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Zackenberg in Ostgrönland: Die Anreise dauerte eineinhalb Tage und erfolgte über Kopenhagen (Dänemark), Reykjavik, Akureyri (Island) und Mestersvig (Grönland).


Grönland-Tagebuch, Woche 2 Porträts der ForscherInnen der "Expedition Zackenberg" Polarjahr: Auf nach Grönland! Forschungsstation Zackenberg Eindrucksvolle Fotos von Zackenberg

Die Expeditionsteilnehmer schildern ihre Erlebnisse auch auf science.orf.at.
Polarjahr: Notizen aus der Arktis, Woche 1
Notizen aus der Arktis, Forschungsprojekte
Grönland-Tagebuch am 10. August 2007

Mehrmals pro Woche berichten die Polarjahr-ForscherInnen der Universität Wien - Andreas Richter, Karl Reiter und Michaela Panzenböck - via Satellitenverbindung vor Ort von ihren Erlebnissen auf der dänischen Forschungsstation Zackenberg in Grönland. Bis 23. August forschen sie in der Arktis zu den Auswirkungen des globalen Klimawandels.

Donnerstag, 9. August 2007, Zackenberg
Tag 3

Michaela Panzenböck berichtet von ersten Probenentnahmen und der Schwierigkeit, sich an die Mitternachtssonne zu gewöhnen.

Der heutige Tag begann damit, dass die Glaziologen unseres Teams um 1 Uhr morgens von ihrer Bergtour zurückkamen. Sie brachen für die Besteigung des Zackenbergs, der namensgebend für die Station ist, allerdings auch erst abends auf. Durch den sommerlichen 24-Stunden-Tag in der Arktis kann man rund um die Uhr aktiv sein, was auch für das wissenschaftliche Arbeiten von Vorteil sein kann. Probenahmen und Geländearbeiten sind an keine Uhrzeit gebunden und müssen nicht bei einbrechender Dunkelheit beendet sein. Doch was der Arbeit dient, kann der Erholung durchaus abträglich sein.

So mancher hier hat Probleme, bei dem hellen Licht der Mitternachtssonne zu schlafen, weshalb die Fenster in den Schlafräumen mit stark verdunkelnden Jalousien versehen sind. Außerdem machen es einem die derzeit fantastischen Lichtverhältnisse am Abend sehr schwer, ins Bett zu gehen. Lieber beobachtet man die in den Fjord hereindriftenden Eisberge oder die jungen Polarfüchse, die neugierig zwischen den Hütten herumlaufen. Einen mussten wir sogar schon aus der Funkstation vertreiben.

Unser Arbeitstag begann heute mit einer Überquerung des Flusses Zackenbergelven, an dessen Westufer wir unser Untersuchungsgebiet einrichten. Eine eigens dafür eingerichtete "Fährverbindung", bestehend aus Schlauchboot und Seil, Wathose und Schwimmweste, ermöglicht es einem, sich und seine Arbeitsgeräte durch Muskelkraft ans andere Ufer zu ziehen. Nachdem wir einzeln den Fluss bewältigt hatten, gingen wir am Fuße des Zackenbergs in das nächste Tal, um geeignete Flächen bzw. Gewässer für unsere Untersuchungen zu finden.

Die Freilandarbeiten gestalteten sich heute weniger schwierig als beim gestrigen Slalom zwischen Moschusochsen. Relativ unbehelligt konnten wir unsere Probepunkte markieren, mit dem GPS vermessen und die erste Probennahme vorbereiten. Zur Gewinnung von Bodenwasser wurden Saugkerzen in den Boden gebohrt, Proben aus einem See und einem nahe gelegenen Bach gezogen. Da der Weg durch Moränenschutt und Moore führte, waren wir dann den ganzen Tag unterwegs, obwohl die Wegstrecke als solche nur einige Kilometer ausmachte. Entschädigt für die Kletterei und die nassen Füße wurden wir aber durch eine spektakuläre Landschaft und eine unglaublich weite Sicht in der klaren arktischen Luft. Beeindruckend auch die Moore mit dem Wollgras, dessen Fruchtstände aussehen wie Wattebällchen in der Wiese.

