Bei Dr. Georg Spitaler vom Institut für Politikwissenschaft dreht sich nicht nur im Europameisterschafts-Jahr 2008 vieles um Fußball: Er hat sein privates Interesse für diesen Sport in den Mittelpunkt seiner Forschung gestellt. Wie sich zeigte, eine fruchtbare Synthese: In den letzen Jahren analysierte Georg Spitaler nicht nur Ideologien und Ökonomien des Sports aus kulturwissenschaftlicher Perspektive, sondern arbeitete im FWF-Projekt "Migration im österreichischen Fußball seit 1945" mit Mag. Barbara Liegl vom Verein ZARA (Zivilcourage und Anti-Rassismus-Arbeit) und Mitarbeiterin am Ludwig-Boltzmann-Institut für Menschenrechte unter anderem 60 Jahre österreichische Fußballgeschichte auf.
Neben zahlreichen wissenschaftlichen Publikationen ist der 35-Jährige außerdem Herausgeber des Fußballmagazins "ballesterer fm" und war Mitarbeiter des antirassistischen Fußballprojekts Fair Play.
Redaktion: Was bedeutet es, sich aus politikwissenschaftlicher Sicht mit Fußball zu beschäftigen - inwieweit ist Fußball politisch? Georg Spitaler: Fußball kann auf mehreren Ebenen politisch sein. Für Fans ist es ein Bereich, wo es sehr stark um Identifikation geht; also um die Konstruktion von "imaginären Gemeinschaften". Sowohl Marken als auch politische Parteien hätten gerne das, was es im Fußball gibt: Fans und eine sehr klare Markenbindung. Ein anderer Bereich umfasst zum Beispiel die Organisation so großer Ereignisse wie die Europameisterschaft. Fußball ist alleine schon deswegen ein politisches Thema, weil die öffentliche Hand beispielsweise viel Geld in teure Stadienbauten investiert und sich aus politikwissenschaftlicher Sicht die Frage stellt, was mit den investierten Geldern passiert: Wer profitiert davon, wird dieses Geld nachhaltig eingesetzt und könnte man es nicht woanders besser einsetzen?
Redaktion: In den letzten Tagen werden die Olympischen Spiele immer wieder in einem politischen Zusammenhang thematisiert. Werden die Verbindungen zwischen Politik und Sport stärker? Spitaler: Gerade in der Geschichte der Olympischen Spiele haben diese Verknüpfungen eine lange Tradition, zum Beispiel der Boykott der Spiele oder die Ausrichtung solcher Großereignisse im Sinne einer nationalen Selbstdarstellung. Eine generelle Verschränkung findet vielleicht insofern statt, als sich Unterhaltungskulturen und Politik in den letzten Jahren immer stärker verbinden, also eine gemeinsame mediale Bühne entstanden ist. Stilmittel aus der Unterhaltungskultur sind für Politikvermittlung tendenziell wichtiger geworden, und da gehört dann auch der Sport dazu.
Redaktion: Sie nähern sich dem Fußball an, indem sie ihn als Teil der Popularkultur sehen. Warum hat Fußball - in Österreich neben dem Schifahren - so einen hohen Stellenwert? Spitaler: Es gibt eine interessante Untersuchung, warum sich in den USA andere nationale Sportarten als in Europa durchsetzten. Sie kam zu dem Schluss, dass es so etwas wie nationale Sporträume gibt: Aus unterschiedlichen historischen Gründen besetzten bestimmte Sportarten einen Raum, indem sie Institutionen ausbildeten und ein breites Publikum ansprachen. Damit lässt sich erklären, wie sich Sportarten durchsetzen, aber nicht unbedingt, warum beispielsweise gerade Fußball. Das muss man sich in den einzelnen Ländern genauer ansehen.
Für Österreich ist interessant, dass die Fußball-Begeisterung Ausdruck einer Nationalisierung ist bzw. eine "Verösterreicherung" dieser Sportart erst nach 1945 stattfindet. Das hat sicher mit der komplizierten Nationskonstruktion in Österreich zu tun. Fußball erfüllte in Österreich schon in den 1930ern ansatzweise eine nationale Funktion - Stichwort "Österreichisches Wunderteam". In der Zwischenkriegszeit gab es einige Spiele, die sehr große Ereignisse im öffentlichen Raum waren. Außerdem war der Wiener Fußball damals hervorragend. Es ist also kein Zufall, dass in der nationalen Geschichtsschreibung nach 1945 genau auf diese Ereignisse wieder Bezug genommen wird.
