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Selbstständig und eigenverantwortlich, aber immer am Sprung |
| Schöne neue Arbeitswelt, Forschungsprojekte |
| Heidrun Huber (Redaktion) am 16. Mai 2006 |
Ein Forschungsbericht über "Neue Selbstständige in Österreich" von der L&R Sozialforschung und dem Institut für Staatswissenschaft stellt erstmals die Struktur dieser Erwerbsverhältnisse und die sozialen und materiellen Konsequenzen auf Seiten der Beschäftigten dar. |
"Machen Sie sich selbstständig! Start Up!", titelt das Arbeitsmarktservice im Rahmen des Unternehmensgründungsprogramms, wo aus Arbeitslosen Unternehmer werden sollen. Rund 12.000 wagen in Österreich jährlich den Schritt in die Selbstständigkeit. Manche sind so genannte "Neue Selbstständige". Ob als Ich-AG, Neue/r Selbstständige/r oder WerkvertragsnehmerIn ? es handelt sich immer um ein atypisches Beschäftigungsverhältnis. Der/Die Neue Selbstständige ? ein paar Zahlen Der/Die Neue Selbstständige ist ein heterogenes Wesen, aber überwiegend ein 'er'. Die vorliegende Studie im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Arbeit zeigt, dass der Anteil der Männer überwiegt, die geschlechtsspezifischen Unterschiede aber geringer werden und auch bezüglich der Berufsgruppen variieren. Bei den Berufsgruppen dominieren Lehr- und Kulturberufe mit 38,9 Prozent, gefolgt von Gesundheitsberufen (17,6 Prozent) und technischen Berufen (11,6 Prozent). Die Neuen Selbstständigen weisen ein deutlich überdurchschnittliches Bildungsniveau auf. Ein Drittel arbeitet von zu Hause aus. Wenig Scheinselbstständigkeit Eines der überraschendsten Ergebnisse des Forschungsberichts: Die landläufige Annahme, dass es sich bei Neuer Selbstständigkeit um Scheinselbstständigkeit handelt ? also der/die ArbeitnehmerIn in Wirklichkeit in einem Abhängigkeitsverhältnis wie unselbstständig Beschäftigte steht ? kann nicht bestätigt werden. Mehr als 65 Prozent der Befragten konnten mehr als eineN AuftraggeberIn vorweisen. JedeR Dritte mehr als fünf. Bei 35 Prozent kann eine Nähe zur Scheinselbstständigkeit nicht ausgeschlossen werden, dies tritt gehäuft im Handel und Verkehr sowie in Büroberufen auf. JedeR Vierte wünscht sich alternative Beschäftigungsform Ein weiteres überraschendes Ergebnis: Fast drei Viertel sehen den Status als Neue Selbstständige nicht als Übergang zu einer anderen gewünschten Erwerbstätigkeit. "Nach dieser Untersuchung fällt die Selbsteinschätzung der Situation durch die Neuen Selbstständigen positiver aus, als es bei anderen atypischen Beschäftigungsformen wie freien DienstnehmerInnen, geringfügig Beschäftigten oder vor allem LeiharbeiterInnen der Fall ist. Aber das heißt nicht, dass mit dieser Beschäftigungsform neben Vorteilen, die es natürlich gibt, nicht auch beträchtliche Nachteile verbunden sind", hält Univ.