Unser Tag endete dann erst nach 23 Uhr: Die Laborarbeiten müssen noch erledigt werden. Inzwischen sind Wolken aufgezogen - das gute Wetter scheint vorbei zu sein. 
Michaela Panzenböck

Mittwoch, 8. August 2007, Zackenberg
Tag 2

Karl Reiter erzählt, wie die Forschergruppe am Mittwoch von einer Herde Moschusochsen an der Feldarbeit gehindert wurde.

Von den unbekannten Gefahren ökologischer Feldarbeit

Unsere Arbeitsgruppe beschäftigt sich seit 15 Jahren mit der Vegetation an den Kältegrenzen pflanzlichen Lebens. Die forschungsleitende Idee unserer Arbeitsgruppe in diesem arktischen Projekt ist die Frage, inwieweit die alpine und vor allem die nivale Stufe der Berge mit den hocharktischen Gebieten vergleichbar sind - es ist auch die Frage nach der Übertragbarkeit der entwickelten Methoden aus den Bergen auf die hocharktische Region zur Beobachtungen und der Beurteilung der Auswirkungen des globalen Klimawandels.

Diese Forschungsidee ist für uns nicht neu - bereits 1996 hat unsere Forschungsgruppe ein derart vergleichendes Projekt auf Franz-Josef-Land in der russischen Hocharktis gestartet. Dort erfolgte während einer sechswöchigen Expedition die Dokumentation des damaligen Vegetationsmosaiks auf der Ziegler Insel. In den folgenden Jahren wurde uns trotz intensiver Unterstützung des Ministeriums für Wissenschaft und Forschung ein Weiterarbeiten in dieser Region durch die russischen Militärs verweigert.

Groß war dann die Freude, als sich uns im Rahmen des Internationalen Polarjahres die Möglichkeit bot, erneut zu unseren Untersuchungsflächen zu reisen und eine Wiederholungsaufnahme der damals angelegten Monitoringflächen durchzuführen. Wie unsere Studien in den Alpen gezeigt haben, hat sich durch die globale Klimaveränderung eine Änderung im Vegetationsmosaik in den letzten zehn Jahren ergeben. Gleiches wäre wohl auch für die polaren Kältewüsten zu erwarten.

Umso größer war dann unsere Enttäuschung, als uns die russischen Militärs - trotz anfänglicher Zusage - die Forschungsarbeiten in Franz-Josef-Land erneut verweigerten. Aber wissenschaftliches Arbeiten erfordert wohl immer auch ein hohes Maß an Flexibilität. In nur wenigen Wochen haben wir unser Projekt so abgeändert, dass wir nun in Grönland auf der dänischen Forschungsstation ZERO (= Zackenberg Environmental Research Operation) auch unsere hocharktischen Forschungsarbeiten mit einer hoffentlich viele Jahre umfassenden Langzeitperspektive fortsetzen können.

In all den Jahren, wo sich unsere Arbeitsgruppe an den Kältegrenzen pflanzlichen Lebens bewegte, wurden wir immer wieder mit Kälteeinbrüchen und Schneefall im Sommer konfrontiert. Oft waren wir der Gefahr von Steinschlägen ausgesetzt oder auch bergsteigerisch gefordert. Wenn ich mich noch an die Zeit auf Franz-Josef-Land erinnere, so war die Gefahr, mit Eisbären zusammenzutreffen, unser ständiger Begleiter bei der Feldarbeit.

Aber heute wurden wir mit einer für mich völlig neuen Gefahr konfrontiert - der Kontakt mit einer Herde von Moschusochsen. Am Vormittag (Mittwoch) habe ich die Sicherheitseinweisung verbunden mit einer "Unterrichtseinheit - Gebrauch von Feuerwaffen" noch etwas lächerlich empfunden. Ich wusste aus Berichten, dass in der Region Zackenberg vor ca. zehn Jahren das letzte Mal ein Eisbär gesichtet wurde, und Rinderherden kennen wir doch auch von zu Hause - also was kann da schon gefährlich sein.

