Lange Zeit war man der Ansicht, dass die Klänge von im Unisono zusammenspielenden Musikinstrumenten besonders dann gut voneinander unterscheidbar sind, wenn sie zeitlich verzögert einsetzen und unterschiedliche zeitliche Hüllkurven besitzen. Je länger dabei der Einschwingvorgang (also der Klangbeginn) der beteiligten Instrumente ist, desto länger darf die Verzögerung zwischen ihren Klängen sein, ohne dass der Eindruck von einem simultanen Einsatz verloren geht.
Klangfarbenerkennung, Verschmelzung und partielle Verdeckung
Bei Versuchen mit genau gleichzeitigen Klangeinsätzen bzw. mit entfernten Einschwing- und Ausklingvorgängen zeigte sich jedoch, dass auch hier die zusammenspielenden Klänge ähnlich wie die Originalklänge separiert wahrgenommen werden können, und dass für die Wahrnehmung von Mischklängen vor allem die Formantbereiche der beteiligten Instrumente entscheidend sind. Formantbereiche oder auch Formanten sind feststehende Bereiche innerhalb des Klangspektrums eines Instruments, in denen die Teiltöne unabhängig von der Grundtonhöhe in ihrer Amplitude besonders stark hervorgehoben sind. Diese hervorgehobenen, grundtonunabhängigen Teiltonbereiche im Spektrum rufen die Klangfarbenempfindung des jeweiligen Instruments hervor. Für das Zusammenspiel formantgeprägter Klänge konnten hierbei folgende Prinzipien beobachtet werden:
1.) klangliche Verschmelzung: Werden Klangfarben mit übereinstimmenden Hauptformantbereichen gemischt, so können die Instrumente nicht mehr einzeln aus dem Klanggemisch herausgehört werden; der Klang verschmilzt homogen (z.B. bei Horn und Fagott).
2.) partielle Verdeckung: Werden Klangfarben mit unterschiedlichen Hauptformantbereichen gemischt, so können die Instrumente sehr gut aus dem Klanggemisch herausgehört werden; alle Klanganteile sind separiert wahrnehmbar (z.B. bei Horn und Oboe).
Diese beiden Regeln finden auch in den Mischungsanweisungen der Instrumentationslehren der letzten Jahrhunderte ihre volle Bestätigung. Verschiebt man nun mit Hilfe geeigneter Software die Formantbereiche der am Gesamtklang beteiligten Klänge, so lässt sich je nach Einstellung gezielt eine klangliche Verschmelzung (bei überlappenden Hauptformantbereichen) oder eine partielle Verdeckung (bei unterschiedlichen Hauptformantbereichen) hervorrufen.
Formantbereiche im sukzessiven Zusammenspiel
Der Gedanke liegt nahe, dass die Position von Formantbereichen auch bei sukzessiven Klängen im Sinne der Stream-Segregation zu ähnlichen Ergebnissen führen könnte: Sollte dies der Fall sein, so müsste sich eine Melodie mit alternierenden Klängen je nach den Hauptformantbereichen der beteiligten Instrumente in zwei Melodien aufspalten (bei unterschiedlichen Hauptformanten) oder als eine Melodie gehört werden (bei gleichen Hauptformanten). Um diese Hypothese zu überprüfen, wurde mit den Klängen von Oboe, Fagott, Trompete und Horn Melodie mit immer jeweils zwei alternierenden Klangfarben zusammengestellt (z.B. Note 1 = Fagott, Note 2 = Trompete, Note 3 = Fagott, Note 4 = Trompete usw.):

Zusätzlich zu den vorhandenen Klangfarben wurde auch mit Klangfarben gewechselt, deren Formantbereiche gezielt verschoben wurden (also Fagott mit Oboenformant, Oboe mit Fagottformant, Horn mit Trompetenformant und Trompete mit Hornformant).
In einem Hörexperiment urteilten 30 Versuchspersonen darüber, ob es sich bei den Klangbeispielen jeweils um eine einzige durchgehende Melodie oder um zwei Melodien im Sinne einer latenten Zweistimmigkeit handelt (im Falle einer Aufspaltung sollte noch zusätzlich angegeben werden, welche Melodie im Vordergrund gehört wird).
Es zeigte sich, dass in nahezu allen Fällen bei übereinstimmenden Hauptformantbereichen auch tatsächlich von den meisten Versuchspersonen nur eine einzelne Melodie wahrgenommen wurde.
Ebenso bestätigte sich die Vermutung, dass bei unterschiedlicher Formantlage der beteiligten Instrumente auch jeweils zwei Melodien gehört wurden, wobei die Vordergrundmelodie meist aus der "helleren" Klangfarbe mit dem höheren Hauptformanten bestand.
Regeln für klangfarbenbedingte Melodiebildung
Klangfarbenbedingtes Streaming ist ein in der Musikpsychologie schon länger bekanntes Phänomen, jedoch erwies es sich bis jetzt als schwierig, ein Konzept darüber aufzustellen, ab wann Klangfarben unterschiedlich genug sind, um den Streaming-Effekt hervorzurufen. Mit Hilfe der Formantbereiche lässt sich eine solche Entscheidung jedoch sehr klar treffen, und zwar sowohl für das simultane als auch für das sukzessive Zusammenspiel von formantgeprägten Musikinstrumenten:
1.) Musikinstrumente mit übereinstimmenden Hauptformanten werden im Unisono eher als homogen verschmelzend wahrgenommen und führen beim alternierenden Zusammenspiel eher zur Wahrnehmung einer einzigen durchgehenden Melodie.
2.) Musikinstrumente mit unterschiedlichen Hauptformanten werden auch im Unisono eher separiert wahrgenommen und führen beim alternierenden Zusammenspiel eher zur Wahrnehmung zweier ineinander verschränkter Melodien im Sinne einer latenten Zweistimmigkeit.
Univ.-Prof. Dr. Christoph Reuter, M.A., hat seit September 2008 die Professur für Systematische Musikwissenschaft an der Philologisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät inne. Am 10. Juni 2009 hielt er seine Antrittsvorlesung im Kleinen Festsaal. |