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Institut für Germanistik
Reiseliteratur als Suche nach dem Fremden
Sommerserie, Reisen und Wissenschaft
Simone Kremsberger (Redaktion) am 11. August 2004

Die literarische Reisebeschreibung richtet ihren Blick ab dem 18. Jahrhundert nicht nur nach außen, sondern auch nach innen. Wo die Ferne kolonisiert und durch die Eisenbahn erreichbar geworden ist, beginnt man das Fremde auch in der Nähe zu suchen. Die Redaktion sprach mit der Germanistin Dr. Annegret Pelz über reale und imaginäre Reisen und über Touristen als Leser kultureller Zeichen.

Wer Reiseliteratur sagt, eröffnet ein weites Assoziationsfeld von den Erzählungen aus ?Tausendundeine Nacht? über Goethes ?Italienische Reise? bis hin zu Defoes ?Robinson Crusoe?. Reisen ist seit jeher ein beliebtes Thema in der Belletristik, sei es als Entdeckungs- oder Bildungsreise, Kavalierstour oder Orientreise. Das Fremde in der Nähe ?Einerseits gibt es fiktionale Realitätsdarstellungsmuster wie Robinsonaden oder utopische Entwürfe, andererseits die Darstellung einer realen Reise mit Referenzen auf den wirklichen Raum?, schildert Dr. Annegret Pelz, die sich mit dem Forschungsthema Reiseliteratur beschäftigt und im Sommersemester 2004 Gastprofessorin am Institut für Germanistik der Universität Wien war. Pelz beobachtet in der modernen Reisebeschreibung ab dem 18. Jahrhundert eine Verschiebung des Blicks. Mit der zunehmenden Erschließung weißer Flecken auf der Landkarte, der Kolonialisierung und der leichteren Erreichbarkeit entfernter Orte durch moderne Transportmittel entwickelt sich auf der Kehrseite des Reisens und der Grenzüberschreitung nach außen hin ein Blick für das Fremde in der Nähe. Interesse am Interieur ?Ein neuzeitliches Phänomen ist das aufkommende Interesse an Innenräumen?, so Pelz. So legt beispielsweise der französische Dichter Xavier de Maistre 1795 mit ?Voyage autour de ma chambre? (?Mein Zimmer eine kleine Welt?, 1797) ein Modell der Zimmerreise vor, und die Schriftstellerin Sophie von La Roche vollführt mit ?Mein Schreibetisch? (1799) eine Reise durch die eigene Bibliothek und die auf dem Schreibtisch angesammelten Korrespondenzen und Schriften. Im 19. Jahrhundert schrumpft mit dem legendären Orient-Express die Distanz zwischen Orient und Okzident. In der Folge wird das Interieur in der Heimat verfremdet - fernöstliche Elemente wie Orient-Teppiche tauchen als Souvenirs im eigenen Interieur auf. Die Autorin Luise Mühlbach, selbst Orientreisende, beschreibt um 1870 einen literarischen ?Spaziergang im Salon?: ?Ihr Blick wandert von einem Gegenstand zum nächsten, die Dinge in der Nähe wecken Erinnerungen an ferne Reisebegebnisse?, erläutert Pelz und ergänzt: ?Diese Form der imaginären Reise hat sehr viel mit Literatur zu tun.? Tourist als Leser kultureller Zeichen Mit den Möglichkeiten der ?Gehäusefahrt? wird das Reisen zur Massenbewegung. Selbst tugendhafte Bürgerinnen können - im Wagen oder später im Eisenbahnwaggon mit Kind und Hausstaat versammelt - reisen, ohne Grenzen zu überschreiten: ?In den Anfängen bewegen sich die reisenden Frauen mit ihrem Gehäuse, ohne mit ihrer bürgerlichen Rolle zu brechen?, stellt Pelz fest. Dem allmählichen Ausbruch und dem Aussteigen aus dem Gehäuse hat sich die Wissenschafterin in einem Buch über Reiseliteratur am Beispiel von Frauen wie Ida Pfeiffer, Lady Craven oder Lady Montagu gewidmet. Weil Frauen fahren und nicht gehen sollen, sind sie paradigmatische Touristinnen. Und an ihrem vermehrten Auftauchen in der industrialisierten Massenbewegung setzt die Tourismusschelte besonders gerne an. Gegen das Bild der passiv fahrenden Masse wird der Fußgänger gesetzt. Schon Jean-Jacques Rousseau lässt seinen Emile aus der Kutsche aussteigen, damit er zu Fuß gehe. Stefan Zweig fordert in dem Aufsatz ?Reisen oder gereist werden?? angesichts der Busladungen von TouristInnen im Paris des frühen 20. Jahrhunderts dazu auf, wenigstens ein kleines ?Geviert Abenteuer? für den Individualtourismus zu retten. Neuere Ansätze werten jedoch das Bild des ?Touristen? auf: Jonathan Culler beschreibt die Touristen 1988 als ?Leser kultureller Zeichen?. ?Beim Lesen wie auch beim Reisen geht es nicht länger darum, in einer jungfräulichen Welt etwas vollkommen Neues zu entdecken, sondern sich kundig in einer kulturell überschriebenen Welt zu bewegen?, führt Annegret Pelz an. Das ist eine touristische Haltung zwischen Lesen und Reisen, die auch Christoph Ransmayr in seinem neuen Buch ?Geständnissen eines Touristen? (2004) einnimmt. Wiederkehr des Raumes Nachdem das Ende des Raumes und des Reisens lange ein zentraler Topos der Reiseliteraturforschung gewesen ist, stellt Pelz gegenwärtig eine ?Wiederkehr des Raumes? fest: ?Seit 1989 gibt es ein neues Interesse am Raum. Die Geographie gerät in Bewegung und plötzlich gilt es in Ost und West neue nachbarschaftliche Beziehungen zu entdecken, die lange unzugänglich waren. Die Auseinandersetzung mit dem Fremden erhält neues Futter.? (sk) PD Dr. Annegret Pelz war im Studienjahr 2003/04 Gastprofessorin am Institut für Germanistik der Universität Wien. Literaturtipps: Annegret Pelz: Reisen durch die eigene Fremde. Reiseliteratur von Frauen als autogeographische Schriften. Köln/Weimar/Wien: Böhlau 1993 Literaturen Nr. 7-8/2004. Schwerpunkt ?Gute Reise. Neue Welten: Der Mythos vom Entdecken und Erobern?.    

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