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Innenhof, 1945. Fotos: Archiv der Universität Wien


Dachbereich des Hauptgebäudes der Universität Wien, 1945.


Bibliothekszugang, 1945.


Lesen Sie auch: Erinnerung an NovemberpogromKurt Schubert: "Unser Haus für das neue Österreich!"Die Wiedereröffnung der Universität Wien am 2. Mai 1945
Studieren an der Universität Wien zwischen 1945 und 1955
1945-55, Studium/Lehre
Simone Kremsberger (Redaktion) am  2. November 2005

1945 lag die Universität Wien in Schutt und Asche. Wie der studentische Betrieb wieder aufgenommen wurde, wer in den kommenden zehn Jahren an der Universität Wien studierte und wie sich Hochschul- und Studentenpolitik entwickelten, beschrieb Maria Mesner in einem gemeinsam mit Herbert Posch erarbeiteten Vortrag im Rahmen der Ringvorlesung "Die Universität Wien 1945-1955".

Zu Kriegsende hatte die Studierendenzahl an der Universität Wien mit 3446 StudentInnen im Wintersemester 1944/45 einen Tiefstand erreicht. Rückkehrende aus Krieg und Emigration sorgten für einen raschen Anstieg: 1946/47 waren schon 12.527 Studierende inskribiert.

30 Prozent weibliche, 20 Prozent ausländische Studierende nach 1945


Die Kriegszeit hatte - "eigentlich ein Widerspruch zur NS-Ideologie", so die Zeithistorikerin Maria Mesner - eine starke Frauenpräsenz an den Universitäten bedeutet: im Wintersemester 1943/44 über 50 Prozent. Nach 1945 sank der Frauenanteil und blieb bis Ende der 1960er Jahre knapp unter 30 Prozent. Im Nachkriegssemester machten ausländische Studierende ein Fünftel der Inskribierten aus - "Staatenlose" und Studierende aus Osteuropa, ab den 1950er Jahren aus Deutschland, Griechenland, Norwegen, den USA und Italien.

"Unterfrequenz der Israeliten"


Der Anteil der KatholikInnen lag während der Kriegsjahre relativ konstant zwischen 75,7 und 76,5 Prozent, ca. elf Prozent waren protestantisch. Waren 1934 aber 10,7 Prozent jüdischer Konfession, so lag der Anteil jüdischer Studierender 1945/46 bei 0,9 Prozent. Im Beamtendeutsch der "Statistischen Nachrichten 1946" heißt es dazu: "Die Unterfrequenz der Israeliten geht auf äußere Gründe zurück, die allgemein bekannt sind."

Studentischer Alltag unter erschwerten Bedingungen


Als die Universität Wien im Mai wiedereröffnet wurde, konnte angesichts der Zerstörungen, so Mesner, "von Alltag keine Rede sein". ErstinskribentInnen räumten neben ehemaligen NSDAP-Mitgliedern Schutt. Der erste Winter nach dem Krieg war kalt, Heizmaterial fehlte ebenso wie manche Fensterscheibe. Eine damalige Medizinstudentin berichtete, dass das Leichensezieren unmöglich war - die Körper waren eingefroren. "Bis 1951 waren die materiellen Schäden an den Gebäuden großteils behoben, die intellektuellen Schäden durch Vertreibung, Ermordung und Nazifizierung aber wesentlich dauerhafter", schildert Mesner. Oft stand nicht ausreichend qualifiziertes Lehrpersonal zur Verfügung, das Vorlesungsverzeichnis 1945/46 für Ethnologie führt etwa nur einen Lehrenden an.

Selbstinitiative der Studierenden und Legendenbildung


In den letzten Kriegsmonaten hatten sich studentische Zirkel gebildet, um die Universität vor Zerstörungen zu bewahren. Aus der "Petersplatzbewegung" trat der spätere Judaistik-Professor Kurt Schubert hervor, der Kontakt mit der Roten Armee aufnahm und in deren Auftrag er den Studienbetrieb provisorisch reorganisieren sollte. Er wurde als "erster Studentenrektor" zur Legende - am 25. April 1945 wählte man Ludwig Adamovich zum "offiziellen" Rektor.

Aufnahme der Studentenpolitik


Politische Gruppierungen formierten sich auch an der Universität: Die ÖVP-nahe "Freie österreichische Studentenschaft" (FÖST), später "Union" bzw. "Wahlblock", der "Verband Sozialistischer Studenten Österreichs" (VSStÖ) und die kommunistische "Vereinigung demokratischer Studenten" (VdS). Am 3. September 1945 wurde die "Österreichische Hochschülerschaft" (ÖH) gegründet. Die Studierendenvertretung war dem Rektor unterstellt.