Als wir nun am Mittwoch zu unseren ersten Probennahmen bzw. Vegetationserhebungen in ein von der Station fünf Kilometer entferntes Gebiet aufgebrochen sind, hat sich Kollege Andreas Richter doch mit einem Karabiner und fünf Schuss Munition ausgerüstet. Nach einer Wegstrecke von drei Kilometer durch herrliche mit Wollgras bewachsenen Moorflächen und weiten Zwergstrauchheiden sahen wir plötzlich ein großes, zotteliges Tier nur ca. 100 Meter vor uns stehen - der erste Anblick eines Moschusochsen in unserem Leben. Dieses Tier mit seinem gewaltigen Horn ist wohl in seinen Körperausmaßen einem Bison vergleichbar - sein langes, zotteliges Fell gibt diesem Tier ein furchteinflößendes Erscheinungsbild, wie ich es nur bei ganz wenigen Tieren erlebt habe.

Still standen wir und warteten, bis sich das Tier wieder von uns entfernte. Aber nur wenige hundert Meter weiter trafen wir auf den nächsten Moschusochsen - und dieser war uns wohl nicht ganz so friedlich gesinnt. Starr blickte er in unsere Richtung und begann auch seinen Kopf zu schütteln - ein Verhalten, das - so haben wir nur wenige Stunden zuvor gelernt - einen möglichen bevorstehenden Angriff ankündigt.

Im Geiste hat wohl jeder wiederholt, was uns bei der Sicherheitseinweisung an Verhaltensregeln für eine solche Situation gesagt wurde. Kollege Richter hat das Gewehr von der Schulter genommen, um jederzeit schussbereit zu sein und langsam haben wir uns aus dem Blickfeld des Moschusochsen zurückgezogen. Nun war die Gefahr, die von diesem Tier ausging, gebannt - aber nun tauchte auch rechts von uns ein solches Tier auf - und erneut hat sich das unangenehme Spiel wiederholt. Immer wieder haben wir einen neuen Weg zu unseren geplanten Untersuchungsflächen gesucht - und ständig versperrte uns ein Moschusochse den Weg. Nach zwei Stunden vergeblichen Versuchens, durch die Herde zu kommen, haben wir unseren Plan zur Probennahme für diesen Tag abgebrochen und uns wieder zurück in die Station begeben. 

Wieder einmal hat uns die Natur die Grenzen bei ökologischer Feldarbeit gezeigt. Gute Ideen, hervorragende MitarbeiterInnen, beste Geräteausstattung und auch ausreichende Geldmittel können gegen die Limitierungen, die uns die Natur oft auferlegt, nichts machen.

Morgen Donnerstag werden wir uns einen neuen Weg - weit entfernt von der Moschusochsenherde - suchen. Da geht es dann durch reißende Bäche. Aber das ist hoffentlich eine andere Geschichte. 
Karl Reiter

Dienstag, 7. August 2007, Zackenberg
Tag 1

Andreas Richter schildert per E-Mail die Ankunft in Zackenberg und seine ersten Eindrücke:

Das kleine Flugzeug, in dem wir sitzen, eine in die Jahre gekommene Twin-Otter, zieht eine steile Kurve vorbei an einem der namenlosen Gipfel, bevor sie in einen steilen Landeanflug übergeht. Die Aussicht ist atemberaubend: vor uns das mit Eisbergen und Eisschollen fast gänzlich bedeckte Polarmeer und unter uns die steil aufragenden Berge Ostgrönlands.

