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Bereits vier Tage nach dem "Anschluss" am 12. März 1938 war Österreichs Fußball "judenfrei".


Institut für Politikwissenschaft der Fakultät für Sozialwissenschaften Institut für Staatswissenschaft der Fakultät für Sozialwissenschaften Fußballmagazin "ballesterer fm"
Österreichs Fußball unter dem Hakenkreuz
EURO 2008, Forschungsprojekte
Gastbeitrag von David Forster am 23. Mai 2008

Der "Anschluss" Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland im März 1938 bedeutete auch im Fußball gravierende Änderungen, vom Ende der Nationalmannschaft und der Profi-Liga bis zur Vertreibung und Ermordung jüdischer Kicker. In den 1990er Jahren entdeckte die Sozialwissenschaft den Sport als Forschungsfeld zu Alltagswelten während der NS-Diktatur.

Binnen 24 Stunden nach dem Einmarsch deutscher Truppen am 12. März 1938 wurde der österreichische Fußball in den Sportbetrieb des "Dritten Reichs" eingegliedert. Bereits vier Tage nach dem "Anschluss" war Österreichs Fußball "judenfrei" - alle jüdischen Spieler, Funktionäre, Schiedsrichter und Sportjournalisten wurden von der Teilnahme am Sport ausgeschlossen. Der bekannteste jüdische Verein, der SC Hakoah, wurde ebenso wie die anderen "Judenklubs" aufgelöst. Der Platz des ersten österreichischen Profimeisters wurde "arisiert" - die Rückgabe der Sportstätte wurde übrigens erst 2001 beschlossen, heuer eröffnete das neue Hakoah-Zentrum unweit des Ernst-Happel-Stadions. Etlichen im Fußballsport tätigen Juden gelang die Flucht ins Ausland, doch einige Hakoahner und jüdische Funktionäre anderer Vereine wurden gefasst und ermordet.

Österreicher für "Großdeutschland"

Ende März 1938 löste sich der ÖFB auf und trat aus dem Weltverband FIFA aus. Am 3. April lief die österreichische Nationalmannschaft zu ihrem vorerst letzten Match ins Praterstadion ein. Im "Versöhnungsspiel", einem Propagandaspektakel für die eine Woche später stattfindende Volksabstimmung über die "Wiedervereinigung", besiegten die rot-weiß-roten Kicker die deutsche Nationalelf mit 2:0. Bei der Weltmeisterschaft 1938 in Frankreich bildeten die ehemaligen Gegner dann ein gemeinsames "großdeutsches" Team. Nach dem unerwarteten Ausscheiden gegen die Schweiz ging Reichstrainer Sepp Herberger von der politisch erwünschten gleichmäßigen Verteilung von "Ostmärkern" und "Altreichsdeutschen" ab, setzte aber auch in den folgenden Jahren immer wieder österreichische Fußballer für Deutschland ein.

"Arisierte" Betriebe als "Versorgungsposten"

Am 22. April 1938 wurde die seit der Saison 1924/25 bestehende österreichische Profiliga abgeschafft, da die Nationalsozialisten aus ideologischen Gründen den Amateursport bevorzugten. Den einstigen Profikickern sollten bürgerliche Berufe zugewiesen werden. So mancher ergriff die günstige Gelegenheit und erwarb im Zuge von "Arisierungen" jüdische Betriebe zu Schleuderpreisen. Einer dieser Profiteure war Matthias Sindelar, Star der Wiener Austria und des legendären "Wunderteams", der im Sommer 1938 ein Kaffeehaus "arisierte", das er bis zu seinem Tod im Januar 1939 führte.

Deutscher Meister Rapid Wien

Die österreichische Meisterschaft wurde im Sommer 1938 umstrukturiert: Als "Gau-Liga" war sie nur noch ein kleiner Teil der deutschen Meisterschaft. Ein Novum stellte die erstmalige Teilnahme von Vereinen aus der "Provinz" dar, bis dahin war die Liga eine reine Wiener Angelegenheit gewesen. Den österreichischen Klubs gelangen teils große Erfolge - so schmückt sich etwa Rapid Wien seit 1941 mit dem deutschen Meistertitel -, andererseits bedeutete die Nazi-Zeit auch das Ende der Wiener Überlegenheit im Fußball, wie die herben Niederlagen von Admira und Vienna in den Endspielen 1939 bzw. 1942 zeigten.

Ab Oktober 1939 wurde eine Kriegsmeisterschaft ausgespielt. Dem NS-Regime lag viel an "Ordnung" und "Normalität", die sich auch in wöchentlichen Fußballspielen äußern sollten. Mit Fortdauer des Zweiten Weltkriegs war aufgrund von Bombenangriffen und der Einberufung von Kickern zur Deutschen Wehrmacht ein geordneter Spielbetrieb allerdings kaum noch aufrechtzuerhalten.

Geschichtsschreibung zwischen Bruch und Kontinuität

Die ersten Darstellungen zur österreichischen Fußballgeschichte während der NS-Zeit entstanden Anfang der 1950er Jahre. Wie schon vor 1938 handelte es sich bei den Experten der Fußballerinnerung vorwiegend um Journalisten und selbst beteiligte Zeitzeugen. Das Standardwerk verfasste Leo Schidrowitz, "Propagandareferent des ÖFB", mit seiner 1951 erschienenen Chronik "Geschichte des Fußballsportes in Österreich". Die Fußballgeschichtsschreibung dieser Zeit vereinte zwei Widersprüche in sich: Einerseits wurden der "Anschluss" 1938, viel mehr aber noch der Beginn des Zweiten Weltkriegs 1939, als klare Brüche erlebt. Die NS-Zeit wurde als dunkle und quasi "außerösterreichische" Epoche dargestellt, die "Opferthese" der Zweiten Republik auf den Fußballsport übertragen. Andererseits wurden Narrative der Kontinuität (mit-)geschaffen, indem die Ergebnisse und Titel der Jahre 1938–945 "normal" - als österreichische Meisterschaften - weitergezählt wurden.

Moderne Fußballforschung

Die moderne österreichische Fußballforschung begann in den 1990er Jahren, als Sozial- und Kulturwissenschafter wie Roman Horak, Wolfgang Maderthaner und Matthias Marschik die Beschäftigung mit dem Sport als wissenschaftliches Feld entdeckten. Sie bedienten sich Zugänge der Oral History und der Cultural Studies und schufen mit ihren verdienstvollen Arbeiten Klassiker der Fußballgeschichtsschreibung, die in vielerlei Hinsicht bis heute Bestand haben. Allerdings mangelte es diesen Vätern der Fußballforschung bisweilen an kritischer Distanz zu ihren Quellen, insbesondere im Hinblick auf Opfermythen und Widerstandslegenden der NS-Zeit.

Hier setzt die neue Generation an Fußballforschern an, die in den letzten fünf Jahren - etwa in der Serie "Fußball unterm Hakenkreuz" im Fußballmagazin "ballesterer" - einige der tradierten Mythen auf ihren Wahrheitsgehalt abklopfte und so manches Denkmal ankratzte. So kam es etwa im Zuge einer breiten öffentlichen Debatte 2003/04 um Sindelars "Arisierung" zu einer Neubewertung seiner Rolle während der NS-Zeit.


David Forster, geboren 1972 in Wien, Politologe, seit 2003 Lektor am Institut für Politikwissenschaft, seit 2006 auch am Institut für Staatswissenschaft der Universität Wien. Redakteur des Fußballmagazins "ballesterer".


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