Andreas Richter zieht nach zwei Wochen Aufenthalt in der dänischen Forschungsstation Zackenberg in Ostgrönland Bilanz. Er und seine KollegInnen sind zufrieden mit den durchgeführten Forschungen und mit den angebahnten Kooperationen mit den dänischen Wissenschaftern. Unvergesslich bleibt die beeindruckende Landschaft - und so manche Begegnung mit einem Moschusochsen.
Abschied von Zackenberg
Die Kanada-Gänse, die hier nahe am Wasser in einem streng geschützten Bereich gebrütet haben, machen sich bereit, die herbstlich gewordene Tundra zu verlassen. Noch sieht man sie in ihren typischen Formationen kürzere Strecken fliegen, doch vor ihnen liegt eine lange Reise nach Süden. Auch unsere Zeit hier in Grönland ist abgelaufen. Zwar wissen wir weder genau, ob und wann morgen Dienstag hier die kleine Twin Otter landen wird, noch wohin wir ausgeflogen werden, doch unsere Tage in Zackenberg sind gezählt.
Das ist auch gut so. Uns allen fällt das Aufstehen in der Früh schon schwer. Die letzten beiden Wochen waren geprägt von sehr viel Arbeit - tagsüber im Feld und nächtens im Labor. Vieles, das in Wien einfach zu erledigen ist, ist hier mühevoll - zum Beispiel sauberes Wasser für chemische Analysen zu bekommen. Das so genannte "deioniserte" Wasser hier hat trotz Behandlung graue Schlieren vom feinen Sediment des Gletscherbaches, aus dem wir das Wasser beziehen. Als Wasser für chemische und mikrobiologische Arbeiten war es natürlich völlig ungeeignet. Das hieß Tag für Tag viele Liter deionisiertes Wasser durch mehrere Lagen grober und feiner Glasfaserfilter filtrieren zu müssen; das hat Stunden gedauert, jeden Tag.
Aber auch die Tage im Freien waren oft anstrengend - mit schweren Rücksäcken, gefüllt mit Messgeräten und Proben, durch schwieriges Gelände zu gehen oder Flüsse zu überqueren kostet Substanz. Und dann waren da natürlich die langen Nächte, in denen die Natur um uns herum in unglaublichen, oft zarten, oft kräftigen, jedenfalls immer neuen Farben leuchtete. Farben, an denen wir uns nicht satt sehen konnten. Hunderte Fotos wurden geschossen, von denen keines je den Zauber wird einfangen können, den die herbstliche Tundra in der Nacht ausstrahlt.
Kurzum, viel Arbeit und lange Nächte haben uns alle ein bisschen müde gemacht. So schön es hier war, so gut wir uns bei unseren dänischen Kollegen auch aufgehoben fühlten, so erfolgreich unsere Experimente auch waren - wir freuen uns auch wieder nach Hause zu fahren, freuen uns auf unsere Kinder, Familie, Freundin oder Freund. Und auf einen letzten Rest vom Sommer.
Hat sich das alles ausgezahlt? Sind wir mit dem Erreichten zufrieden?
Ja, ausgezahlt hat es sich sicher! Da ist die Forschung: Wir alle hier sind mit diesen beiden Wochen sehr zufrieden. Wir konnten uns vor Ort ein Bild machen über die Forschungsmöglichkeiten und Gegebenheiten und haben auch gute Kontakte mit den dänischen Wissenschaftlern aufbauen können, die wir in den nächsten Monaten noch vertiefen werden.
Wir haben darüber hinaus auch weit besser als gedacht erste Experimente und Versuche durchführen können (zum Beispiel zum Abbau von organischen Kohlenstoffverbindungen in Böden und Gewässern) oder den Grundstein für längerfristige Beobachtung von Veränderungen der Vegetationsmuster gelegt. Im Nachhinein gesehen hat sich die Forschungsstation Zackenberg in Grönland nicht nur als eine machbare, sondern sogar als eine für uns alle sehr gut geeignete Alternative zum ursprünglich geplanten Franz-Josef-Land erwiesen.
Und dann die unvergesslichen Augenblicke:
Da sind sicher die Farben der Tundra am Abend, das intensive Rot der Zwergbirken und Moosbeeren zwischen dem leuchtenden Gelb der arktischen Weiden. Oder Moore mit Wollgras, die sich gegen die dunklen Bergen im Hintergrund abheben. Oder die Eisschollen und kleinen Eisberge, die am graugrünen Wasser treiben. Unvergesslich aber auch der Schreck, plötzlich einem unwilligen Moschusochsen-Bullen gegenüber zu stehen und sich dann sehr langsam und vorsichtig zurückzuziehen, das Gewehr sicherheitshalber schussbereit in der Hand. Oder das Gefühl, das man hat, wenn man bemerkt, dass die Wathose, die gegen das eiskalte Meerwasser bei der Probennahme schützen sollen, doch nicht wasserdicht ist, das nur wenige Grad kalte Wasser recht schnell eindringt und das Ufer noch gute 400 Meter entfernt ist.
Da sind so viele Augenblicke, an die man sich erinnern wird. Ob sich das alles ausgezahlt hat? Ja, ganz sicher. Ob wir wiederkommen werden, fragen uns hier die Leute in der Station. Ja, sicher wollen und werden wir das. Die Kooperation, die wir hier mit Hilfe des BMWF mit den Forschern vom Danish Polar Center aufbauen, ist ja längerfristig angelegt. Die Forschung in Zackenberg wird der österreichischen Polarforschung jedenfalls eine neue Perspektive geben. Dann werden auch wir unseren Beitrag dazu leisten können, die Bedeutung der faszinierenden arktischen Lebensräume für das Globale Klima besser zu verstehen.
Andreas Richter |