"Notwendige Verschränkungen: Postcolonial Queer. Postkoloniale Theorien und Queertheorien im Dialog mit deutschsprachiger Literatur. Zu den Wechselwirkungen theoretischer Erkenntnisse und literarischer Erkundungen": So lautet der Titel des aktuellen FWF-Projekts der Elise-Richter-Stelleninhaberin Anna Babka. Im Rahmen des Projekts fand im Sommersemester 2009 die Lehrveranstaltung "Im Dazwischen schreiben" am Institut für Germanistik statt. Gemeinsam mit den Studierenden und ihrer Mitarbeiterin Julia Malle arbeitete die Germanistin dabei mit literarischen Texten von AutorInnen, die in den Räumen des "Dazwischen" leben und schreiben.
Im Dialog mit den AutorInnen
"Wir verstehen literarische Texte als Medien, die kulturelle Identitäten diskursiv konstruieren. Das heißt, dass die Texte aktiv an der Hervorbringung von Identität und Alterität partizipieren. Die Frage der Erinnerung spielt dabei eine große Rolle", erklärt Anna Babka. In der wissenschaftlichen Analyse im Seminar lag ein Fokus auf der Repräsentation literarischer Figuren in der Fremde bzw. der Konstruktion von Fremdheit und Alterität in den Texten an sich - also welche Bilder des/der "Anderen" und welche Stereotype werden wie in den Texten reproduziert und festgeschrieben.
Zugleich stellte sich die Frage der Verortung und Verortbarkeit der AutorInnen selbst. Damit ist ein weiterer Schwerpunkt des Seminars angesprochen: der Dialog mit den Autorinnen und Autoren: "Wir haben Lesungen besucht oder die SchriftstellerInnen zu uns an die Universität eingeladen." Eine produktive Auseinandersetzung, die für beide Seiten erhellend und spannend war. Die Herkunftsländer der behandelten AutorInnen reichten von Russland über die Ukraine und Bulgarien. Daneben wurden auch Texte von türkischen, südosteuropäischen, österreichischen, koreanischen und tuwinischen - turksprachige Minderheit in der Mongolei - AutorInnen beleuchtet.
Das produktive "Dazwischen"
Gemeinsam mit den Studierenden nahmen die Wissenschafterinnen sowohl ältere - Ende des 19. Jahrhunderts - als auch zeitgenössische Texte anhand postkolonialer und erinnerungstheoretischer Ansätze unter die Lupe und machten Ambivalenzen sichtbar: Es existieren Stereotype, die die sich häufen und andere, die durchbrochen werden. "Das Bunte und kulturell durchmischte Durcheinander des 'Ostens' ist ein Stereotyp, das mir öfters begegnet ist", so Julia Malle. Zum Beispiel beschrieb der galizische Schriftsteller Karl Emil Franzos die Bevölkerung von "Halb-Asien" im Jahr 1877 als bunt, lebenslustig und trinkfreudig - und diese Stereotype haben sich zum Teil bis heute gehalten. "Doch wir wollten nicht Stereotype erkennen und verwerfen, sondern die Mechanismen der Stereotype analysieren und innere Widersprüchlichkeiten aufzeigen."
Ein Merkmal der osteuropäischen Literatur im "Dazwischen" liegt in der spezifischen Konstruktion von Erinnerung: "Hier wird oft an etwas erinnert, das es gar nicht mehr gibt", so Malle weiter. Die junge Germanistin begründet die daraus entstehenden mythischen Bilder mit der Tatsache, dass viele der AutorInnen schon emigriert waren, als sie zu schreiben begannen.
"Diaspora-Kulturen weisen ganz andere strukturelle Grundlagen auf, um Identitäten herauszubilden", erklärt Anna Babka. Sie erinnert sich, dass der in Österreich lebende Schriftsteller Semier Insayif - keineswegs im romantisierenden Gestus - in einem Interview betonte, dass er sich nur in dieser ‚Zwischenwelt’ entfalten könne: "Er bezeichnet sich weder als Österreicher noch als Iraker und macht das 'Dazwischen' für sich produktiv."
Öffnung der Räume
Anna Babka und Julia Malle wollen durch ihre Forschung die Dichotomie zwischen Ost und West aufbrechen: Nicht die Unterschiede sollen festgemacht, sondern vielmehr die Räume dazwischen geöffnet und produktiv gemacht werden. Denn, so fragen sie sich, wer bestimmt, was zur osteuropäischen und was zur westeuropäischen Literatur gehört? So wird Joseph Roth als österreichischer Schriftsteller bezeichnet, obwohl er in Galizien geboren wurde: "Wenn es darum geht, einen Schriftsteller einer bestimmten Nationalität zuzuordnen, stehen oft politische Interessen dahinter", so Babka.
Literatur und Identität
Am Beispiel des tuwinischen Autors Galsan Tschinag, der die Subjektivität der Geschichte in seinen literarischen Texten beleuchtet, verweist Julia Malle auf die - anhand von Literatur - konstruierte Wirklichkeit: "Tschinag zeigt, wie wichtig literarische Texte für außerliterarische Zusammenhänge und die Herausbildung von Identitäten sind".
Das macht es für die beiden Wissenschafterinnen spannend, Texte theoriegeleitet zu betrachten: "Im Gegensatz zu den älteren Texten, fließt bei der zeitgenössischen Literatur ein bestimmtes theoretisches Wissen - bewusst oder unbewusst - mit ein, das die aktuellen Identitätsdebatten widerspiegelt", erklärt Anna Babka und wünscht sich, dass nicht mehr vom "Anderen" oder "Fremden" gesprochen wird, sondern die produktiven Räume im "Dazwischen" Anerkennung finden: "Indem wir versuchen, die starren Oppositionen zwischen Ost und West bzw. zwischen Christentum und Islam zu hinterfragen bzw. indem wir ihr Funktionieren offenlegen, wollen wir, im weitesten Sinne, auch zur Bewusstseinsbildung in der Gesellschaft beitragen", so Babka. (ps)
Mag. Dr. Anna Babka war die Leiterin des Seminars "Im Dazwischen schreiben - Identität, Alterität und die Konstruktion von Erinnerung in osteuropäischen und anderen Literaturen" das sie im Rahmen des FWF-Projekts "Notwendige Verschränkungen: Postcolonial Queer. Postkoloniale Theorien und Queertheorien im Dialog mit deutschsprachiger Literatur" im Sommersemester 2009 hielt. Julia Malle ist Projektmitarbeiterin. Anna Babka kooperiert mit dem Initiativkolleg "Kulturen der Differez, der Forschungs- und Publikationsplattform Kakanien revisited" und ist eng an das Forschungsprojekt "Geschlechterrollen und Genderforschung in Österreich und Rumänien. Eine kontrastive Untersuchung literarischer und medialer Quellen"(Susanne Hochreiter) angebunden.
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