-Prof. Dr. Emmerich Tálos vom Institut für Staatswissenschaft, der an der Studie mitgearbeitet hat, fest. Vorteile und Nachteile Ein beträchtlicher Nachteil ist die fehlende Kontinuität. Sie wird von 37,7 Prozent der Betroffenen an erster Stelle genannt. Auch die ökonomische Situation empfindet rund ein Viertel (27,5 Prozent) als problematisch. Als positiven Aspekt führen 53,1 Prozent die freie Zeit- und Termineinteilung, gefolgt von Selbstbestimmtheit und Eigenständigkeit an. Wie freiwillig ist freiwillig? "Selbst aus der Sicht der Betroffenen halten sich Vor- und Nachteile die Waage, man kann keine eindeutige Aussage treffen, ob Chancen oder Probleme, die sich aus dieser Beschäftigungsform ergeben, überwiegen", erklärt Tálos. Wer vor der Wahl steht, kann persönliche Vor- und Nachteile abwägen. Die Frage ist, ob die Leute frei wählen können. "Wenn StudentInnen mit dem Studium fertig sind, können sie durchaus Ideen von wegen Eigenverantwortung, Selbstständigkeit und freie Zeiteinteilung haben, aber die Frage ist, ob diese Gründe ausschlaggebend sind, als NeueR SelbstständigeR tätig zu sein oder nicht vielmehr der Zwang, Arbeit anzunehmen, um den materiellen Unterhalt zu sichern", gibt der Wissenschafter zu bedenken. Ständige Weiterbildung und nie am Ziel Die Anforderungen, die sich für ArbeitnehmerInnen ergeben, wenn sie einem mobilen und flexiblen Arbeitsmarkt gegenüber stehen, sind genau jene: mobil, flexibel und bereit zur Weiterbildung zu sein. "Flexibel ? das sagt sich so leicht. Aber sich immer wieder beruflich verändern zu müssen, immer wieder neue Qualifikationen zu erwerben, sich immer wieder auf neue Situationen einzustellen ist eine enorme Anforderung", betont Tálos. Gerade im wissenschaftlichen Bereich können MitarbeiterInnen sich oft nicht aussuchen, in welchem Bereich sie arbeiten wollen, und zur fehlenden Kontinuität der Beschäftigung kommt auch die inhaltliche Diskontinuität. Auftrag erhalten, Risiko bleibt Dabei hat es bereits die fehlende Kontinuität der Beschäftigung in sich. "Die Risiken werden auf das Individuum übertragen. Wenn der Werkvertrag zu Ende ist, gibt es ein Loch für viele, und da kann der/die WerkvertragnehmerIn noch so gut gearbeitet haben", so der Politikwissenschafter. Diese Beschäftigungslücke wird nicht durch die Arbeitslosenversicherung gefüllt. Die Armutsquote von Neuen Selbstständigen ist im Vergleich zum Durchschnitt der Bevölkerung höher. Ein Sechstel muss mit einem Pro-Kopf-Einkommen von unter 800 Euro im Monat auskommen. Löcher stopfen Eine Möglichkeit, Risiken abzufedern, wären Werkverträge in einer Höhe, die beschäftigungslose Zeiten ausgleicht. "Die Situation am Markt ist aber eine andere", hält Tálos diesen Fall für eher unwahrscheinlich. "Grundlegend verweisen alle diese atypischen Beschäftigungsformen darauf, dass die bestehenden Systeme sozialer Sicherheit nicht ausreichen." Die gestiegene Individualisierung, die gestiegene Selbstverantwortung und Eigenständigkeit und das damit einhergehende Risiko bedürfe eines Ausgleichs in Hinblick auf soziale Absicherung. Ein Modell dafür: die bedarfsorientierte Grundsicherung, die Löcher in Erwerbsbiographien ausgleichen kann. (hh) Der Forschungsbericht "Neue Selbstständige in Österreich" (PDF) ist Teil einer Grundlagenstudie über atypische Beschäftigung, die Zeitarbeit in Österreich von 1993 bis 2004 und Neue Selbstständigkeit von 1998 bis 2004 umfasst. Er wurde von der L&R Sozialforschung in Kooperation mit dem Institut für Staatswissenschaft im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Arbeit erstellt. Die VerfasserInnen sind Marcel Fink, Emmerich Tálos (beide am Institut für Staatswissenschaft), Petra Wetzel und Andreas Riesenfelder (beide bei der L&R Sozialforschung). |

