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Institut für Sprachwissenschaft, Philologisch-Kulturwissenschaftliche Fakultät Homepage von Rudolf de Cillia Vorläufer-Projekt "Bilingualer Spracherwerb in der Migration. Psycholinguistische Langzeitstudie (1999-2003)" am Institut für Anglistik der Universität Graz
Selbstvertrauen beeinflusst Spracherwerb
Sprache/Kommunikation
Simone Kremsberger (Redaktion) am 13. Dezember 2005

Beim Spracherwerb von Kindern in der Migration spielt das Selbstvertrauen eine wichtige Rolle. In einem Projekt unter der Leitung des Sprachwissenschafters Rudolf de Cillia wurden HauptschülerInnen türkischer Herkunft in ihrer Muttersprache psychagogisch betreut, um ihr Selbstbewusstsein zu stärken.

Die schlechten Ergebnisse der PISA-Studie 2003 führten schnell zu Spekulationen, die hohe MigrantInnenzahl an Wiener Schulen seien für das Resultat verantwortlich; "Deutsch lernen statt nix verstehn", war im blauen Wiener Wahlkampf in der ganzen Stadt plakatiert. Angesichts solcher Vorurteile und Parolen ist es für Kinder mit nicht-deutscher Muttersprache schwierig, Selbstbewusstsein zu entwickeln. Untersuchung des Spracherwerbs in der Migration Doch Selbstvertrauen spielt eine bedeutende Rolle im Spracherwerbsprozess. Unter der Leitung von ao. Univ.-Prof. Mag. Dr. Rudolf de Cillia vom Institut für Sprachwissenschaft hat innerhalb des Forschungsprojekts "Spracherwerb in der Migration" die Psychagogin Reva Akkuş, eine Lehrerin mit einer tiefenpsychologisch-systemisch orientierten Ausbildung für emotionale und soziale Entwicklung, den Einfluss psychagogischer Betreuung von Kindern untersucht. Das einjährige Projekt ist die Fortsetzung der Langzeitstudie "Bilingualer Spracherwerb in der Migration", die unter Mitarbeit de Cillias am Institut für Anglistik der Universität Graz durchgeführt wurde. Über vier Jahre hinweg wurden Volksschulkinder mit (nicht-)deutscher Muttersprache begleitet, im vierten Jahr führte die Linguistin Mag. Katharina Brizić eine soziolinguistische Untersuchung durch. Sprachenpolitik des Herkunftslandes wirkt auf Spracherwerb "Die Ergebnisse waren auffällig", sagt Brizić. "Die aus der Türkei stammenden Kinder schnitten im Erst- und Zweitspracherwerb deutlich schlechter ab als Kinder aus Österreich und Ex-Jugoslawien." Ähnliche Daten kannte man bereits aus anderen linguistischen Studien ? die Gründe hatte man meist in Herkunftskultur und Familie gesucht. Katharina Brizić und Reva Akkuş forschten in Elterngesprächen auf Serbokroatisch und Türkisch nach. Dabei stellte sich heraus, dass ein Kind, das aus der Türkei kommt, keineswegs ? wie landläufig angenommen ? Türkisch als Muttersprache haben muss. Brizić: "Ein beachtlicher Teil der als türkischsprachig geltenden Kinder sind Kurden oder sprechen eine andere Minderheitensprache." Rund 60 davon gibt es in der Türkei ? und wurden ab 1924 verboten. Viele Menschen wurden zwangsassimiliert und erwarben nur rudimentäre Kenntnisse des Türkischen, die sie an ihre Kinder weitergaben; zusätzlich gingen Sprachreformen an der Landbevölkerung vorbei. Das führte zu einer schlechten "muttersprachlichen" Basis ? und zu geringem sprachlichen Selbstbewusstsein bereits bei den Großeltern und Eltern, das sich in der Migration verstärkte. "Der Schlüssel zu Spracherwerbsphänomenen liegt in der Sprachenpolitik", so de Cillia, "und darin, wie Eltern das sprachliche Kapital weitergeben." "Selbstvertrauen ist zentrale Variable" Für die Kinder ergibt sich eine doppelt schwierige Situation: Zu den Erschwernissen im Spracherwerb in Türkisch und in der Folge in Deutsch kommt ein geringes Vertrauen in das Prestige der Muttersprache. "Das Selbstvertrauen ist eine zentrale Variable", hält Prof. de Cillia fest. Diese These bildete den Ausgangspunkt für das Nachfolgeprojekt "Spracherwerb in der Migration", das in den ersten und zweiten Klassen von Wiener Hauptschulen durchgeführt wurde. Psychagogische Betreuung für Kinder aus der Türkei Vier Kinder türkischer Herkunft, die bereits in der vorausgegangenen Studie untersucht worden waren, schwache schulische Leistungen aufwiesen und Probleme mit ihrer sozialen Position in der Klassengemeinschaft hatten, wurden in Absprache mit Eltern und Lehrkörper für individuelle identitätsstärkende Förderung ausgewählt. Sechs weitere Kinder, die nicht betreut wurden, bildeten eine Vergleichsgruppe. Die Psychagogin Reva Akkuş arbeitete mit den Kindern einzeln und in Gruppen und führte Gespräche mit Eltern und Lehrern. Das Besondere daran war, dass die psychagogische Betreuung in der Muttersprache stattfand. "Es ging darum, die Muttersprache zu verwenden und das sprachliche Selbstvertrauen der Kinder zu stärken", fasst der Sprachwissenschafter zusammen. Stärkung der Muttersprache fördert Zweitsprache Mit Erfolg: Nach ein bis zwei Semestern hatten die Kinder ihre Leistungen in Türkisch und Deutsch im Vergleich zu vorher wie auch in Relation zu den unbetreuten SchülerInnen der Vergleichsgruppe deutlich verbessert. "Die Stärkung der muttersprachlichen, kulturellen und sozialen Identität führt zu höherem Selbstbewusstsein, die Verwendung der Muttersprache im Fachunterricht und im sozialen Gefüge wirkt sich auch positiv auf die Zweitsprache aus", so Rudolf de Cillia. Empfehlungen für die Praxis In der Praxis wäre dieses Modell der psychagogischen Betreuung auch als Gruppenvariante anwendbar, meint der Linguist. Außerdem wäre es notwendig, Mehrsprachigkeit auch außerhalb von Prestigesprachen wie Englisch oder Französisch als positiven Wert zu betrachten und muttersprachliche LehrerInnen verstärkt einzusetzen. Katharina Brizić betont, dass neben der Arbeit mit Kindern und Eltern die Fortbildung der LehrerInnen wichtig sei: "Sie haben als Berufsgruppe ein geringes Selbstbewusstsein, da ihre Arbeit von allen Seiten kritisiert wird. In Seminaren könnte man LehrerInnen vermitteln, was sie tun können, um das Selbstvertrauen der Kinder und Eltern zu stärken." (sk) Das Projekt "Spracherwerb in der Migration ? der Einfluss außersprachlicher Faktoren und von psychagogischer Betreuung bei türkischsprachigen Kindern" unter der Leitung von ao. Univ.-Prof. Mag. Dr. Rudolf de Cillia vom Institut für Sprachwissenschaft der Universität Wien wurde zwischen Februar 2004 und März 2005 durchgeführt und vom Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur gefördert.

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