunzelt Anton Sieder, Leiter der Gewächshausabteilung im Botanischen Garten, beim Gang durch die Orchideensammlung. Einige der Orchideen, erklärt der Experte, sondern üble Gerüche ab, um Aasfliegen zur Bestäubung anzulocken. Zum selben Zweck imitieren spezielle Sexualtäuschblumen unter den Orchideen Insektenweibchen, um so ahnungslose Insektenmännchen zu "verführen". Im Laufe der Evolution haben Orchideen in der Anpassung an ihre Umwelt und da vor allem an ihre Bestäuber eine unüberschaubare Vielzahl an Formen, Farben und Mechanismen entwickelt. Zugegeben, viele der "Grünpflanzen" hier im Gewächshaus wirken etwas unscheinbar, dennoch kann jede Einzelne von ihnen mit der einen oder anderen Besonderheit aufwarten.
Größte Pflanzenfamilie weltweit Immerhin über 3000 Orchideen in etwa 700 Arten aus allen Kontinenten finden sich im Hortus Botanicus Vindobonensis (HBV). Die Bestände gehen zum Teil bis ins beginnende 20. Jahrhundert zurück, Mitbringsel zahlreicher Forschungsexpeditionen. Untergebracht sind sie entsprechend ihren natürlichen klimatischen Bedingungen bei unterschiedlichen Temperaturen und Feuchtigkeitswerten. Denn bis auf extreme Wüsten und in Polargebieten sind Orchideen in allen Klimaregionen und Kontinenten der Erde verbreitet, von Meereshöhe an bis in 3000 Meter Seehöhe. | |  | | Orchidee im HBV, Herkunft: Vietnam (Foto: Sieder/Hromniak) | Dementsprechend vielfältig sind auch die unterschiedlichen Arten, über deren genaue Zahl sich selbst ExpertInnen streiten. Angenommen werden an die 25.000 bis 30.000 Arten. Zum Vergleich: In Österreich wird der gesamte Pflanzenbestand nur auf knapp 3000 Arten geschätzt.
Forschungsschwerpunkt Bulbophyllum | | Einer der Forschungsschwerpunkte am HBV ist seit vielen Jahren den Orchideen der Gattung Bulbophyllum gewidmet, die allein schon etwa 2000 Arten umfasst. So beschäftigt sich ein Projekt derzeit mit der digitalen Erfassung der Arten dieser Gattung. Bis 2005 soll eine Liste aller gültigen Namen erstellt werden, die die Verbreitung der jeweiligen Art, deren Handelsdaten und Abbildung einschließt. Wie der wissenschaftliche Leiter des HBV, Ass.-Prof. Dr. Michael Kiehn, erklärt, ist dieses Checklistenprojekt im Zusammenhang mit dem Washingtoner Artenschutzabkommen zu sehen, das den weltweiten Handel mit gefährdeten Arten regelt. | Bulbophyllum longissimum (Foto: Sieder/Hromniak) | | Die Liste soll so vorrangig dem internationalen Zoll dienen, der dieses Abkommen überwacht. Für wissenschaftlich an dieser Orchideengruppe Interessierte und auch Orchideenliebhaber wird parallel dazu an einer umfangreichen Blütendatenbank gearbeitet. Oft sind Blüten nämlich der einzige Anhaltspunkt zur Identifizierung spezieller Orchideenarten. Sobald sich also eine neue Blüte in der Sammlung findet, wird diese mittels digitaler Fotografie abgebildet und ist dann via Datenbank im Internet weltweit abrufbar. Zudem bemüht sich zurzeit ein internationales Forschungsprojekt um eine exakte Strukturierung der Verwandtschaftsbeziehungen der einzelnen Arten in dieser Gattung. Unter Beteiligung des HBV, des Instituts für Botanik der Universität Salzburg, dem Nationaal Herbarium Nederland und dem Botanischen Garten Tsimbazaza in Madagaskar sollen mittels DNA-Analysen die Stammbäume der Gattung Bulbophyllum weltweit verglichen werden.
Kooperationsvertrag mit Madagaskar Madagaskar ist aufgrund seines Artenreichtums an Orchideen für die Wissenschaft besonders interessant, zumal an die 300 Arten allein der Gattung Bulbophyllum ausschließlich auf dieser Insel vorkommen. Seit 1999 besteht deshalb ein Partnervertrag zwischen dem Botanischen Garten in Wien und jenem in Tsimbazaza. Übergeordnetes Ziel ist die Arterhaltung der durch Abholzung der Urwälder stark bedrohten Pflanzen vor Ort. Solche Kooperationen sind aber auch noch aus einem anderen Grund sehr wichtig, wie Kiehn konstatiert: "Viele an Biodiversität reiche Länder haben aus Angst vor Biopiraterie bereits generelle Ausfuhrverbote erlassen und somit auch die Ausfuhr für wissenschaftliche Zwecke extrem erschwert." | |  | | Trias disciflora (Foto: Sieder/Hromniak) | Für botanische Gärten stellen solche Kooperationen so oft die einzige Möglichkeit dar, überhaupt noch an lebendes Pflanzenmaterial zu kommen. Die WissenschaftlerInnen in Madagaskar profitieren im Gegenzug von der jahrzehntelangen Erfahrung ihrer Wiener KollegInnen auf dem Gebiet der Laborvermehrung der Orchideen. Diese müssen, um keimen zu können, eine Symbiose mit Pilzen eingehen. Bei der künstlichen Vermehrung stellt dies insofern eine Schwierigkeit dar, da man noch immer sehr wenig über diese Wechselbeziehung weiß und die Pilze oft gar nicht kennt. Will man dies umgehen, muss die Oberfläche der Samen sterilisiert und der Pilz durch ein künstliches Nährmedium ersetzt werden, "was heute normalerweise in einer Sterilbank im Labor durchgeführt wird", erklärt Sieder. Die Aufstellung einer solchen Sterilbank in Tsimbazaza und die Ausbildung eines Technikers waren Teil dieses Kooperationsvertrages. (ro)
Botanischer Garten Wien
Madagaskar Orchideen Schutzprojekt
Bulbophyllum-Datenbank
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