1. Einleitung
Mose ist die zentrale Gestalt des Alten Testaments. Das ist sowohl auf jüdischer wie auf christlicher Seite unbestritten. So gehört es zu den Aufgaben der alttestamentlichen Wissenschaft, der Frage nachzugehen, wer dieser Mose war. Noch in den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts hielt der französische Alttestamentler Henri Cazelles Mose für eine historische Gestalt, die mehr oder weniger dem entspricht, was von ihr in den Texten des Alten Testaments erzählt wird.
Diesbezüglich hat sich in den zurückliegenden fünfzig Jahren das Blatt vollständig gewendet. "Unser Wissen in Sachen Mose" ist "immer mehr zu einem Nichtwissen geworden", schreibt Rudolf Smend. Als historische Gestalt verschwindet Mose im Dunkel der Geschichte. Rudolf Smend rechnet zwar noch damit, dass Mose eine historische Gestalt war, kann diesem aber "angesichts der ungünstigen biblischen und außerbiblischen Quellenlage" (E. Zenger) lediglich drei Motive der biblischen Überlieferung zurechnen: Seinen ägyptischen Namen, seine familiären Verbindungen mit Midian und seine Führungsrolle beim Auszug aus Ägypten. "Viel mehr traue ich mich gegenwärtig nicht zu sagen", schreibt Rudolf Smend. So wird man Christian Gertz zustimmen, wenn er schreibt, dass "sich den biblischen Überlieferungen historische Informationen über Mose nur in sehr eingeschränktem Umfang und nur auf indirekte Weise entnehmen" lassen. Das ist in der alttestamentlichen Wissenschaft weitgehend Konsens. Ihn setze ich im Folgenden zunächst einmal voraus; gegen Ende meines Vortrags werde ich noch einmal darauf zurückkommen.
So verstehe ich die Frage nach Mose im Folgenden nicht als Frage nach einer hinter den Texten stehenden und möglicherweise zu rekonstruierenden historischen Gestalt, sondern als Frage nach jener Gestalt, die in den Texten zur Sprache kommt. Die in den biblischen Texten zur Sprache kommende Gestalt soll im Folgenden erschlossen werden, und zwar unter dem Gesichtspunkt der ihr zuteil gewordenen Theophanien.
Lesen Sie hier die gesamte Antrittsvorlesung (PDF) von Univ.-Prof. Dipl.-Theol. Dr. Ludger Schwienhorst-Schönberger, Bakk., die er am 9. Jänner 2008 im Kleinen Festsaal der Universität Wien gehalten hat. |