Redaktion: Stichwort Raum, aber in einem anderen Zusammenhang. Ein Thema der Ringvorlesung ist Nationsbildung. Wie ist Ihre Einschätzung: Dient die EURO eher zur Bestätigung der nationalen Identifikationen oder auch der Herausbildung einer gesamteuropäischen Identität? Spitaler: Ein klares europäisches Bewusstsein hat zum Beispiel die Champions League. Im Vergleich zum Klubfußball ist die Europameisterschaft eher eine Bestätigung nationaler Identitäten. Dass einzelne Nationen bei der EM im Vordergrund stehen, sieht man auch in den Medien: Jedes Land hat eine eigene nationale Übertragung im Rundfunk, was sich auf die Auswahl der Spiele und die Kommentare auswirkt. Und auch wenn man als Zuschauer beispielsweise zu anderen TV-Sendern wechseln kann oder man sich nicht unbedingt mit der "eigenen" Nation identifizieren muss, denke ich, dass gerade auf der symbolischen Ebene das nationale Image im Vordergrund steht. Solche Ereignisse sind für die nationale Symbolproduktion und auch für den nationalen Imagegewinn der Austragungsländer sehr wichtig.
Redaktion: Dass Medien bei Sportereignissen zentral sind, spiegelt sich auch im Titel der heurigen Ringvorlesung wider: "Fußball als europäisches Spektakel"? Spitaler: Es gibt wenige Ereignisse, die so viele Menschen weltweit gleichzeitig verfolgen. Die Europameisterschaft ist eben eines der größten Medienereignisse überhaupt, sie ist ein irrsinniger Aufmerksamkeitsgenerator. Mit dem Spektakelbegriff ist die starke mediale Vermittlung eines Ereignisses verbunden und auch die Ausdrucksformen, die sich rundherum entwickeln, wie beispielsweise Fankulturen oder ausgelassenes Feiern.
Redaktion: In der von Ihnen mitorganisierten Tagung zu Migration im Fußball Mitte April stand unter anderem (Anti-)Rassismus am Programm. Wie sind hier die Entwicklungen der letzten Jahre? Spitaler: Es hat sich viel verändert, wobei man das länderspezifisch betrachten muss und die Entwicklungen auch von Klub zu Klub unterschiedlich sind. In Österreich gab es seit den 1990ern viele Initiativen von Fans. Das ist interessant, weil gerade Fans stereotyp oft als jene wahrgenommen werden, die Probleme machen. Neben den Fans gibt es NGOs, zum Beispiel die NGO Fairplay, die aktiv in der Anti-Rassismus-Arbeit im Fußball engagiert sind. Das wurde dann auch von einigen Vereinen, Ligen und Verbänden durchaus als symbolisches Ziel übernommen. Auf einer oberflächlichen Ebene hat sich also etwas getan, auch hinsichtlich der Ausdrucksweise in den Stadien. Offener und organisierter Rassismus, beispielsweise gegen afrikanische Spieler, ist deutlich weniger geworden.
Auf institutioneller Ebene oder im Amateurfußball sind die Veränderungen geringer. Obwohl die Spieler gerade im Amateurfußball zum großen Teil Leute mit Migrations-Hintergrund sind, werden nur wenige von diesen Funktionäre in Vereinen oder Verbänden. Hier gibt es gewisse Ausschlussmechanismen.
Redaktion: Das leitet gut zu meiner letzten Frage über: Was sind für Sie die spannendsten Ergebnisse Ihres FWF-Projekts zu Migration im Fußball? Spitaler: Die Länder, aus denen die "Gast-Spieler" nach 1945 kamen, decken sich in manchen Phasen sehr mit der generellen Zuwanderung nach Österreich. Eine Parallele ist, dass zeitgleich zur Gastarbeiter-Anwerbung im Fußball eine Anwerbung von Profis beginnt. Wie bei der Arbeitsmigration war Ex-Jugoslawien mit Abstand das wichtigste Land für ausländische Spieler.
Weiters verglichen wir Diskussionen im Fußball mit politischen Debatten. Prinzipiell waren die Sportseiten der Zeitungen ein Ort, wo sehr früh und teilweise heftig über Zuwanderung diskutiert wurde, beispielsweise ob die Beteiligung ausländischer Spieler gut oder schlecht sei. Gleichzeitig waren beliebte Migranten-Spieler sehr früh auch so etwas wie role models. Interessanterweise wurden diese Diskussionen im Fußball selber kaum als politisch wahrgenommen. Das änderte sich erst in den 1990er Jahren, als Parteien wie die FPÖ bewusst in solche Diskussionen eingriffen und nach der Liberalisierung der Spielermärkte unter anderem eine neuerliche Beschränkung ausländischer Spieler verlangten. Neu sind seit den 1990ern auf der anderen Seite aber auch Gegendiskurse, wie die Anti-Rassismus-Arbeit. (hh) |