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Setzt die Weisheit der Erkenntnis Grenzen? |
| Ethik und Biomedizin |
| Roland Dreger (Redaktion) am 22. Januar 2003 |
"Ich will, ein für alle Mal, vieles nicht wissen", schrieb der Philosoph Friedrich Nietzsche und setzte damit dem Willen zur Erkenntnis durch die Weisheit eine Grenze. Wäre es klüger, manche Fragen besser nicht zu stellen, etwa in der Gentechnik? Wem das Wissen um die Manipulation von Genen nützt und ob dieser Eingriff in die Natur von vornherein abzulehnen ist, dazu nimmt Univ.-Prof. Marianne Popp Stellung. Eine Betrachtung aus biologischem, ökologischem und humanitärem Blickwinkel. |
Anlässlich der in den letzten Wochen kursierenden Gerüchte um Klonversuche am Menschen, ist die Kontroverse um mögliche Gefahren durch den Eingriff in die Erbanlagen von Organismen wieder neu entflammt. Stand vor einiger Zeit der "Genmais" im Brennpunkt der Aufmerksamkeit, so sind es nun die Möglichkeiten, in das Erbgut und in den Entstehungsprozess des Menschen selbst einzugreifen. Dem Versprechen von verbesserten Therapiechancen durch technische Innovationen stehen erhebliche Missbrauchsmöglichkeiten gegenüber. Zunehmend wird auch die Frage gestellt, wer für etwaige negative Auswirkungen verantwortlich ist, die aus diesen neuen Techniken resultieren. Ist es die Wissenschaft, die diese Techniken anwendet, oder die Gesellschaft, die dies zulässt? DieUniversitaet.at hat dazu mit der Pflanzenökologin O. Univ.-Prof. Dr. Marianne Popp vom Institut für Ökologie und Naturschutz gesprochen. Sie gehört dem wissenschaftlichen Beirat der "Forschungsstelle für Ethik und Wissenschaft im Dialog" an und betreut von Seiten der Biologie das Philosophisch-biologische Seminar an der Universität Wien. Wer fürchtet sich vorm schwarzen Mann? Der Philosoph Karl Popper prägte den schwarzen Mann, der in einem schwarzen Raum einen schwarzen Zylinder sucht, als Metapher für die moderne Wissenschaft. Für Kritiker findet dieses Sinnbild die vollkommene Entsprechung in der heutigen Gentechnik. So ist die Entschlüsselung des menschlichen Genoms im vergangenen Jahr gefeiert worden, die Wechselwirkungen der Gene untereinander sind jedoch bislang weitgehend unbekannt. Genmanipulationen werden, so scheint es, nach wie vor vielfach nach dem Prinzip "trial und error" vorgenommen. Marianne Popp relativiert jedoch diese Kritik etwas: "Natürlich wissen wir heute bei vielen DNA-Bereichen noch nicht, wofür diese vorhanden sind. Solange ich jedoch in einem Genom nur ein Gen verändere, erscheint mir dies nicht gefährlicher, als die Durchmischung zweier kompletter Genome, wie dies bei herkömmlichen Züchtungsmethoden üblich ist." Von "guter" und "böser" Gentechnik Neben Klonversuchen am Menschen existieren durchaus auch Einsatzmöglichkeiten für die Gentechnik, bei denen der Menschheit ein humanitärer oder ökologischer Nutzen erwachsen könnte. Die Herstellung von Stickstoffdünger für unsere Landwirtschaft, zum Beispiel, erfordert jährlich einen immens hohen Einsatz an fossilen Brennstoffen. "Gelänge es, unseren Kulturgräsern per Gentechnologie beizubringen, diesen Stickstoff direkt aus der Luft umzuwandeln und aufzunehmen, so wie es Bohnen und Erbsen mithilfe von Bakterien an ihren Wurzeln gelingt, würde dies eine wesentliche Reduktion des weltweiten Erdölverbrauches zur Folge haben", so Popp. Als ein weiteres Beispiel führt Popp die gentechnische Veränderung von Reis mit einem Gen an, welches für die gelbe Farbe im Märzenbecher verantwortlichen ist und das Carotin in das Reiskorn einbringt. Viele Augenkrankheiten, die mit Vitamin-A-Mangel in Verbindung stehen, wären in den Entwicklungsländern dadurch zu verhindern. "Es kann keine endgültigen Antworten darauf geben, was man darf und was nicht. Im Endeffekt liegt es in der Verantwortlichkeit jedes einzelnen Wissenschaftlers", ist Popp überzeugt. Das Dilemma der Biologie Sind die möglichen negativen Auswirkungen aber Legitimation genug, um "den Zellkern gänzlich unangetastet zu lassen", wie es der erst kürzlich verstorbene Biochemiker und Wissenschaftskritiker Erwin Chargaff vehement forderte? Im Gegenzug müsste man sich die Frage stellen, ob es denn nicht ebenso ethisch bedenklich wäre, nicht nach verbesserten Therapiemöglichkeiten für Krankheiten, wie etwa Krebs, zu suchen. "Ich kann Forschung nicht einschränken", erklärt Popp dazu, "aber genauso wie wir unsere Wissenschaft weiterentwickeln, müssen wir uns auch in unserem ethisch-moralischen Verhalten weiterentwickeln." Selbstkritisch meint Popp, dass uns vielleicht einmal die folgende Generation vorwerfen wird, wir hätten zu zu vielen Ansätzen in der Gentechnik ja gesagt. Ihrer Ansicht nach gibt es aber für die Gentechnik kein prinzipielles Ja und kein prinzipielles Nein, es kommt immer auf die Fragestellung an. Wer trägt die Verantwortung? Gerade wenn man heute in der Genetik oder in der Mikrobiologie arbeitet, ist es wichtig, dass man sich auch mit der Verantwortung, die man damit übernimmt, auseinandersetzt, ist Popp überzeugt: "Dazu braucht man jedoch gewisse Werkzeuge, dass kann die fachliche Ausbildung allein nicht leisten." Nicht von ungefähr kommen bei der Diskussion um die Ethik in den Naturwissenschaften immer wieder PhilosophInnen zu Wort. Viele sehen gerade in der immer stärkeren Trennung zwischen Natur- und Geisteswissenschaften ein großes Problem und dadurch die Ethik immer mehr aus dem Bewusstsein der NaturwissenschafterInnen verdrängt. Stundenkürzungen, fehlende Geldmittel an den Universitäten und die fortschreitende Spezialisierung in der modernen Naturwissenschaft lassen jedoch kaum noch Platz für Ethikunterricht und philosophische Bildung, wie sie noch die WissenschafterInnen früheren Generationen auszeichnete. Popp dazu: "Das ist das, was die echte universitas ausgemacht hat, nämlich die universitas litterarum, die universitas der Wissenschaften. Heutzutage wird sie anscheinend nur mehr als eine universitas der Lehrenden und Lernenden verstanden." Der Zustrom zum Philosophisch-biologischen Seminar zeigt laut Popp jedoch, dass von Seiten der Studierenden sehr wohl Interesse daran besteht. (ro) Links: Univ.-Prof. Dr. Marianne Popp Institut für Ökologie und Naturschutz Forschungsstelle für Ethik und Wissenschaft im Dialog |
