Wenn es im Wienerlied "Im Prater blüh'n wieder die Bäume" heißt, dann werden die Rosskastanien besungen: Frühlingsbeginn in Wien. So sehr Teil der Volkskultur, möchte man kaum glauben, dass die Kastanie erst um 1570 aus dem Balkangebiet nach Österreich gebracht wurde. Neben dem beliebten Alleebaum trifft man hierzulande auf ca. 1.400 weitere nicht-heimische Pflanzenarten. Nicht alle sind uns so ans Herz gewachsen wie die Kastanie, und manche von ihnen tanzen gehörig aus der Reihe. Welche das sind, erklärt Michael Kiehn vom Botanischen Garten. |
"Darf ich vorstellen: die Riesenbärenklau, ein Doldenblütler, der als Zierpflanze und Bienenweide aus dem Kaukasusgebiet nach Europa eingeführt wurde", zeigt Michael Kiehn, der Leiter des Departments für Biogeographie, bei unserem Rundgang durch den Botanischen Garten der Universität Wien auf ein paar Pflanzen, die aussehen wie gigantische Schafgarben mit überdimensional großen Blättern. "Aber vermeiden Sie Hautkontakt: Die Pflanze enthält phototoxische Stoffe, die in Kombination mit Sonnenlicht zu schweren Verbrennungen führen können."
Die Riesenbärenklau ist ein Neophyt: eine Pflanzenart, die nach 1492 direkt oder indirekt vom Menschen in ein Gebiet gebracht wurde, in dem sie ursprünglich nicht beheimatet war, sich dort aber ohne weiteres menschliches Zutun ausbreiten kann.
Die durchaus gängige Bezeichnung "alien species" für Neophyten sollte man dem Direktor des Botanischen Gartens zufolge allerdings lieber nicht verwenden: "Der Begriff 'Aliens' löst negative Assoziationen aus - kaum jemand denkt hier an Alf oder E.T." Und das verzerrt die Tatsachen, denn nur 34 bis 36 der insgesamt ca. 1.400 in Österreich vorkommenden Neophyten, also nicht einmal vier Prozent davon, machen tatsächlich Probleme. Die Riesenbärenklau ist eine davon, ebenso zwei ihrer unmittelbaren Beetnachbarn im Botanischen Garten der Universität Wien: die Goldrute aus Nordamerika und das Großblütige Springkraut aus dem Himalayagebiet. Alle drei gehören zu den sogenannten invasiven Pflanzen.
Unliebsame Gäste
"Den meisten invasiven Neophyten ist gemeinsam, dass sie zahlreiche Fortpflanzungseinheiten bilden", erzählt Kiehn und deutet auf ein Dickicht aus hohen, rosa blühenden Pflanzen: "Etwa das hübsche Großblütige Springkraut hier - übrigens auch als Zier- und Gartenpflanze nach Österreich gelangt - produziert Zehntausende von Samen, die in Explosionsfrüchten sitzen. Wenn die reif sind, platzen die Früchte auf und schleudern die Samen bis zu vier Meter weit."
Außerdem sind invasive Pflanzen konkurrenzstark, wachsen rasch und entwickeln viel Biomasse. Dadurch sind sie in der Lage, die heimischen Arten am Standort zu verdrängen. Die dichten Blättermassen der Staudenknöterich-Arten etwa beschatten den Boden so stark, dass keine anderen Pflanzen mehr gedeihen können.
"Manche Neophyten fallen aber auch deshalb unangenehm auf, weil sie - wie die Riesenbärenklau oder das von PollenallergikerInnen gefürchtete Taubenkraut (Ambrosia artemisiifolia) - Gesundheitsprobleme verursachen oder als Ackerunkräuter wirtschaftliche Schäden anrichten", so der Tropenbotaniker, der von seinen Studien auf besonders dramatisch betroffenen Inselsystemen weiß, dass eine einmal am neuen Standort etablierte Pflanze nachträglich fast nicht mehr auszurotten ist.
Richtlinien erarbeiten
Da man in Botanischen Gärten seine Gäste mit invasivem Potenzial besonders gut kennt, kann man sie beobachten und unter Kontrolle halten. Eine der wichtigsten Aufgaben für botanische Gärten sieht Michael Kiehn deshalb darin, EntscheidungsträgerInnen, aber auch der Öffentlichkeit Erfahrungswissen und Richtlinien im Umgang mit nicht-heimischen, invasiven Pflanzen zur Verfügung zu stellen. "Die beste und vielleicht einzig wirksame Maßnahme ist die Prävention - aber sie muss die richtigen Arten betreffen", warnt er vor ungerechtfertigter Xenophobie: "Man kann ein Land nicht einfach vor gebietsfremden Pflanzen abschotten."
Denn die große Mehrheit der Neophyten in Österreich ist nicht invasiv und ergänzt die heimische Artenvielfalt - man denke nur an Kartoffeln, Flieder oder eben unsere liebe Rosskastanie. Welche Pflanze als erwünscht gilt und welche nicht, ist Sache der Definition: "Unkraut ist ein Kraut, das am falschen Ort wächst", sagt Kiehn: "Was ein Gärtner verwünscht und bekämpft, schätzt ein anderer als Heil- oder Küchenkraut."
Vorreiterrolle
Um erfolgreiche Managementpläne entwickeln zu können und dadurch langfristig zur Erhaltung der Biodiversität beizutragen, muss man die potenziell invasiven Pflanzen also zunächst einmal kennen, dieses Wissen international vernetzen und im nächsten Schritt öffentlich zugänglich machen. Diesen zentralen Forschungsauftrag verfolgen Kiehn und seine MitarbeiterInnen vom Department für Biogeographie in einer Reihe von aktuellen Projekten, u.a. für das Österreichische Lebensministerium im Rahmen der Umsetzung der Ziele der "Global Strategy for Plant Conservation (GSPC)". Kiehn: "Botanische Gärten nehmen hier eine Vorreiterrolle in der Forschung, Bewusstseinsbildung und im Handeln ein." (br)
Ao. Univ.-Prof. Dr. Michael Kiehn ist Leiter des Departments für Biogeographie und Direktor des Botanischen Gartens der Universität Wien. |