Die Arbeitsabläufe der hier anwesenden Arbeitsgruppen sind sehr unterschiedlich: Es gibt Gruppen, die eher in der Station oder in der Nähe der Station arbeiten, andere müssen für ihre Untersuchungen viele Kilometer Wegstrecke im Tal und auf den Berghängen des Zackenbergtales zurücklegen. Zu letzterer Gruppe gehören auch wir.
Man kann nicht behaupten, dass der Arbeitstag hier sehr früh beginnt - Frühstück gibt es ab 7.30 Uhr mehr als reichlich. Für die Zubereitung des Essens gibt es dieser Station einen dänischen Koch.
Gestern z.B. sind wir um 9 Uhr zu unserem Untersuchungsgipfel im Rahmen des Projekts "GLORIA" losgewandert. Beim Verlassen der Station rüstet man sich noch mit Funkgerät, Signalpistole und wer will auch mit einem Gewehr aus. Die Signalpistole dient nicht dem Abgeben von Notsignalen, sondern dem Verscheuchen von Moschusochsen. Unsere kleine Gruppe - bestehend aus zwei dänischen und drei österreichischen WissenschafterInnen - musste zuerst den sehr anstrengenden Weg über ein morastiges Graslandnehmen nehmen, dazwischen kleine und größere Bäche überqueren, bis wir endlich den Hangfuß des Aucellaberges erreichten, der an diesem Tag unser Ziel war.
Das Ziel hat man dabei ständig vor Augen, es wirkt so, als wäre es eine recht kurze Wegstrecke. Es ging auch "nur" 600 Höhenmeter nach oben - aber das Abschätzen der Entfernungen ist in der klaren Luft der Arktis extrem schwierig. Für eine Wegstrecke, die man nach subjektiver Einschätzung in zwei Stunden leicht zurücklegen würde, haben wir dann doch drei Stunden benötigt. Angekommen am Gipfel, starteten wir gleich mit unserem Arbeitsprogramm, d.h. folgend den vorgegebenen Arbeitschritten des Forschungsprogramms "GLORIA" wurden zuerst die Untersuchungsflächen eingemessen, fotografisch dokumentiert und die Vegetation qualitativ und quantitativ bestimmt. Obwohl dieser Gipfel auf den ersten Blick vegetationsfrei wirkte, konnten wir doch zwölf Arten auf einer Seehöhe von 600 Meter erfassen. Es findet sich hier jedoch keine geschlossene Vegetationsdecke mehr. Die Individuen der Arten stehen vereinzelt, d.h. die Deckung der Arten ist extrem gering. Die Frage, die wir uns stellen, ist, ob die Klimaerwärmung die Bedingungen für das Wachsen der Pflanzen derart "positiv" beeinflusst, dass es zu einer Zunahme der Artenzahlen oder auch der Individuen kommt.
Nach sieben Stunden Arbeit am Gipfel ging es dann wieder zwei Stunden zurück zur Station, wo uns bereits ein gutes Abendessen erwartete. An diesem Tag gab es Lammfleisch mit Bratkartoffel. Während des Abendessens berichten die einzelnen Gruppen von ihren Erlebnissen und Beobachtungen des Tages. Wir sind eine sehr internationale Truppe hier, momentan sind sechs Länder vertreten: Dänemark, Holland, Schweden, Deutschland, Brasilien und Österreich.
Nach dem Abendessen war der Arbeitstag aber noch nicht zu Ende. Es folgte noch eine Kontrolle aller aus dem Gelände mitgenommenen Unterlagen, die Abspeicherung der Bilddokumentation am Computer und die Aufbereitung der Vermessungsdaten. Vor 24 Uhr endet eigentlich kein Arbeitstag. Man verliert ohnehin jedes Zeitgefühl, da es hier im Sommer auch in der Nacht völlig hell ist.
Trotz all der Anstrengungen, die schon sehr an der Substanz zehren, ist der Aufenthalt hier weiterhin sehr schön und die Befriedigung, hier wichtige wissenschaftliche Arbeit zu leisten, groß.
Karl Reiter per E-Mail in der Nacht von Montag auf Dienstag, 15. Juli. |