Wie bereits in mehreren unserer Berichte zur Forschung der Universität Wien in Grönland erwähnt, nennt sich das Forschungsprogramm hier in Zackenberg "ZERO" (Zackenberg Environmental Research Initiative). Durch verschiedene Erhebungen und Messprogramme werden ca. 3.000 Parameter erfasst, wie z.B. zum Klima, zur Methanausgasung von Mooren, zur Vegetationsentwicklung oder zur Vogelwelt. Das ganze Programm ist für eine Beobachtungsperiode von 50 Jahren konzipiert.
Im Wesentlichen kann man diese Form der Forschung unter dem Begriffspaar Langzeitforschung / Langzeitmonitoring zusammenfassen - Forschungsarbeiten, die nicht auf den unmittelbaren wissenschaftlichen Erfolg ausgerichtet sind, sondern für Generationen von WissenschafterInnen Grundlagen liefern und die es ermöglichen, die Auswirkungen natürlicher und vor allem auch der vom Menschen ausgelösten Einflüsse auf die Natur zu dokumentieren (z.B. Klimaveränderungen) und im Idealfall auch Gegenstrategien zu entwickeln.
In den vergangenen Tagen bin ich mit meinem Team viele Kilometer zu verschiedenen Untersuchungspunkten gewandert, um dort Erhebungen zum Langzeitforschungsprogramm "GLORIA" zu beginnen. Heute lasse ich es etwas langsamer angehen und finde Zeit, mir über den zu erwartenden wissenschaftlichen Output unserer Arbeit Gedanken zu machen. In einer Zeit, wo wissenschaftlicher Erfolg meist an Papers bzw. Impact Points gemessen wird, ist man versucht, seine Arbeit mit Langzeitperspektive ständig zu hinterfragen.
Eine Arbeit, die eine Art Initialisierungsphase für Langzeitforschung darstellt - also die Ersterhebung - ist sicher nicht geeignet, um in den großen Wissenschaftsjournalen publiziert zu werden. Aber ich weiß, dass in einigen Jahren andere WissenschafterInnen - junge KollegInnen, die jetzt vielleicht gerade am Anfang ihres Studiums stehen - einmal statt mir hierher kommen und unsere Ersterhebungen mit Wiederholungsaufnahmen vergleichen werden.
Sie werden dann die interessanten Ergebnisse bekommen und auch einer breiten wissenschaftlichen Öffentlichkeit präsentieren können, für die wir heute die Basis legen. Hier muss ich als Mitglied des Betriebsrates der Universität Wien weiter denken: Wie kann ein System funktionieren, wo das Vorankommen junger WissenschafterInnen auf dem raschen Sammeln von Papers und Impact Points basiert? Leben wir wirklich in einer Zeit, in der nur mehr Beamte wie ich es sich leisten können, Datengrundlagen für spätere Generationen zu schaffen ? und wie wird es sein, wenn es uns "sichere Beschäftigte" einmal nicht mehr gibt? Die Einsamkeit der Arktis und die weite Entfernung vom Alltagsgeschäft lässt einen schon manchmal sehr nachdenklich werden. Zum Glück haben das Wissenschaftsministerium und die Akademie der Wissenschaften Verständnis für Langzeitforschung und unterstützen uns mit der Finanzierung unserer Arbeiten hier.
Viele LeserInnen werden vielleicht denken: "Die haben Glück, dass sie an so tolle Plätze kommen" - und ich muss Ihnen Recht geben. Nur eines ist wirklich schrecklich hier, und das sind die Milliarden von Moskitos. Mein Mitarbeiter Christian Lettner - den diese Tiere besonders mögen - ist schon ganz zerstochen. Gestern konnte er seinen Bergschuh fast nicht anziehen, so geschwollen war sein Unterschenkel durch die Stiche. So wie die Vegetation fast keine Höhenzonierung aufweist, gilt gleiches hier für die Moskitos. Das Fliehen auf die Berge hilft nichts - auch dort treiben sie auf 600 Höhenmeter ihr Unwesen.
Nun wird es Zeit, mit dem heutigen Programm zu beginnen und die letzten Vorbereitungen für die Arbeiten mit den dänischen Kollegen zu treffen, die am Dienstag einfliegen.
Karl Reiter aus Zackenberg, per E-Mail am 7. Juli 2008 nachts |