"Sieben Jahre lang hat es gedauert, bis die Ukrainistik 2002 als eigenes Studienfach am Institut für Slawistik eingerichtet wurde", erzählt O. Univ.-Prof. Dr. Juliane Besters-Dilger. Nicht zuletzt durch O. Univ.-Prof. Dr. Andreas Kappeler vom Institut für Osteuropäische Geschichte, einem führenden Ukraine-Historiker Westeuropas, scheint sich nun langsam auch in Wien ein Ukraine-Schwerpunkt herauszubilden. Damit könnte die Universität Profil gewinnen und international punkten, denn im Gegensatz zum Balkan, den auch andere Universitäten Österreichs schwerpunktmäßig beforschen, ist die Ukraine Neuland. Und ein ungeheuer lohnendes dazu, versichert Besters-Dilger: "Denn es kann Europa nicht egal sein, was mit der Ukraine passiert." Zwei interdisziplinäre Projekte von großer politischer Brisanz sollen dies unter Beweis stellen: Im INTAS-Projekt "Language policy in Ukraine" wird eine neue Sprachpolitik für die Ukraine erarbeitet. Das zweite Projekt, "Die (Re-)Integration der Ukraine nach Europa", beschäftigt sich mit der "EU-Tauglichkeit" der Ukraine.
Ukraine zwischen Russland und der EU
Präsident Wiktor Juschtschenko hat einen EU-Beitritt der Ukraine im November 2004 bei der "Orangen Revolution" zum politischen Ziel des Landes erklärt. Die Ukraine steht auf dem Weg zu einer Annäherung an die Europäische Union vor einer ganzen Reihe von Hindernissen. Zwischen Europa und Russland gelegen, spaltet sich der geographische "Sandwich-Staat" auch sprachlich und politisch in zwei Lager: So beherbergt die Ukraine mit 18 Prozent der Bevölkerung nicht nur die zahlenmäßig größte russische Minderheit aller ehemaligen Sowjetstaaten, sondern auch die größte Zahl an "Nicht-Russen", die Russisch als ihre Muttersprache bezeichnen. "Wohl die Hälfte der Bevölkerung, besonders im Süden und Osten des Landes, spricht Russisch", erklärt Besters-Dilger. Laut Verfassung ist aber Ukrainisch die einzige offizielle Staatssprache.
Spannungen vorprogrammiert
Die ukrainischsprachige Bevölkerung sieht im Russischen ein Relikt aus der Sowjetzeit und befürwortet den landesweiten Gebrauch des Ukrainischen. Nun hat die Ukraine, nicht zuletzt auf starken Druck des Europarates, im Zuge ihrer EU-Beitrittsbestrebungen die "Europäische Charta für Regional- oder Minderheitensprachen" unterzeichnet und ratifiziert. Seit Jänner 2006 in Kraft, beinhaltet die Charta Schutz und Förderung von Minderheitensprachen. An sich löbliche Ziele. Nun wurde aber auch das Russische als Minderheitensprache in die Charta aufgenommen. Das steht im krassen Gegensatz zur Tatsache, dass Russisch von der Bevölkerungsmehrheit gesprochen wird. "Der Europarat ist über die Verhältnisse in der Ukraine außerordentlich schlecht informiert", meint Besters-Dilger. Die Charta hat das Spannungsverhältnis wesentlich verschärft.
Eine neue Sprachpolitik
Im INTAS-Projekt "Language policy in Ukraine: anthropological, linguistic and further perspectives" will Projektleiterin Besters-Dilger nun gemeinsam mit renommierten WissenschafterInnen aus England und der Ukraine an einer zukünftigen Sprachpolitik für die Ukraine arbeiten. Diese soll sowohl den Wünschen der ukrainischsprachigen als auch jenen der russischsprachigen Bevölkerung Rechnung tragen, ohne dabei die mehr als hundert Minderheitensprachen des multinationalen Staates zu vernachlässigen. Eine solche Sprachpolitik könnte anderen ehemaligen Sowjetrepubliken wie Weißrussland oder dem Baltikum, die mit ähnlichen Problemen kämpfen, als Modell dienen.
