Im Oktober geht es los. Es wird krachen, schillern und funken. Denn eines ist klar: Das Auftakt-Event zum Start des Initiativkolleg (IK) "Sinne, Technik, Inszenierung: Medien und Wahrnehmung" soll ein fulminanter Start sein. Das im Wintersemester 2007/08 startende Kolleg unter der Leitung von Ao. Univ.-Prof. Dr. Klemens Gruber vom Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft widmet sich drei großen Schwerpunkten.
Erstens der Transformation der Sinne - ausgehend von der These, dass sich Sinneswahrnehmungen über große historische Zeiträume hinweg verändern. Zweitens der Technik und den Künsten - also der Fragestellung, wann die Technik ästhetische Werte erzeugt. Drittens ist inszenierte Wahrnehmung hier nicht nur Titel - sondern auch Programm. "Eine Idee für das Opening Event ist, die glitzernde Raffinerie Schwechat in der Nacht zu bespielen", scherzte Prof. Gruber noch im Juni. Nun findet das Event am 16. Oktober 2007 in den ehrwürdigen Räumen der Wiener Hofburg statt. Am Programm steht ein Festvortrag von Andreas Huyssen der Columbia University, New York.
Strenge Fragen, vergnügte Antworten
Es ist ein heißer Juni-Tag; Prof. Gruber und IK-Fakultätsmitglied Univ.-Prof. Mag. Dr. Claus Pias vom Institut für Philosophie bereiten sich auf die Vorstellungungsgespräche mit den zukünftigen DoktorandInnen vor, die diesen Nachmittag stattfinden. Wie die Gespräche aussehen werden? "Strenge Fragen, vergnügte Antworten", meint Klemens Gruber. Aber im Ernst, es gehe darum, ein illustres Forschungsteam zusammenzustellen. "Wie bei der Planung einer Expedition suchen wir zehn Leute, mit denen wir etwas unternehmen wollen in der dünnen Luft der Abstraktion", so der Medienwissenschafter.
Auf zur Expedition
Insgesamt hatten sich rund 90 Leute beworben, zehn sind nun im Team. Essentieller Teil der Bewerbungsunterlagen waren Forschungsexposés der potentiellen Doktoratsstudierenden, die inhaltlich mit den Ausschreibungstexten übereinstimmen sollten. Mögliche Forschungsfelder für Dissertationen reichen von der "Entautomatisierung der Wahrnehmung in der Kunst" über "Entgrenzung der Visualisierung in Film" oder "Produktionslogiken, Genrekonventionen, Rezeptionsschemata" bis hin zu "kulturwissenschaftlichen Konzepten ästhetischer Wahrnehmung".
Beispiel Tarnen
"Ein Thema, das ich im Zusammenhang von Sinne, Technik und Inszenierung sehr spannend finde, ist Tarnung", sagt Prof. Pias. "Tarnung vor dem menschlichen Auge bedeutet, etwas in die Nichtwahrnehmbarkeit hineinzugestalten. Man kann das Thema von der Tarnung im Tierreich über den militärischen Bereich bis hin zu aktuellen medientechnischen Fragen verfolgen. Tarnung wird durch die moderne Technik ein Tarnen vor Geräten. Selbstmordattentäter schreiben Unsichtbarkeit in die Austast-Lücken von Sicherheitsdetektoren ein", beschreibt der Medienphilosoph, wie ein wissenschaftlicher Zugang zu der Thematik im Rahmen des IK aussehen könnte.
Beispiel Zappen oder die Veränderung der Welt
"Ein anderes Thema ist, wie aus technischen Erfindungen ästhetische Funktionen erwachsen", sagt Klemens Gruber. Ein Beispiel dafür sei die Fernbedienung. "Dieser Handschmeichler, der zunächst aus Gründen der Bequemlichkeit erfunden wurde, dient heute zweckentfremdet dem Wegblenden, dem Wegzappen, dem Beseitigen der Werbung", sagt der Medienwissenschafter und spinnt die Folgen dieser Technik weiter: "Die heutigen Generationen sind daran gewöhnt, nur mehr Ausschnitte von Sendungen zu sehen - das Gerät Fernbedienung hat die Fernsehdramaturgie und auch -ästhetik völlig verändert."
Auf das Zappingverhalten reagieren auch andere Ästhetik-Bereiche wie das Theater, so Gruber, etwa mit extremer Langsamkeit, um der Geschwindigkeit der Fernseh-Rezeption zu begegnen oder mit großer Raumtiefe, um die Oberfläche des Bildschirms zu kontrastieren. Für das Doktoratsprogramm erkennt IK-Leiter Gruber anhand dieses Beispiels: "Es gibt viele Interferenzen, Relationen und Einflüsse, denen nachzugehen im Rahmen des IK möglich ist und wo wir in den nächsten drei Jahren sicher Entdeckungen machen werden."
In fremden Terrains wildern
"Bei uns gibt es keine grenzpolizeiliche Befangenheit der einzelnen Disziplinen, keine Schrebergartenmentalität", erklärt Prof. Gruber, "und die vielfältigen Bewerbungen haben die Prämissen unseres Unternehmens - in fremden Terrains zu wildern und Transfers zu betreiben - sehr beflügelt." Das Ziel von Klemens Gruber und seinem Team ist es, ein Triebwerk an der Universität Wien einzubauen, "das intern Schwung bringt und nach außen strahlt". (hh)
Das IK "Sinne, Technik, Inszenierung: Medien und Wahrnehmung" startet am 1. Oktober 2007 und ist eine Zusammenarbeit der Philologisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät mit der Historisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät, der Fakultät für Philosophie und Bildungswissenschaft und der Fakultät für Sozialwissenschaften. Die IK-Mitglieder sind Univ.-Prof. Dr. Frank Stern vom Institut für Zeitgeschichte, der die zeitgeschichtliche Dimension und damit verbundene Gedächtniskulturen einbringt, und Ao. Univ.-Prof. Dr. Monika Meister vom Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft, deren Spezialität die ästhetischen Traditionen sind. Univ.-Prof. Dr. Thomas A. Bauer vom Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft beschäftigt sich mit gesellschaftspolitischen Fragen der Medien und Wahrnehmungstransfers auf internationaler Ebene. Univ.-Prof. Mag. Dr. Claus Pias vom Institut für Philosophie betreibt Medienphilosophie mit einem Schwerpunkt auf Technikgeschichte und IK-Sprecher Ao. Univ.-Prof. Dr. Klemens Gruber widmet sich der Frage des Verhältnisses der Mediengeschichte zu den Künsten. |