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Patholinguistik erforscht Sprachentwicklungsstörungen
Behinderung/Integration
Gastbeitrag von Chris Schaner-Wolles am 10. April 2003

In jüngerer Zeit werden vermehrt Stimmen laut, die von einer bedenklichen Zunahme von Sprachentwicklungsauffälligkeiten berichten. Die patholinguistische Forschung am Institut für Sprachwissenschaft der Universität Wien konzentriert sich vorwiegend auf diesen Bereich.

Mit den ersten Publikationen von Noam Chomsky entwickelte sich in den 1960er Jahren eine kognitionswissenschaftlich orientierte Sprachwissenschaft oder Linguistik. Gegenstand des Interesses ist die menschliche Sprachfähigkeit als spezifische Leistung der Kognition und damit des Gehirns. Fragestellungen wie den folgenden kommen in diesem Zusammenhang eine zentrale Bedeutung zu: Wie wird das System Sprache erworben? Wie entwickelt es sich beim Kleinkind? Wie ist die Beziehung zwischen sprachlicher und nicht-sprachlicher kognitiven Entwicklung? Wie und wann manifestieren sich Sprachentwicklungsauffälligkeiten? Wie ist unser sprachliches Wissenssystem in unserem Gehirn verankert? Was spielt sich beim Produzieren bzw. beim Verstehen von Sprache im Gehirn ab? Wie, wann und wo bewirken Schädigungen des Gehirns einen Verlust von erworbenen Sprachfähigkeiten - beispielsweise infolge eines Schlaganfalls, eines Schädel-Hirn-Traumas, eine Hirntumors oder von degenerativen Erkrankungen des Gehirns wie Demenz?

Erforschung von Sprachstörungen

Aus diesen Interessen heraus haben sich während der vergangenen 30 Jahre die Patholinguistik - und mit ihr die Neurolinguistik und Klinische Linguistik entwickelt. Als ein interdisziplinär orientiertes Teilgebiet der Sprachwissenschaft widmet sich die Patholinguistik der Erforschung von Sprachstörungen. Dazu zählen sowohl Auffälligkeiten in der Erstsprachentwicklung bei Kindern als auch erworbene Sprachstörungen bei älteren Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen. Einsichten und Erkenntnisse aus Untersuchungen von Sprach(entwicklungs)störungen sowie aus Studien zu Sprache und Gehirn oder zu Sprache und Kognition haben nicht nur für die Grundlagenforschung Bedeutung, sondern sind auch für die entsprechenden angewandten Bereiche der Sprachdiagnostik, Sprachförderung und Sprachtherapie unerlässlich.

Wissen über Struktur, Funktion und Entwicklung der Sprache

Neben benachbarten Disziplinen aus Psychologie, Heilpädagogik, Logopädie und Medizin kommt hier auch der Patholinguistik eine wichtige Rolle zu. Keine andere Wissenschaft als eben die Sprachwissenschaft beschäftigt sich mit der Beschreibung und Analyse von Sprache. Die Patholinguistik liefert demnach grundlegendes Wissen über Struktur, Funktion und Entwicklung der Sprache, welches bei einer Beschäftigung mit Sprach(entwicklungs)störungen notwendig ist. So lassen sich beispielsweise kindliche Sprachentwicklungsauffälligkeiten nur eindeutig bestimmen und bewerten nach Vergleich mit Zielnormen und Zielverläufen der unauffälligen Entwicklung. Letztere sind in solchen Fällen selbstverständlich auch bedeutend für eine Sprachförderung oder -therapie. Nicht selten führt fehlendes Wissen über einzelne Bereiche der kindlichen Grammatikentwicklung in der sprachfördernden und -therapeutischen Praxis dazu, dass kindliche Sprechauffälligkeiten (z.B. Artikulationsprobleme) überbetont werden, während Sprachentwicklungsauffälligkeiten, die die Grammatik betreffen, oft unbeachtet bleiben.

Zunahme von Sprachentwicklungsauffälligkeiten

Da in jüngerer Zeit sowohl in Österreich als auch in Deutschland über eine bedenkliche Zunahme von Sprachentwicklungsauffälligkeiten berichtet wird, konzentriert sich meine patholinguistische Forschung am Institut für Sprachwissenschaft der Universität Wien vorwiegend in diesem Bereich. In Kooperation mit der Kommission für Linguistik und Kommunikationsforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften wurden in den vergangenen 20 Jahren systematisch Langzeitaufnahmen von mehreren unauffälligen österreichischen Kindern erhoben. In einem noch laufenden FWF-Projekt ("Erstsprachlicher Grammatikerwerb des österreichischen Deutsch im Vergleich") werden Teilauswertungen dieser großen Datenmengen vorgenommen. Konkret soll mit diesen Untersuchungen zum Grammatikerwerb des österreichischen Deutsch eine Vergleichsbasis für eine linguistisch fundierte Diagnostik und Förderung bzw. Therapie von Sprachentwicklungsauffälligkeiten geschaffen werden. Ein entsprechendes diagnostisches Instrumentarium für österreichisches Deutsch vorzulegen, ist ein längerfristiges Ziel unserer patholinguistischen Arbeit. Grundlage dafür bildet eine eigens entwickelte Testbatterie (Schaner-Wolles 1995, Wiener Sprachentwicklungstest - WSET), die im Rahmen eines umfangreichen Forschungsprojekts über die Sprache bei geistig behinderten Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit Down-Syndrom entwickelt und vielversprechend erprobt wurde.

Geistige Retardierung und Sprachfähigkeit

Dass eine geistige Retardierung nicht notwendigerweise eine Sprachentwicklungsauffälligkeit bedingt, bestätigen eine Reihe von Beispielen in der Literatur. Ganz im Gegenteil zeigt sich in manchen dieser Fälle sogar eine extreme Sprachbegabung. Neuerdings wird in diesem Zusammenhang dem Williams-Beuren-Syndrom viel Interesse entgegengebracht, weil auch hier massive kognitive Beeinträchtigungen mit ausgesprochen guten Sprachfähigkeiten einhergehen. Meistens zeigen sich in der sprachlichen Entwicklung von behinderten Kindern jedoch spezifische Dissoziationen zwischen den einzelnen sprachlichen Bereichen (z.B. Wortschatz, Satzstruktur, Deklination, Konjugation, etc.) und/oder zwischen verschiedenen Modalitäten (Verständnis, Produktion, metalinguistische Fähigkeiten). Dies ist auch das typische Bild beim Down-Syndrom. Um Dissoziationen dieser Art gezielt zu diagnostizieren bzw. entgegenzuwirken bedarf es eines linguistisch fundierten Ansatzes, den die Patholinguistik bietet.

Dr. Chris Schaner-Wolles ist Ao. Univ.-Professorin am Institut für Sprachwissenschaft der Universität Wien.

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