Entnazifizierung unter Studierenden


Nach den Nationalratswahlen 1945 wurde das Thema "Entnazifizierung" brisant: "Laut Inskriptionsvorschrift vom August 1945 durften 'Illegale', SS-Angehörige oder NSDAP-Funktionäre im Wintersemester 1945/46 nicht zum Studium zugelassen werden, NSDAP-Mitglieder und -AnwärterInnen nur in begründeten Ausnahmefällen. Eine Entnazifizierungskommission mit drei ParteienvertreterInnen der ÖH erstellte ein Gutachten, der Rektor entschied dann über die Zulassung, wogegen die betreffenden Studierenden im Falle einer Verweigerung beim Unterrichtsministerium Einspruch erheben konnten", berichten Maria Mesner und Herbert Posch. Belastete Studierende konnten ausgeschlossen oder zu Sühnearbeit verpflichtet werden. Die Praxis sah toleranter aus: 1946 wurden nur zwei Prozent der überprüften StudienwerberInnen sofort ausgeschlossen und sechs Prozent an den Überprüfungssenat übermittelt, 1947 vier Prozent ausgeschlossen und 15 Prozent an den Überprüfungssenat überwiesen.

Hochschulwahlen und nationalsozialistische Ausschreitungen


Die ersten Hochschulwahlen 1946 erreichten eine für heutige Verhältnisse utopisch hohe Wahlbeteiligung von 82 Prozent. Die "Union" siegte an der Universität Wien mit knapp 78 Prozent, die konservative Dominanz sollte bis nach 1955 unverändert bleiben. Rund um die Wahlen kam es zu nationalsozialistischen Ausschreitungen, Beschimpfungen von studierenden KZ-Überlebenden und Prügeleien. Von einer "gelungenen Entnazifizierung" konnte nicht gesprochen werden. 1951 kandidierten erstmals wieder nationale StudentInnen und errangen 14,3 Prozent der Stimmen, 1953 als "Ring freiheitlicher Studenten" (RFS) 26 Prozent.
Ende der 1940er Jahre, nachdem die unmittelbaren Nachkriegsprovisorien beseitigt waren, wurde die Existenzsicherung der Studierenden zentrales politisches Thema. Einem Taxenwesen stand kein staatliches Stipendienwesen gegenüber. Erst 1963 trat ein Studienbeihilfegesetz in Kraft. Die Studiengebühren wurden 1972 abgeschafft - und 2001 wieder eingeführt.

Institute und Fakultäten nach 1945


Wie der Universitätsbetrieb in der Dekade nach 1945 an den Fakultäten und Instituten aussah, zeigen die nächsten Vorträge der Ringvorlesung. Am Freitag, 4. 11. 2005, spricht Univ.-Prof. Dr. André Gingrich über die Wiener Völkerkunde. In weiteren Terminen stehen Juridische Fakultät und Staatswissenschaften, Theaterwissenschaft, Musikwissenschaft, die Theologischen Fakultäten, Germanistik, Klassische Philologie, Philosophie, Physik und Chemie sowie die Medizinische Fakultät auf dem Programm. (sk)


Univ.-Doz. Dr. Maria Mesner, externe Dozentin am Institut für Zeitgeschichte und Mitarbeiterin des Projektzentrums Lehrentwicklung, hielt am 28.10.2005 den gemeinsam mit Mag. Herbert Posch, Leiter des Arbeitsbereiches Museologie an der Fakultät für Interdisziplinäre Forschung und Fortbildung/IFF der Universität Klagenfurt in Wien und Lektor am Institut für Zeitgeschichte, erarbeiteten Vortrag "Studieren und Studierende an der Universität Wien 1945–955" im Rahmen der Ringvorlesung "Die Universität Wien 1945–955".

Alle Beiträge zur Ringvorlesung werden in einem Sammelband nachzulesen sein:
Margarete Grandner/Gernot Heiß/Oliver Rathkolb (Hg.): Die Universität Wien 1945-1955. Reihe Querschnitte, Studienverlag Innsbruck (Erscheintermin: Jänner 2006)

Ringvorlesung "Die Universität Wien 1945–955"
Programm (PDF)
Margarete Grandner, Gernot Heiß, Oliver Rathkolb
jeweils Freitag 12–4 Uhr, HS 34, Hauptgebäude

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