Bei unserem Abflug in Nord-Island war das Wetter noch stark bewölkt, doch hier ist es strahlend schön. Das erste Mal seit einer Woche, wie wir später erfahren werden. Die arktische Landschaft hat uns in ihren Bann gezogen.
Seit Stunden sind wir über völlig unberührtes Land geflogen; keine Ansiedlung, keine Straßen oder andere Zeichen, dass sich Menschen hier aufhalten. Wir sind inmitten des größten Nationalparks der Welt, der fast ein Drittel Grönlands umfasst, etwa 1 Million km2.

Die Maschine setzt unsanft auf der Staubpiste auf und wir sind endlich angekommen, auf der dänischen Polarforschungsstation Zackenberg. Wir, das sind 6 österreichische WissenschafterInnen: Wolfgang Schöner und einer seiner Mitarbeiter von der ZAMG (Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik), Andreas Fritz, ein Mikrobiologe der Universität Innsbruck, und drei ÖkologInnen der Universität Wien, die Limnologin Michaela Panzenböck, der Vegetationsökologe Karl Reiter und ich selbst, ein Ökosystem-Ökologe.
Gemeinsam wollen wir in den nächsten Wochen die Grundlagen für ein längerfristiges Engagement Österreichs in der Arktis schaffen.

Die Station Zackenberg trägt nicht umsonst einen deutschen Namen. Die Gegend hier wurde erstmals im Rahmen der zweiten deutschen Nordpolexpedition 1869-1870 systematisch erforscht. Mit dabei war damals auch ein Österreicher, der später auch bei der Entdeckung des Franz-Josef-Landes eine entscheidende Rolle spielte: Julius Payer. Er war in der Expedition zuständig für die Landesaufnahme. Er taufte damals den lang gestreckten Fjord, an dem die Station liegt, auf den Namen "Tyroler Fjord". Nach ihm selbst ist das nur wenige Kilometer entfernte "Payer Land" benannt.

Heute sieht es hier jedoch ganz anders aus: Die dänische Forschungsstation ist eine Ansammlung aus zehn kleineren, blau gestrichenen Holzgebäuden, die für eine Polarstation erstaunlich komfortabel eingerichtet sind.
Im Haus Nummer 9 werden uns von Philip, dem Station Manager, Betten zugewiesen. Philip, der eigentlich Henric Philipsen heißt, ist ein Veteran der Station. Er ist seit Beginn dabei, verbringt also bereits seinen zehnten Sommer hier. Er ist für die Logistik und Sicherheit zuständig.
Morgen (Mittwoch) in der Früh wird er uns im Umgang mit Gewehren und Signalpistolen unterweisen, die hier alle mit sich führen müssen, wenn sie im Feld arbeiten. Begegnungen mit Eisbären oder anderen großen Tieren wie Moschusochsen sind zwar selten, aber höchst gefährlich, Vorsichtsmaßnahmen also unbedingt notwendig. Neben Philip sind hier noch weitere Personen permanent mit der Erhaltung der Station beschäftigt. Emil, der sanfte Grönländer, und die Köchin Irene zum Beispiel.
Dieser Aufwand schlägt sich aber nicht im Preis nieder, den wir bezahlen müssen. Der Grund dafür ist, dass der Betreiber der Station Zackenberg, das DPC (Danish Polar Centre), einen Teil der Kosten für alle Forscher hier übernimmt. Auch für ausländische Gäste, wie wir es sind. Die Internationalisierung der Forschung wird hier also wirklich ernst genommen.

Der Abend ist jetzt hereingebrochen und es ist empfindlich kalt geworden. Zwar geht die Sonne in dieser Jahreszeit nie unter, doch in der Nacht werden Temperaturen um den Gefrierpunkt erreicht. Morgen werden wir unser Untersuchungsgebiet erkunden, das Labor für unsere Arbeiten adaptieren und die notwendigen Messgeräte auspacken und zusammenbauen, damit wir möglichst schnell mit den Arbeiten beginnen können. In zwei bis drei Wochen wird hier der Winter beginnen. Es bleibt also nicht viel Zeit.
Andreas Richter

   

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