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Die evangelische Theologin Susanne Heine ...


... veröffentlichte ein Buch zur Religionspsychologie.


Sigmund Freud und die Religion
Wissenschaft, 150. Geburtstag Freuds
Gastbeitrag von Susanne Heine am 21. April 2006

Freuds Einstellung zur Religion ist ambivalent: Religionskritisch sieht er die Religion als Zwangsneurose und Wunschfantasie. Er billigt aber der Religion auch einen Beitrag zum Triebverzicht zu, der für die Entwicklung einer höheren Geistigkeit notwendig ist. Aus dem kulturellen Ambiente des Judentums herkommend, weist Freuds Theorie deutlich biblische Züge auf.

Im Jahre 1907 gründete der deutsche evangelische Theologe Gustav Vorbroth die "Zeitschrift für Religionspsychologie". Als Gegner jeder Dogmatik wollte er mit psychologischen Mitteln Formen gelebter Religiosität erfassen und ein gesundes Glaubensleben von einem krankmachenden unterscheiden - ein bis heute aktuelles Thema in der Mental-Health-Forschung. Er gewann Sigmund Freud als Autor für den ersten Beitrag des ersten Heftes.

Religion als Zwangsneurose

"Zwangshandlungen und Religionsübungen" nannte Freud seinen Artikel, in dem er sich das erste Mal zum Thema Religion äußerte. Er bezeichnete "die Neurose als eine individuelle Religiosität, die Religion als eine universelle Zwangsneurose". Damit war das Bild vom harschen Religionskritiker Freud geprägt. Kein Zweifel, dass er das war, aber es gibt noch eine andere Seite an ihm. Schon damals schrieb er, Religion habe Anteil an der menschlichen Kulturentwicklung, da sie den Verzicht besonders auf "eigensüchtige sozialschädliche Triebe" fordere.

Zwischen Leidenschaften und Kulturprozess

In "Die Zukunft einer Illusion" räsoniert Freud über die Tatsache, dass selbst Kulturmenschen, die vor Mord oder Inzest zurückschrecken, habgierig und aggressiv sind, ihre sexuellen Gelüste ausleben, andere durch Lüge, Betrug und Verleumdung schädigen. Denn der Mensch stehe einerseits unter dem Druck seiner Leidenschaften - das biologische Argument - könne aber andererseits nicht in der Vereinzelung leben - das soziale Argument; deshalb muss der Prozess der Kulturentwicklung Verbote auferlegen. In Freuds Anthropologie hat das relativ schwache Ich die mühsame Aufgabe, Triebansprüche und Bedürfnisse mit den Anforderungen der Außenwelt und deren moralischen Normen in Balance zu halten.

Denkverbote durch Religion

So ist das Leben schwer zu ertragen, und Freud zeigt Verständnis für die Suche des Menschen nach Trost und Linderungsmitteln; dazu zählt er die Religion, die als Erfüllung der ältesten und stärksten Wünsche der Menschheit nach Fürsorge und Schutz durch eine mythologisierte Vatergestalt psychisch besonders wirksam sei: Religion als Illusion. Freuds Hauptargument gegen die Religion ist jedoch nicht, dass sie Verbote gegen das Ausleben der Bedürfnisse aufstellt, sondern dass sie dies übertreibt und den berechtigten Widerstand mit Denkverboten beantwortet. Wer sich Denkverboten unterwirft, kann keinesfalls "das psychologische Ideal, den Primat der Intelligenz" erreichen.

Religion und Triebverzicht

Freud hat sich nicht mit wissenschaftlicher Theologie, im römisch-katholischen Österreich schon gar nicht mit protestantischer Theologie befasst, die sich seit Ende des 18. Jahrhunderts gegen Denkverbote erfolgreich zur Wehr setzte. Seine Kenntnisse über Religion bezog er aus der unmittelbaren Erfahrung mit seinem Judentum, zu dem er sich, auch als durchaus Ungläubiger, bekannte. In seiner Selbstdarstellung schreibt er 1935: "Frühzeitige Vertiefung in die biblische Geschichte, kaum daß ich die Kunst des Lesens erlernt hatte, hat, wie ich viel später erkannte, die Richtung meines Interesses nachhaltig bestimmt." Sein letztes Werk "Der Mann Moses und die monotheistische Religion", 1939 erschienen, würdigt das Judentum, weil es durch seine strengen Gebote den Triebverzicht und mit seinem unsichtbaren, "entmaterialisierten" Gott den "Triumph der Geistigkeit über die Sinnlichkeit" brachte.

Prämissen mit biblischer Färbung

Keine Wissenschaft kommt ohne Prämissen aus, und auch Freud erkannte, dass er von "gewissen abstrakten Ideen" ausgeht, die sich nicht allein aus der Erfahrung gewinnen lassen. Seine Prämissen haben eine biblische Färbung. In der Gegenüberstellung von Trieb und Intellekt bildet sich das Menschenbild der Genesis ab, in deren Ursprungsmythos vom "Sündenfall" die Spannung von Bewusstsein und Animalität, von Erkennen und Scham die conditio humana ausmacht. Dazu kommt für Freuds Theoriebildung die für das Judentum konstitutive Kategorie des Erinnerns. Wie sich die Juden jährlich am Pessach-Fest an die Rettung des Volkes aus Ägypten erinnern, an den Weg aus der Schmach der Versklavung in die Freiheit, so muss sich auch die menschliche Seele an ihre früh erlittene Schmach erinnern, um von versklavenden Verdrängungen frei zu werden.

Die "Zeitschrift für Religionspsychologie" wurde übrigens von Karl Beth, Systematischer Theologe an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien, seit 1928 weitergeführt. 1938 wurde Beth wegen seiner jüdischen Frau Marianne, der ersten promovierten Juristin an der Universität Wien, seines Amtes enthoben. Ihm gelang die Flucht in die USA, wo er in Chicago bis 1945 Religionsphilosophie und Religionspsychologie lehrte.


Susanne Heine ist Professorin für Praktische Theologie und Religionspsychologie an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien.

Lesen Sie hier den ausführlichen Artikel von Susanne Heine: "Erkennen und Scham. Sigmund Freuds biblisches Menschenbild", in: Wiener Jahrbuch für Theologie, hg. von der Evangelisch-Theologische Fakultät der Universität Wien 2006 (PDF).

Literaturtipp:
Susanne Heine, Grundlagen der Religionspsychologie. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2005. UTB 2528, 442 Seiten, Euro: 19,90.

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