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Sprechen Sie Gebärdensprache? |
| Behinderung/Integration |
| Daniela Schuster (Redaktion) am 7. April 2003 |
50 ausgebildete und 30 ungeprüfte GebärdensprachdolmetscherInnen stehen in Österreich rund 10.000 Gehörlosen zur Verfügung. Viel zu wenige. Am Sprachenzentrum der Universität Wien werden seit dem letzten Semester Kurse für Österreichische Gebärdensprache (ÖGS) angeboten. |
In Österreich kommen auf eine/n GebärdensprachdolmetscherIn 133 gehörlose Menschen. Wenn man bedenkt, dass höchstens 30 Prozent des Gesprochenen durch Lippenlesen verstanden werden kann, also Lippenlesen keine Alternative zu einer Vermittlung durch DolmetscherInnen ist, wird deutlich, dass die Situation alles andere als befriedigend ist. Nach Auskunft des Österreichischen Gehörlosenbundes (ÖGLB) bildet in Österreich bislang nur das Institut für Translationswissenschaft an der Universität Graz ÖGS-DolmetscherInnen aus. An der Universität Wien will man diese Lücke zwischen Angebot und Nachfrage jetzt schließen. Am Sprachenzentrum werden seit dem Wintersemester 2002 ÖGS-Kurse veranstaltet. Über den Aufbau einer Ausbildung zum/r DolmetscherIn beziehungsweise ÖGS-LehrerIn wird nachgedacht. Viersemestriger Kursaufbau Das Unterrichtskonzept hat das Sprachenzentrum gemeinsam mit ÖGS-Lehrer Günter Roiss entwickelt, der selbst gehörlos ist. Der Kompakt-Kurs besteht aus 42 Einheiten à 45 Minuten pro Semester. "Zunächst wird die Besonderheit der Sprache kurz erklärt, die Möglichkeiten des Ausdrucks und die verschiedenen Handstellungen und Bedeutungen von Nuancen. Man beginnt mit einfachen Worten und dem Fingeralphabet und mit Übungen zur nonverbalen Kommunikation. Daneben werden visuelle Medien eingesetzt, um andere Gehörlose und sich selbst beim Gebärden zu beobachten", erklärt Roiss. Der ÖGS-Kurs am Sprachenzentrum dauert vier Semester. Danach kann eine Spezialisierung im Bereich Dolmetschen oder Unterrichten erfolgen. "In welcher Form wir das anbieten werden, steht noch nicht fest. Wir sehen uns zu gegebener Zeit den Aufbau des Angebots an der Uni Graz an", erklärt Dr. Irene Schmölz, Koordinatorin des Sprachenzentrums. Für die vollständige Ausbildung zum/r DolmetscherIn sind nach Roiss ungefähr fünf Jahre notwendig. Starke Nachfrage Die Nachfrage für die ÖGS-Kurse ist groß. "Die jeweils zwei öffentlichen Kurse auf Anfänger I- und Anfänger II-Niveau waren auch in diesem Semester wieder nach kurzer Zeit ausgebucht", berichtet Schmölz. Die TeilnehmerInnen besuchen die Kurse zum einen aus privater Betroffenheit, zum anderen aus beruflichen Gründen. "Viele arbeiten im medizinischen Bereich oder in der Pflege, wo die ÖGS die Verständigung mit gehörlosen oder schwerhörigen Patienten erleichtern kann", erklärt Schmölz. Auch begreifen viele Studierende die ÖGS als Zusatzqualifikation. Mag. Helene Jarmer, Präsidentin des ÖGLB, hat noch eine andere Erklärung: "Die ÖGS ist so faszinierend wie jede andere Fremdsprache. Zusätzlich ist sie ausdrucksstark, kommuniziert kompakt und ganz anders als lineare Lautsprachen unter Einbeziehung der dritten Dimension, des visuellen Modus, simultan kann man mehrere Wörter ausdrücken." Rechtlicher Status Mit der Aufnahme der ÖGS in sein Angebot setzt das Sprachenzentrum auch ein sprachenpolitisches Signal. "Es geht um die Anerkennung der ÖGS und um die Anerkennung der Gehörlosen als sprachliche Minderheit durch die Länderparlamente, gemäß dem einstimmigen Beschluss des Europäischen Parlaments von 1988", argumentiert Schmölz. Dieses Signal hat (bildungs)politische Bedeutung. "Ziel ist, gehörlosen Menschen das Recht zu sichern, in ihrer Erstsprache - der ÖGS - mit Behörden zu kommunizieren, in ÖGS Bildung zu erfahren und durch die Bereitstellung von Dolmetschdiensten barrierefreien Zugang zu staatlichen Einrichtungen zu bekommen", so Helene Jarmer. Gehörlose LektorInnen könnten dann unter Einbeziehung eines/r DolmetscherIn ihre Vorlesungen und Übungen abhalten, meint Jarmer, die selbst als Gehörlose immer wieder Lehrveranstaltungen am Institut für Erziehungswissenschaft abhält. Und gehörlose Studierende hätten das Recht auf eine/n DolmetscherIn und könnten so gleichberechtigt an allen Vorlesungen teilnehmen. Sie müssten nicht mehr aus Büchern lernen und sich überlegen, welche Vorlesungen 'wichtig' sind, um das begrenzte Dolmetschbudget auch richtig einzusetzen. "Unser größter Wunsch ist, dass Gehörlose während ihrer Ausbildung uneingeschränkten Zugriff auf Dolmetschdienste haben. Bildung darf nicht durch Sprachbarrieren blockiert werden", so Jarmer. Diskriminierung Nach wie vor werden gehörlose, aber auch andere körperlich behinderte Studierende diskriminiert. "Auf der PÄDAK gibt es etwa diskriminierende Formulierungen, wonach kein Behinderter das Lehramtszeugnis erhalten darf. Daher inskribieren zum Beispiel gehörlose Studierende nur außerordentlich und erhalten so nach gleichwertigem, abgeschlossenem Studium nur ein Zertifikat", beschreibt Jarmer. Ähnliche Fälle von Diskriminierung an den Universitäten sind ihr aber nicht bekannt. "Oft ist Gehörlosen ihre Diskriminierung aber auch gar nicht bewusst. Wir haben deshalb eine Diskrimierungs-Dokumentation auf www.oeglb.at eingerichtet", erklärt Verena Krausneker, Sprachwissenschafterin und Mitglied des ÖGLB-Bundesvorstands. "Die Nicht-Integration von Gehörlosen im universitären Bereich beginnt sicherlich mit der mangelnden Frühförderung und hängt mit der Verweigerung gleichberechtigter Bildungschancen zusammen", gibt Günter Roiss zu bedenken. (dan) Sprachenzentrum der Universität Wien Österreichischer Gehörlosenbund ÖGS-DolmetscherInnen-Ausbildung der Universität Graz |
