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Artikel ?Modul Ostseeraumstudien?
?Transformationen vom Uralgebirge nach Schweden?
Interview mit Prof. Natalia Glukhova: ?Frauen in Russland: ?Möglichkeiten zur Veränderung??
Ostseeraum als "Brücke zum Osten"
EU-Erweiterung
Michaela Hafner (Redaktion) am 14. Mai 2004

Der Studierendenaustausch zwischen österreichischen und baltischen StudentInnen wächst stetig, eine Exkursion nach Estland führt an die soziale, kulturelle und geographische Peripherie: Ostseeraumstudien an der Universität Wien.

Straßenkinder, Arbeitslose, PensionistInnen, die einfache Bevölkerung in einem Fischerdorf, Minderheitengruppen wie die Samen oder die russischsprachige Bevölkerung im Baltikum ? Prof. Imbi Sooman, Leiterin des Moduls Ostseeraumstudien am Institut für Skandinavistik, untersucht mit ihren Studierenden die soziale und kulturelle Peripherie in einer geographischen Peripherie: dem erweiterten Ostsseeraum (Schweden, Finnland, Westrussland, Estland, Lettland, Litauen, Polen, Norddeutschland und Dänemark). ?Über Probleme der Bevölkerung beispielsweise in Estland wird in den englischsprachigen Zeitungen, die auf eine internationale Zielgruppe ausgerichtet sind, kaum geschrieben, dort wird sehr positiv dargestellt, wie viele Computer und Handys es gibt. Es gibt einen kritischen Journalismus in estnischen und russischen Zeitungen, diese zu lesen scheitert aber meist an den Sprachkenntnissen. Daher muss man vor Ort sein und mit den Leuten reden?, erzählt die Estin-Schwedin Imbi Sooman, die seit 1972 Schwedisch am Institut für Germanistik und später auch Estnisch am Institut für Finno-Ugristik lehrt. Estland-Exkursion Erstmals wird daher im Rahmen der Ostseeraum-Einführung Ende Juni eine Exkursion nach Estland unternommen. Die Reise führt über die Hauptstadt Tallinn ins Fischerdorf Käsmu, in die russischsprachige Kleinstadt Sillamäe, in Nationalparks und die Universität in Tartu. Um zivilgesellschaftlichen Problemen auf die Spur zu kommen, sollen die Studierenden während des einwöchigen Aufenthalts mit möglichst vielen unterschiedlichen Personen ?an der Peripherie? Interviews machen und ihr Wissen aus den Studien praktisch ergänzen, denn die sozialen Grenzen in der EU werden sich verstärken, meint Sooman. Neben einem Besuch beim österreichischen Botschafter Dr. Jakub Forst- Battaglia wird die Gruppe vom ersten Ostseeraumstudierenden an der Tallinner Pädagogischen Universität empfangen. Die Zahl der österreichischen Studierenden, die mit ERASMUS in eines der baltischen Länder gehen, steigt kontinuierlich: Während heuer erst je ein ?Pionier?, wie Sooman erfreut erzählt, in Tallinn bzw. Riga studiert, werden im kommenden Studienjahr bereits vier Studierende der Universität Wien ein Austauschsemester in Estland verbringen. Auch die Zahl der Plätze und der Auslastung für Lettland und Litauen nimmt zu. ?Es sind weltoffene Studierende, die etwas Neues kennen lernen wollen?, erzählt Sooman und nennt als Vorteil die geographische Nähe der Städte Stockholm, Helsinki und St. Petersburg und das im Vergleich mit der Universität Wien doch größere Angebot an englischsprachigem Unterricht. Gastvortragende zu Mari-Frauen und Litauen Seit dem Wintersemester 2003/04 wird das ?große? Modul zu 48 Stunden angeboten und erfreut sich bei den Wiener und internationalen Studierenden aus vielen Disziplinen stetiger Beliebtheit. Besonders belebend und zur Aktualität des Moduls beitragend erlebt es Sooman, dass zwei profunde KennerInnen des Ostsseeraums als Gastvortragende für das Sommersemester 2004 gewonnen werden konnten: Als Inhaberin der Käthe-Leichter-Gastprofessur lehrt Prof. Dr. Natalia Glukhova von der Universität in Joshkar-Ola/Mari El über die Situation der Mari-Frauen im Vergleich zu den Frauen im Baltikum und Finnland. Gesandter Dr. Florian Haug, Abteilungsleiter im Außenministerium und früherer österreichischer Botschafter in Vilnius, hält unentgeltlich eine Lehrveranstaltung zu ?Litauen im Kontext der Nachbarstaaten?, die aktuelle diplomatische und politische Aspekte einbezieht. Entwicklung der Ostseeraumstudien Es war zwar vorgesehen, den Studierenden ab dem Wintersemester 2004/05 auch die Möglichkeit eines Bakkalaureat- oder Magisteriumsabschlusses im Fach Ostseeraumstudien anzubieten. Dies musste aber ? wegen der neulich getroffenen Entscheidung der Universität, im nächsten Studienjahr noch keine neuen Studienrichtungen einzuführen ? um ein Jahr verschoben werden. Internationale Vernetzung Die Universität Wien ist die erste Universität außerhalb des Ostseeraumes, die ein fächerübergreifendes Modul Ostseeraumstudien im weitesten Sinne und im kontrastiven Kontext anbietet, grenzt sich Sooman von den auf Sprachen und Literatur konzentrierten Baltic Studies im anglo-amerikanischen Sprachraum ab. Zwecks Information über Studien- und Forschungsprogramme, Unterrichtsliteratur, gemeinsames Kursdesign sowie Lehrenden- und Studierendenautausch findet eine regelmäßige Vernetzung mit Universitäten im Ostseeraum (sowie auch außerhalb dieses Raumes) statt. Ein multilaterales Forschungsprojekt zur Nationalitätenbildung im Baltikum wurde bereits initiiert. Ende des Jahres soll ein Vorschlag für ein CEEPUS-finanziertes Double-Degree-Programm mit der Universität Tallinn vorliegen, das mit Lettland und Litauen sowie St. Petersburg und Gdansk erweitert werden soll. ?Die Auseinandersetzung mit dem Ostseeraum ist in einem erweiterten Europa der EU und in der internationalen Zusammenarbeit nicht nur von friedenspolitischer Bedeutung, weil der Ostseeraum eine ?Brücke zum Osten? darstellt, sondern ermöglicht auch eine qualifizierte Integration dieses Raumes in die Europäische Union, indem zum Teil lange verborgene Sprachen und Kulturen neu entdeckt werden können?, resümiert Prof. Sooman. Allerdings müsse innerhalb der Ostseeraum-Region und über neue (EU-)Grenzen hinweg zusammengearbeitet werden: ?Ich befürchte, dass durch die neue EU-Ostgrenze beispielsweise der Bezug der russischsprachigen Bevölkerung zu St. Petersburg und zur russischen Heimatkultur abgeschnitten und auch baltisch-russische Projektzusammenarbeit in Zukunft erschwert werden könnte.? (mh)

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