Das Projekt sei für die Ukraine von erheblicher Bedeutung, unterstreicht Besters-Dilger: "Die Sprachenfrage ist ohne Zweifel eine Schlüsselfrage im politischen Prozess, der sich zwischen West-Orientierung, wie sie Präsident Juschtschenko verfolgt, und der Russlandorientierung des Premierministers abspielt."
Eine heikle Angelegenheit
So gilt Premierminister Wiktor Janukowitsch, seit August dieses Jahres im Amt, als Vertreter einer pro-russischen Richtung. Auch politisch steht er dem "Großen Bruder" im Osten näher als der EU. Seine "Partei der Regionen" regiert in Koalition mit Juschtschenkos "Unsere Ukraine" - damit stehen zwei völlig gegensätzliche Parteien gemeinsam an der Spitze des Landes. Dadurch ist möglicherweise auch das Ziel "EU-Annäherung" in weite Ferne gerückt. "Eine politisch sehr heikle Situation", betont Besters-Dilger.
EU-Integration der Ukraine
Im zweiten Projekt, "Die (Re-)Integration der Ukraine nach Europa", arbeitet Besters-Dilger in einem Team von 18 WissenschafterInnen an einer kritischen Analyse und Evaluation der ukrainischen Bestrebungen, sich der EU anzunähern. Gesucht wird nach Faktoren, die eine solche Annäherung begünstigen oder erschweren. Der Fokus liegt auf dem gemeinsamen kulturellen Erbe, das die Ukraine mit anderen europäischen Staaten teilt. "Wir haben es mit einem christlichen Staat zu tun, der mit Humanismus, Renaissance und Barock an den großen geistesgeschichtlichen Strömungen Westeuropas seinen Anteil hatte", meint Bester-Dilger.
Das Projekt ist im Rahmen des universitären Forschungsschwerpunktes "Europäische Integration und südöstliches/östliches Europa" der Universität Wien angesiedelt. Den großen Vorteil dieser "Universitäts-Zentrierung" sieht Besters-Dilger in der Möglichkeit, die Kräfte der Universität Wien zu bündeln und damit ein Fundament für die Etablierung eines neuen Ukraine-Forschungszentrums zu schaffen.
Politisches Bewusstsein verändern
Beide Projekte enden mit Abschlusskonferenzen in Kiew, beide Forschungsteams versuchen, konkrete politische Empfehlungen zu geben. "Durch die neue Regierung hat sich die Situation verschärft, was die Bedeutung der beiden Projekte aber nicht schmälert", erklärt Besters-Dilger: "Im Gegenteil, sie sind jetzt noch wichtiger geworden. Die Europa-Orientierung muss nachdrücklich ins Bewusstsein der EU-Kommission, aber auch ins Bewusstsein der Ukraine selbst gerufen werden." (br)
Das INTAS-Projekt "Language policy in Ukraine: anthropological, linguistic and further perspectives" hat am 1. August 2006 begonnen und eine Laufzeit von zwei Jahren. Unter der Leitung von O. Univ.-Prof. Dr. Juliane Besters-Dilger nehmen Prof. Dr. Bill Bowring (Metropolitan University. London), Dr. Vera Skvirskaja (London School of Economics, University of Cambridge), Prof. Dr. Larysa Masenko (Kievo-Mohyljans'ka Akademija), Dr. Hana Zaliznjak ("Hromads`ka dumka") sowie vier DoktorandInnen (Salvatore del Gaudio, Bohdana Tarasenko, Nadija S. Trach, Oksana V. Kalinovs'ka) am Projekt teil.
Das Projekt "Die (Re-)Integration der Ukraine nach Europa" findet im Rahmen des universitären Forschungsschwerpunkts "EU-Integration" der Universität Wien statt und hat am 1. Oktober 2006 begonnen. Neben Sprecherin O. Univ.-Prof. Dr. Juliane Besters-Dilger gehören Prof. Dr. Andreas Kappeler (Osteuropäische Geschichte), Prof. Dr. Walter Rechberger (Zivilverfahrensrecht), Prof. Dr. Dieter Segert (Politikwissenschaft) und Prof. Dr. Alois Woldan (Slawistik, Literaturwissenschaft) zum Projektleitungsteam. Von den insgesamt 18 WissenschaftlerInnen sind elf von der Universität Wien, zwei von anderen wissenschaftlichen Einrichtungen in Wien, vier aus Deutschland und eine aus Norwegen. |