![]() Ein aufmerksames Publikum während der Antrittsvorlesung von Elisabeth Seidl; in der ersten Reihe Mitte: Peter Kampits, Dekan der Fakultät für Philosophie und Bildungswissenschaft. ![]() Rudolf Richter, Dekan der Fakultät für Sozialwissenschaften, hielt die Eröffnungsrede. Fotos: ÖAVM ![]() Danach sprach Otto Klaus Burger, Direktor des Österreichischen Roten Kreuzes, Landesverband Wien. ![]() Elisabeth Seidl während der Antrittsvorlesung. Lebenslauf und Forschungstätigkeit von Elisabeth Seidl Individuelles Diplomstudium Pflegewissenschaft Schwerpunkt "Alte/r/n" Ein Semester Stiftungsprofessur Pflegewissenschaft |
Pflegewissenschaft für die Gesundheitsversorgung von morgen (1) |
| Antrittsvorlesungen |
| Gastbeitrag von Elisabeth Seidl am 6. April 2005 |
Univ.-Prof. Dr. Elisabeth Seidl erhielt mit 1. Oktober 2004 eine vom Roten Kreuz und von der Caritas gestiftete Professur für Pflegewissenschaft. Lesen Sie hier eine Kurzfassung ihrer Antrittsvorlesung vom 5. April 2005, in der sie unter anderem vom österreichischen Gesundheitssystem und Forschungen zu chronisch Kranken sprach. |
Im Ausland ist Pflegewissenschaft längst ein Begriff. An der Universität von Minnesota wurde im Jahr 1910 der erste eigenständige Studiengang eingerichtet, der mit dem akademischen Grad des Bachelor (Krankenpflege) abschloss. Das erste Promotionsstudium speziell für Krankenschwestern bot das Teachers College an der Columbia University in New York im Jahr 1923 an. In Europa kommt Großbritannien die Pionierrolle in der Entwicklung der pflegewissenschaftlichen Ausbildung und Forschung zu. 1956 wurde in Edinburgh der erste Studiengang zur Grundausbildung in der Pflege an der sozialwissenschaftlichen Fakultät etabliert. Aber auch z.B. in den Ländern des ehemaligen Ostblocks kam es bereits in den 1960er Jahren zu einer Akademisierung der Pflege, u.a. in Prag und in Lublin. In Deutschland kam es ab 1989 zur akademischen Ausbildung in 50 Fachhochschullehrgängen und an fünf Universitäten. Heute ist Österreich von Ländern umgeben, an deren Universitäten Pflegewissenschaft schon lange oder seit längerer Zeit etabliert ist. Österreichs Gesundheitssystem heute Österreich hat ein so genanntes Krankenhaussystem, wir haben europaweit die größte Zahl an Akutbetten pro 1000 EinwohnerInnen und liegen damit weit über dem EU-Durchschnitt. Auch mit der Zahl der Spitalsaufenthalte liegen wir an der Spitze. Was hingegen die Zahl der Pflegepersonen pro 1000 EinwohnerInnen betrifft, so befindet sich Österreich weit hinten. Zudem sind ca. 95 Prozent der Pflegepersonen im stationären Bereich beschäftigt und nur sehr wenige in der häuslichen Pflege. Eine Reduzierung von Akutbetten, wie sie in den letzten Jahren laufend durchgeführt wird, ist aber nur dann sinnvoll, wenn gleichzeitig die häusliche und ambulante Versorgung systematisch aufgebaut wird. Sonst besteht die Gefahr, dass insbesondere alte Menschen sehr bald wieder ins Krankenhaus aufgenommen werden müssen, was auch als "Drehtüreffekt" bezeichnet wird. Aus den Prognosen der "Statistik Austria" geht deutlich hervor, dass der künftige Bedarf an Pflege und die Anzahl der Personen, die zur Unterstützung der alten Menschen zur Verfügung stehen, immer mehr auseinander klaffen. Durch diese Entwicklung wird in unseren Gesellschaften Pflegebedürftigkeit zu einem eigenständigen Phänomen, für das in erster Linie das Pflegewesen zuständig ist und erst in zweiter Linie die Medizin. Die große Herausforderung wird daher sein, durch hochqualifizierte Personen Gesundheitsförderung und Prävention so gezielt Einzelnen und Familien anzubieten, dass Pflegebedürftigkeit möglichst hintan gehalten werden kann. Ganz neue Programme und Strategien, entwickelt auf wissenschaftlicher Basis, sind zu konzipieren und umzusetzen, um diese gesellschaftliche Problematik zu entschärfen. Chronische Krankheiten ? Forschung und Konzeptentwicklung Es ist großteils auf den Fortschritt der Medizin zurückzuführen, dass viele Akutkrankheiten heute nicht zum Tod führen, sondern in ein chronisches Stadium übergeführt werden können. Das führt dazu, dass nach Noack chronische Krankheiten vier Fünftel der "Krankheitslast" ausmachen. Darauf sind jedoch die Gesundheitssysteme weltweit noch nicht eingestellt. Es ist wichtig, die Situation der Kranken zu verstehen. Neue pflegewissenschaftliche Modelle, wie das "Shifting Perspectives Model of Chronic Illness" von Barbara Paterson und das "Modell der Pflege chronisch Kranker" von Mieke Grypdonck sind dabei von Bedeutung. Das Ausmaß an Belastung, das Menschen mit chronischer Krankheit erleben, wird anhand von Forschungsarbeiten deutlich. Bei manchen hat der Schmerz eine Barriere aufgestellt, die sie von anderen Personen trennt. Bekannt ist auch die Situation der Kranken, die ihr chronisches Leiden verschweigen müssen, wenn sie eine Arbeitsstelle suchen oder eine ernstere Bekanntschaft anknüpfen. Aus vielen Studien wissen wir, wie die Gesellschaft wegrückt, wenn ein Demenzkranker am Nebentisch Unverständliches redet. Pflegende Angehörige leiden ebenfalls unter hohen Belastungen. Chronisch Kranke werden nicht zu Unrecht häufig als Experten für ihre eigene Situation bezeichnet, es sind aber auch die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass sie in möglichst autonomer Weise ihre Vorstellungen verwirklichen können. Einen wesentlichen Beitrag dazu kann gezielte Information leisten. Informationsdefizite stellen eine Problematik dar, die mich seit vielen Jahren beschäftigt. In fast allen Untersuchungen, die sich mit der Situation der PatientInnen befasst haben, wurde deutlich, dass den Betroffenen und ihren Angehörigen von den ExpertInnen im Gesundheitswesen Informationen nicht in geeigneter und ausreichender Weise zur Verfügung gestellt werden und ihre Fragen und Probleme nicht genug Beachtung finden. Das gilt für alle Settings, d.h. das Akutkrankenhaus, den ambulanten Bereich und die häusliche Pflege und Versorgung. Die Antrittsvorlesung "Pflegewissenschaft für die Gesundheitsversorgung von morgen" fand am Dienstag, 5. April 2005 um 17 Uhr im Kleinen Festsaal der Universität Wien statt. Lesen Sie hier den zweiten Teil des Artikels. |




